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Welche Qualifizierung brauchen Betriebsräte? Weiterbildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit | LABOR.A® 2025

zuletzt aktualisiert: 9. February 2026

Fast alle Betriebsräte besuchen Seminare. Weiterbildung gilt als wichtig, stärkend, handlungsfähig machend. Und doch zeigt dieses Panel: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt eine wachsende Lücke. »Welche Qualifizierung brauchen Betriebsräte?« nimmt genau diese Spannung auf – und führt von überraschend stabilen Grundlagen über strukturelle Ungleichheiten bis zu unbequemen Fragen nach Gerechtigkeit, Formaten und Verantwortung.

Was das Video besonders macht: Es bleibt nicht bei der Beschreibung von Defiziten. Die Diskussion zeigt, wo Weiterbildung systematisch scheitert, wer davon profitiert – und warum selbst hoch motivierte Gremien an formalen, zeitlichen und kulturellen Barrieren hängen bleiben.

Ein starker Ausgangspunkt – und erste Risse

Fabian Hoose (Moderation, Gemeinsame Arbeitsstelle RUB–IG Metall) eröffnet die Session mit einem klaren Ziel: Die Kluft zwischen Bildungsanspruch und realer Umsetzung sichtbar zu machen.

Sabrina Glanz (Projekt QuBa3, Gemeinsame Arbeitsstelle RUB–IG Metall) präsentiert die zentralen Ergebnisse der aktuellen Befragung – und die sind zunächst eindeutig: Weiterbildung wird mehrheitlich als sehr wichtig eingeschätzt und als Voraussetzung gesehen, um die eigene Rolle wirksam ausüben zu können.

»Beinahe alle [befragten] Betriebsratsmitglieder haben auch schon mindestens ein Seminar zur Weiterbildung besucht.«
Sabrina Glanz, Projekt QuBa3

Doch bereits hier zeigt sich eine erste Verschiebung: Die hohe Teilnahme sagt wenig darüber aus, wem Weiterbildung tatsächlich offensteht – und worauf sie sich konzentriert.

Ungleich verteilt: Wer kommt – und wer außen vor bleibt

Sabrina Glanz differenziert die Ergebnisse: Weiterbildungsteilnahme ist klar ungleich verteilt. Größere Betriebe, freigestellte Betriebsratsvorsitze und ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad erhöhen die Wahrscheinlichkeit, regelmäßig an Seminaren teilzunehmen.

Überraschend ist ein anderer Befund:

»Personen mit Migrationshintergrund nehmen tatsächlich aktiver an Weiterbildung teil als Personen ohne.«
Sabrina Glanz, Projekt QuBa3

Gleichzeitig zeigt sich ein struktureller Nachteil für Frauen sowie nicht oder teilfreigestellte Gremienmitglieder. Der häufigste Hinderungsgrund ist nicht mangelndes Interesse, sondern Zeit – verursacht durch berufliche Belastung, private Verpflichtungen und Konflikte mit dem Arbeitgeber.

Akut schlägt strategisch

Oliver Venzke (Kompetenzzentrum Bildung der IG BCE) beschreibt ein zentrales Dilemma: Weiterbildung wird im betrieblichen Alltag immer wieder verdrängt – nicht aus Ignoranz, sondern aus Druck.

»Die Themen werden erst dann virulent, wenn sie im täglichen Doing ankommen.«
Johanna Uekermann, EVA Akademie der EVG

Zukunftsthemen wie Digitalisierung oder KI rücken erst in den Fokus, wenn sie konkret im Betrieb auftauchen. Bildung folgt dem Anlass, nicht der Vorsorge. Das Resultat: Reagieren ersetzt strategische Qualifizierung.

Formate entscheiden über Zugang

Johanna Uekermann (EVA Akademie der EVG) bringt einen neuen Aspekt in die Debatte ein: Weiterbildung ist immer auch eine Gerechtigkeitsfrage. Klassische fünftägige Präsenzseminare schaffen faktisch Hürden – für Teilzeitbeschäftigte, für Menschen mit Care-Verantwortung und für kleinere Betriebe.

Die Forderung ist klar: Es braucht auch kürzere, modulare, hybride Formate. Gleichzeitig bleibt Präsenz wichtig – nicht nur für Inhalte, sondern für Austausch und Netzwerke.

»Leute wollen weiterhin Präsenz – die Frage ist nur: Können sie kommen?«
Oliver Venzke, IG BCE

Markt vs. Werte

Gewerkschaftliche Bildungsangebote stehen im Wettbewerb mit kommerziellen Anbietern, die mit attraktiven Lernorten, Goodies und einfachen Versprechen arbeiten.

Gewerkschaftliche Bildung, so das klare Selbstverständnis, setzt dagegen auf wertebasierte, betriebsnahe und handlungsorientierte Qualifizierung.

Wo es besonders hakt

Das Thema Women-only-Formate markiert einen weiteren Wendepunkt. Die Nachfrage ist hoch – die Genehmigung durch Gremien jedoch oft schwierig.

Hinzu kommen ungleiche Voraussetzungen zwischen kleinen und großen Betrieben. Während in größeren Unternehmen Bildungsplanung etabliert ist, kämpfen kleinere Betriebe mit Zeit, Budgets und Zustimmung.

Fazit: Qualifizierung braucht Struktur – und Mut

In der Abschlussrunde verdichtet sich das Panel. Gute Betriebsratsqualifizierung braucht mehr Flexibilität, weniger Strukturkonservatismus und gerechte Zugangsbedingungen. Bildung darf kein zusätzlicher Kampf sein – sondern muss eine realistische Möglichkeit bleiben, Interessen wirksam zu vertreten.

Warum dieses Video sehenswert ist

  • Weil es zeigt, dass Weiterbildung kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem ist.

  • Weil es Ungleichheiten offenlegt, die selbst engagierte Gremien ausbremsen.

  • Weil es überraschende Befunde liefert – etwa zur Rolle von Migration in der Weiterbildung.

  • Und weil es deutlich macht, welche Rolle Qualifizierung für die Handlungsfähigkeit von Mitbestimmung spielt.

Dieses Panel liefert keine einfachen Rezepte. Aber es macht deutlich, was heute über gute Qualifizierung entscheidet.

Über dieses Video

Die Session »Welche Qualifizierung brauchen Betriebsräte? Weiterbildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.

Speaker*innen:

Fabian Hoose, Ruhr-Universität Bochum, Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM

Sabrina Glanz, Ruhr-Universität Bochum, Gemeinsame Arbeitsstelle RUB/IGM

Sandra Mierich, I.M.U., Hans-Böckler-Stiftung

Johanna Uekermann, EVA Akademie der EVG

Oliver Venzke, IGBCE

Nils Werner, I.M.U., Hans-Böckler-Stiftung

Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.