Wo sind die Hände für die Wende?
zuletzt aktualisiert: 5. February 2026
Die Bundesregierung investiert Milliarden in die energetische Sanierung von Gebäuden, doch die Pläne drohen zu scheitern. Das zeigt eine Studie aus dem April 2024 mit dem Titel »Fachkräftebedarfe der sozial-ökologischen Transformation im Wohngebäudesektor« von Jan Ludwig Fries, Andreas Haaf, Katja Hünecke und Sandra Zimmermann: Den gut gemeinten Förderprogrammen fehlt das Wichtigste – über 50.000 Fachkräfte, um die Wärmewende auf den Baustellen Realität werden zu lassen.

Geld allein saniert nicht
Um die Klimaziele zu erreichen, muss Deutschland bis 2045 treibhausgasneutral werden. Ein entscheidender Sektor ist dabei der Gebäudebestand, der für rund ein Drittel des gesamten Endenergieverbrauchs verantwortlich ist. Die Lösung scheint klar: Fassaden dämmen, Fenster austauschen, moderne Heizungen wie Wärmepumpen installieren. Um Eigentümer*innen dafür zu gewinnen, hat die Politik eine breite Förderlandschaft geschaffen. Programme wie die »Bundesförderung für effiziente Gebäude« (BEG) oder die »Bundesförderung für Energieberatung für Wohngebäude« (BEW) lenken jährlich Milliarden Euro in den Markt, um Sanierungen anzureizen.
Doch das Working Paper zeigt, dass Geld allein das Problem nicht löst. Die Analyse von drei zentralen Förderprogrammen für das Jahr 2023, die ein Investitionsvolumen von 14,2 Milliarden Euro auslösen, legt den Finger in die Wunde: Der Arbeitsmarkt im Handwerk ist schon heute von massiven Engpässen geprägt. Die staatlichen Anreize treffen auf eine Realität, in der die Hände fehlen, um die Arbeit zu erledigen. Das führt zu einem gefährlichen Paradox:
»Fehlen jedoch die Fachkräfte, um die Maßnahmen tatsächlich auszuführen, führt diese Knappheit zu steigenden Sanierungspreisen, welche die Subventionen quasi aufsaugen.«
Die Fördergelder könnten also nicht nur die Transformation beschleunigen, sondern auch die Preise in die Höhe treiben – ohne dass am Ende zwingend mehr saniert wird.
Mehr als nur Baustelle: Eine ganze Wertschöpfungskette
Um zu verstehen, wie groß das Problem ist, haben die Forscher*innen die sogenannte »Wertschöpfungskette Transformation Wohngebäude« definiert und analysiert. Dieser Begriff macht deutlich, dass eine energetische Sanierung weit mehr ist als nur das, was auf der Baustelle passiert. Sie umfasst drei große Bereiche:
Planung: Architektur- und Ingenieurbüros, Energieberater*innen.
Materialherstellung: Industrieunternehmen, die Dämmstoffe, Heizkessel, Wärmepumpen oder Fenster produzieren.
Durchführung: Das Handwerk, das die Produkte schließlich installiert – von Dachdecker*innen über Heizungsinstallateur*innen bis zu Elektriker*innen.
Die ökonomische Bedeutung dieses Sektors ist enorm: Rund 2 Millionen Menschen sind hier sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Unternehmen entlang dieser Kette erwirtschaften etwa 8 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland. Das macht die Transformation des Wohngebäudesektors zu einem zentralen Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor.
Ein Riese im Stillen
Die Branchen der Gebäudesanierung sind ein Schwergewicht der deutschen Wirtschaft: Sie sichern 2 Millionen Jobs und erwirtschaften rund 8 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung.
Schwerpunkt Baustelle
Das Baugewerbe ist das Herz der Kette. Fast zwei Drittel aller Beschäftigten in diesem Sektor arbeiten im Handwerk, also genau dort, wo die Sanierung praktisch umgesetzt wird.
Der Engpass ist schon da
Die Branche kämpft bereits jetzt mit Personalmangel. In den wichtigsten Berufsfeldern – von der Heizungstechnik bis zur Bauplanung – fehlt es schon heute an qualifizierten Fachkräften.
52.000 neue Jobs – doch wer soll sie machen?
Die zentrale Berechnung der Studie ist ebenso simpel wie brisant: Allein die drei untersuchten Förderprogramme erzeugen im Jahr 2023 eine zusätzliche Nachfrage nach 52.462 Fachkräften.
Dieser Bedarf verteilt sich ungleich auf die Wertschöpfungskette:
Handwerk: Fast zwei Drittel der Nachfrage, also rund 32.650 zusätzliche Arbeitskräfte, entfallen auf die ausführenden Gewerke.
Produktion: Etwa 19.200 Personen werden in der Industrie zur Herstellung der Materialien benötigt.
Planung: Nur rund 600 zusätzliche Fachkräfte werden in Planungs- und Beratungsberufen gebraucht.
Das bedeutet eine relative Zusatznachfrage von 2,5 Prozent im Handwerk – und das in einem Bereich, der schon heute ächzt. Berufe wie Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Bauelektrik oder auch Aufsichtskräfte in der Bauplanung gelten bereits offiziell als Engpassberufe. In zehn der 15 größten Berufsgruppen entlang der Wertschöpfungskette herrscht bereits heute ein Mangel an Fachkräften. Die Förderprogramme gießen also Öl ins Feuer eines ohnehin schon heißen Arbeitsmarktes.
Politischer Fokuswechsel dringend nötig
Die Ergebnisse des Working Papers senden eine klare Botschaft an die Politik: Es reicht nicht aus, nur finanzielle Anreize zu schaffen. Eine echte Transformation des Gebäudesektors braucht einen Plan, der über die Finanzierung hinausgeht. Die Studie legt nahe, dass die »Fachkräftesicherung und -aktivierung« eine ebenso hohe Priorität bekommen muss wie die Gestaltung von Förderprogrammen.
Denn ohne eine gezielte Strategie zur Qualifizierung, Aktivierung und vielleicht auch Zuwanderung von Fachkräften droht die gut geplante Gebäudewende an der handfesten Realität zu scheitern: Es gibt nicht genug Fachkräfte, die sie umsetzen können. Die sozial-ökologische Transformation ist am Ende des Tages Handarbeit – und dafür braucht es nicht nur Geld, sondern vor allem Menschen.
FAQ: Was man zur Fachkräftelücke in der Gebäudewende wissen muss
Über die Methodik
Die Autor*innen analysieren die Wirkungen von drei zentralen Förderprogrammen zur energetischen Gebäudesanierung (BEG, EnSimiMaV, BEW) für das Jahr 2023. Zuerst definieren sie auf Basis amtlicher Statistiken die »Wertschöpfungskette Transformation Wohngebäude«, um alle relevanten Wirtschaftsbereiche zu erfassen. Anschließend schätzen sie die durch die Förderprogramme ausgelösten Investitionen und bereinigen diese um sogenannte Mitnahmeeffekte. Mithilfe eines ökonomischen Modells berechnen sie, wie sich diese Investitionen auf die Bruttowertschöpfung und die Nachfrage nach Arbeitskräften in den einzelnen Sektoren auswirken.