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Jobmotor Solardach: Warum die Einspeisevergütung nicht gekippt werden darf

zuletzt aktualisiert: 9. June 2026

Die Solarbranche wächst, auf immer mehr privaten Dächern entsteht grüne Energie. Doch aktuelle politische Pläne könnten diesen Ausbau spürbar verlangsamen. Die Studie »Effekte der EEG-Reform 2023 auf den PV-Zubau und entsprechende Fachkräftebedarfe« von Annika Feith, Henry Zehe, Florian Fickler und Jan Ludwig Fries im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung liefert dazu klare Zahlen. Sie rechnet vor, warum die Energiewende verlässliche Förderungen sowie gut ausgebildete Fachkräfte braucht – und was passiert, wenn finanzielle Anreize abrupt wegfallen.

Ein Handwerker in orangefarbenem T-Shirt, Arbeitshose und Handschuhen positioniert an einem sonnigen Tag ein großes Solarpanel auf den metallenen Montageschienen eines Ziegeldachs.
Handwerkliches Know-how direkt vor Ort: Die Installation der Anlagen ist der größte Beschäftigungstreiber der Branche. Rund 2.700 der neu entstandenen Arbeitsplätze entfallen allein auf die Montage.IMAGO/Zoonar.com/Juergen Landshoeft

Das Wichtigste in Kürze

  • Die EEG-Reform 2023 hat den Bau privater Solaranlagen mehr als verdreifacht.

  • Dadurch entstanden rund 4.650 zusätzliche Arbeitsplätze.

  • Die Einspeisevergütung ist ein zentraler Anreiz für private Investitionen.

  • Ein abruptes Ende dieser Fördermaßnahme gefährdet die Energiewende und Tausende Jobs.

Das Jahr 2023 markierte einen Wendepunkt für kleine Photovoltaik-Anlagen (PV) auf deutschen Dächern. Der jährliche Ausbau /Zubau im privaten Segment stieg von etwa 300 Megawatt-Peak (MWp) im Jahr 2022 auf rund 1.400 MWp im Folgejahr an. Die Einheit Megawatt-Peak ist der Standard in der Solarbranche: Sie beschreibt die maximale Leistung, die eine Anlage unter idealen Bedingungen – also bei perfektem Sonnenschein – erzeugen kann. Dass sich diese neu installierte Leistung um den Faktor 4,6 auf fast das Fünffache gesteigert hat, ist kein Zufall. Es ist vor allem das Ergebnis politischer Weichenstellungen.

Mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Anfang 2023 fielen wesentliche bürokratische Hürden: Die Mehrwertsteuer für Kauf und Installation kleiner Anlagen sank auf null Prozent. Gleichzeitig stiegen die finanziellen Anreize durch eine höhere Einspeisevergütung – also jenem garantierten Geldbetrag, den Haushalte für den ins Stromnetz eingespeisten Solarstrom erhalten.

Die Rechnung geht auf: Mehr als die Hälfte dieses außergewöhnlichen Wachstums – rund 60 Prozent – geht direkt auf diese politischen Maßnahmen zurück. Die EEG-Reform für sich genommen hat das Installationsniveau im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdreifacht. Die restlichen 40 Prozent des Gesamtwachstums resultieren vor allem aus den stark gestiegenen Strompreisen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine (vgl. S. 18). Der Schock auf den Energiemärkten machte den selbst erzeugten Strom vom eigenen Dach wirtschaftlich hochattraktiv.

  • 4.650

    zusätzliche Arbeitsplätze sind durch den Solar-Boom 2023 entlang der Wertschöpfungskette entstanden.

  • 2.700

    Beschäftigte davon entfallen allein auf die arbeitsintensive Planung und Montage vor Ort.

  • 60 Prozent

    des PV-Wachstums im Kleinanlagensegment lassen sich auf die gesetzlichen Reformen zurückführen.

  • 100.000

    Jobs gingen in den frühen 2010er-Jahren durch abrupte Förderkürzungen in der Branche verloren.

Der unterschätzte Jobmotor

Der massive Ausbau der Solarenergie ist nicht nur ein Gewinn für den Klimaschutz, sondern auch ein wichtiger Beschäftigungstreiber. Die zusätzlich installierte Leistung von 650 MWp durch die Reformen führte zu einem Bedarf von rund 4.650 zusätzlichen Arbeitskräften.

»Eine arbeitsmarktbezogene Flankierung energiepolitischer Maßnahmen ist [...] keine Nebenbedingung, sondern eine zentrale Voraussetzung für ihren Erfolg«
Die Autor*innen der Studie »Effekte der EEG-Reform 2023 auf den PV-Zubau und entsprechende Fachkräftebedarfe«

Dieser Bedarf verteilt sich über die gesamte Wertschöpfungskette. Etwa 800 neue Stellen entstanden in der Anlagenproduktion, weitere 1.150 bei Zulieferbetrieben. Der mit Abstand größte Personalbedarf herrscht jedoch auf den Dächern selbst: Rund 2.700 zusätzliche Fachkräfte wurden für Planung und Montage benötigt. Hier ist handwerkliches Know-how gefragt. Dachdecker*innen, Elektriker*innen sowie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker*innen sind zentrale Akteur*innen der Energiewende.

