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Weiterbildung für alle: Hohe Zustimmung, hohe Hürden

zuletzt aktualisiert: 28. January 2026

In einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt gilt Lebenslanges Lernen als Schlüssel für Teilhabe und beruflichen Erfolg. Der gesellschaftliche Konsens darüber ist groß: Die allermeisten Menschen in Deutschland finden Weiterbildung wichtig. Doch wenn es darum geht, diesen Anspruch in die Tat umzusetzen, tauchen oft Barrieren auf. Das Working Paper »Einstellungen zum Lebenslangen Lernen in der Bevölkerung« von Bernd Käpplinger, Martin Reuter, Caroline Dietz, Frauke Bilger und Rita Reimer zeigt, wo es hakt: Der Wille zur Weiterbildung ist groß, doch die Frage der Finanzierung und mangelnde Information über eigene Rechte stellen noch Hürden dar.

Eine Gruppe von jungen Erwachsenen sitzt in einem Seminarraum an einem weißen Tisch. Sie arbeiten zusammen in einem Workshop mit bunten Moderationskarten.
Eine positive Grundeinstellung gegenüber Weiterbildung ist ein wichtiger Faktor, schlägt sich aber nicht automatisch in einer höheren Weiterbildungsbeteiligung nieder. Dafür müssen auch strukturelle Hürden abgebaut werden.IMAGO / imagebroker

Das Wichtigste in Kürze

  • Großer Lernwille: Die große Mehrheit möchte sich weiterbilden, doch fehlende Informationen und die ungelöste Kostenfrage sind echte Hürden.

  • Fehlende Information: Nur 34 % der Befragten kennen ihr gesetzliches Recht auf Bildungsurlaub im eigenen Bundesland.

  • Faire Kostenverteilung: Die Finanzierung sollten Arbeitgeber und Staat übernehmen, nicht die Einzelnen.

  • Ungleichheiten bleiben: Frauen sind auch bei Weiterbildung strukturell benachteiligt. Menschen mit niedrigeren Abschlüssen und Einkommen müssen oft größere Hürden überwinden.

»Lebenslanges Lernen« – Notwendig, um in einer Welt voller digitaler und ökologischer Umbrüche am Ball zu bleiben – für den Job, für die persönliche Entwicklung, für die Gesellschaft. Die gute Nachricht: Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland findet Weiterbildung wichtig und befürwortet Investitionen in diesem Bereich. Die schlechte: Wenn es konkret wird, zeigen sich einige Barrieren, die verhindern, dass aus dem Wunsch nach Weiterbildung Wirkklichkeit wird – insbesondere für diejenigen, die es am nötigsten hätten.

Die Kosten: Wer zahlt für Weiterbildung?

Die Präferenzen der Befragten sind eindeutig: Weiterbildung wird dann als besonders attraktiv bewertet, wenn die Kosten vom Arbeitgeber oder vom Staat übernommen werden. Angebote, die selbst finanziert werden müssen, sind deutlich unbeliebter. Das verweist nicht nur auf eine niedrige Zahlungsbereitschaft, sondern vor allem auch auf eine mangelnde Zahlungsfähigkeit. Hohe Kursgebühren, Kosten für Anreise oder Lernmaterialien stellen für viele Menschen eine unüberwindbare Hürde dar.

Weiterbildung wird also eher als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden, nicht als Privatvergnügen. Für eine gerechte Bildungspolitik bedeutet das: Pauschale Appelle an mehr Eigenverantwortung laufen ins Leere, wenn die finanziellen Mittel schlicht fehlen oder die Prioritäten anders gesetzt werden müssen – etwa bei steigenden Kosten für Wohnen und Leben. Stattdessen müssen nachhaltige und solidarische Finanzierungsmodelle im Mittelpunkt stehen, die die finanzielle Last fair auf Arbeitgeber, Staat und Individuen verteilen.

»Für eine Weiterbildungspolitik, welche Weiterbildung primär als Markt begreift, und auf eine individuelle Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit setzen sollte, fehlt in Deutschland aktuell der Rückhalt in der Bevölkerung [...]«
Die Autor*innen der Studie »Einstellungen zum Lebenslangen Lernen in der Bevölkerung«

Mehr Unterstützung für Frauen

Die Forderung nach staatlicher und betrieblicher Finanzierung wird von Frauen noch stärker unterstützt als von Männern. Auf den ersten Blick mag die Weiterbildungsbeteiligung von Frauen und Männern heute ähnlich hoch erscheinen, doch unter der Oberfläche setzen sich bestehende Ungleichheiten fort. Denn: Frauen finanzieren ihre Weiterbildungen häufiger selbst und sind seltener in betrieblich geförderten Maßnahmen vertreten.