Wachstumstreiber Einspeisevergütung

Trotz dieses Erfolgs steht die Branche vor einer Bewährungsprobe. In der Bundesregierung gibt es Überlegungen, die garantierte Einspeisevergütung in Zukunft abzuschaffen. Stattdessen müssten Haushalte ihren selbst erzeugten Strom künftig direkt vermarkten. Die Direktvermarktung birgt wirtschaftliche und klimapolitische Risiken. Die Daten belegen eindeutig: Die Erhöhung der Einspeisevergütung war ein maßgeblicher Treiber für das aktuelle Wachstum. Allein durch diese Anpassung stieg der PV-Zubau schätzungsweise um 60 bis 85 Prozent an. Ohne diese finanzielle Sicherheit ist damit zu rechnen, dass sich deutlich weniger Privatleute für ein eigenes Dachkraftwerk entscheiden werden.

Die Einspeisevergütung spielt – auch in Zeiten, in denen Hausspeicher und Eigenverbrauch immer wichtiger werden – eine tragende Rolle für die Investitionsentscheidung von Verbraucher*innen. Sie mit einem Schlag abzuschaffen wäre ein harter Rückschlag für die Energiewende mit spürbaren Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Vergangenheit liefert hier ein warnendes Beispiel: In den frühen 2010er-Jahren führten plötzliche Kürzungen der Fördermittel dazu, dass der Ausbau einbrach und rund 100.000 Arbeitsplätze in der deutschen Solarbranche verloren gingen.

Was jetzt passieren muss

Ein Auslaufen der Einspeisevergütung darf, wenn überhaupt, nur stufenweise und mit viel Bedacht erfolgen. Wenn private Haushalte ihren Solarstrom künftig direkt auf dem Strommarkt verkaufen sollen, müssen die Regeln dafür massiv einfacher werden. Bislang ist diese sogenannte Direktvermarktung für Privatleute noch viel zu bürokratisch und kompliziert.

Zudem gilt es, das Energiesystem konsequent in die Zukunft zu führen. Das bedeutet: Netzanschlüsse beschleunigen, Vorschriften abbauen und Speicherkapazitäten wie Batterien, Elektrolyse und Kraft-Wärme-Kopplung gezielt fördern.

Doch all das nützt nichts, wenn die Menschen fehlen, die die Anlagen aufs Dach bringen. Die Sicherung von Fachkräften muss oberste Priorität haben. Es braucht gezielte Imagekampagnen für Klimaberufe, finanzielle Anreize für Ausbildungsbetriebe und verbindliche Qualitätsstandards, um die Sicherheit der Beschäftigten bei Installationen zu garantieren. Nur wenn sichere Arbeitsbedingungen, gut ausgebildetes Personal und verlässliche politische Rahmenbedingungen Hand in Hand gehen, bleibt das Solardach dauerhaft ein Jobmotor. So wird die Energiewende nicht nur zu einem Gewinn für das Klima, sondern auch für den Wirtschaftsstandort und die Beschäftigten.

Christina Schildmann (Hans-Böckler-Stiftung) über die geplante EEG-Reform 2026

Fragen und Antworten zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG)

Dieser Text basiert auf:

Feith, Annika; Zehe, Henry; Fickler, Florian; Fries, Jan Ludwig (2026): Effekte der EEG-Reform 2023 auf den PV-Zubau und entsprechende Fachkräftebedarfe. Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. WifOR Institute, Darmstadt/Berlin, 38 Seiten.

Über die Methodik

Die Untersuchung nutzt ein ökonomisches Panelregressionsmodell, um den Effekt der Gesetzesreformen auf den PV-Zubau von anderen Einflussfaktoren (wie Strompreisen oder Löhnen) statistisch zu trennen. Als Datengrundlage diente unter anderem das Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur. Um die daraus resultierenden Jobeffekte zu berechnen, kam ein sogenanntes Sektorübergreifendes Arbeitsmarktmodell (SAM) zum Einsatz, das Investitionssummen entlang der Wertschöpfungskette in Beschäftigungsbedarfe übersetzt.

Über die Autor*innen

  • Annika Feith

    forscht 2026 am WifOR Institute zu arbeitsmarktpolitischen Fragestellungen im Kontext der sozial-ökologischen Transformation.

  • Henry Zehe

    ist 2026 als Forscher am WifOR Institute tätig und analysiert sektorübergreifende Arbeitsmarkteffekte und Fachkräftebedarfe.

  • Florian Fickler

    ist 2026 Experte am WifOR Institute für die Quantifizierung von Beschäftigungseffekten durch politische Maßnahmen und Investitionen.

  • Dr. Jan Ludwig Fries

    war bis Ende 2024 Team Lead International Social Policy bei WifOR.