Eine geschlechtergerechte Weiterbildungspolitik muss auch strukturelle Benachteiligungen anerkennen. Oft sind es die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und unterschiedliche Erwerbsbiografien, die Frauen finanziell schlechter stellen. Daher braucht es gezielte Förderinstrumente, die diese Lasten ausgleichen und sicherstellen, dass Weiterbildung nicht zu einer weiteren finanziellen Benachteiligung von Frauen führt.

Der blinde Fleck: Bildungszeit

Neben der Frage nach der Finanzierung ist eine weitere große Barriere das fehlende Wissen. Das prominenteste Beispiel ist die sogenannte Bildungszeit (oft auch Bildungsurlaub genannt). In 14 von 16 Bundesländern haben Beschäftigte einen gesetzlichen Anspruch auf bezahlte Freistellung von der Arbeit für Weiterbildungen. Eine enorme Chance für Millionen Arbeitnehmer*innen. Doch nur 34 Prozent der Befragten wissen überhaupt von der Existenz eines solchen Gesetzes in ihrem Bundesland. Die Mehrheit, nämlich 59 Prozent, antwortet mit »weiß ich nicht«.

Hier offenbart sich ein großes Informationsdefizit. Ein Recht, das niemand kennt, kann auch nicht genutzt werden. Die geringen Nutzungszahlen von Bildungszeit, die oft kritisiert wird, erscheinen so in einem neuen Licht. Es liegt nicht unbedingt am Desinteresse der Beschäftigten, sondern an mangelnder Aufklärung und Kommunikation seitens der Politik und teils auch der Betriebe. Für eine gerechte Bildungspolitik bedeutet das: Es braucht dringend proaktive, verständliche und niedrigschwellige Informationskampagnen, die von Politik, Gewerkschaften und Betriebsräten in die Betriebe und die Breite der Gesellschaft getragen werden.

  • Hohe Lernbereitschaft

    69 % der Befragten haben in den letzten zwölf Monaten an mindestens einer nicht-formalen Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen.

  • Keine Zeit wegen Care-Arbeit

    Für 34 % der Personen, die nicht an Weiterbildungen teilnehmen, sind familiäre Verpflichtungen ein zentraler Hinderungsgrund.

  • Eine Frage des Geldes

    47 % der Menschen mit einem Haushaltseinkommen von über 5.000 € wissen über ihren Anspruch auf Bildungszeit Bescheid, bei den Einkommen unter 1.000 € sind es nur 16 %.

Von alten Vorurteilen zu gezielter Förderung

Die Analyse räumt zudem mit einigen hartnäckigen Vorurteilen auf. So wird älteren Menschen oft pauschal unterstellt, sie seien lernmüde oder nicht mehr an neuen Inhalten interessiert. Die Daten zeichnen ein anderes Bild: Ältere Personen zeigen eine signifikant positivere Einstellung zum Lernen und sehen Weiterbildung sogar noch stärker als Jüngere als wichtiges Mittel zur Bewältigung von Veränderungen.

Ähnlich ist das Ergebnis für Menschen mit Migrationshintergrund. Auch sie sind dem Lernen gegenüber besonders positiv eingestellt. Die Aussage »Ich lerne nicht gern« wird von ihnen deutlich seltener geteilt als von in Deutschland geborenen Personen.

Statt diese Gruppen mit Klischees zu belegen, sollten sie gezielt angesprochen und ihre hohe Lernmotivation als gesellschaftliche Ressource begriffen werden.

Bildung ist ungleich: Der »Matthäus-Effekt«

Trotz dieser positiven Ergebnisse bestätigt die Untersuchung ein bekanntes Muster sozialer Ungleichheit: den sogenannten »Matthäus-Effekt«. Frei nach dem Motto »Wer hat, dem wird gegeben« zeigt sich, dass Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen und höherem Einkommen durchweg eine positivere Einstellung zur Weiterbildung haben. Sie lernen lieber, sehen den Nutzen klarer und empfinden weniger Skepsis gegenüber Lehrenden oder Lernformaten.

Wer bereits durch das Bildungssystem privilegiert ist, profitiert auch später von besseren Chancen und einer positiveren Grundeinstellung. Umgekehrt haben Menschen mit niedrigeren Abschlüssen und Einkommen oft größere Hürden zu überwinden – nicht nur finanziell, sondern auch mental, möglicherweise geprägt durch negative Lernerfahrungen in der Vergangenheit. Ein Gießkannenprinzip in der Weiterbildungsförderung reicht daher nicht aus, da es bestehende Ungleichheiten eher verstärkt. Es braucht zielgruppenspezifische Strategien, die Menschen mit niedrigeren Abschlüssen und Einkommen aktiv motivieren, Hürden zu überwinden und negative Lernerfahrungen durch positive neue ersetzen.

Konsequenzen für die Bildungspolitik

Die Ergebnisse der Studie formulieren ein klares Mandat für die Politik und die Sozialpartner. Die Aufgeschlossenheit zum Lernen braucht dringend bessere Rahmenbedingungen. Die zentralen Schlussfolgerungen lassen sich in drei Punkten bündeln:

  • Solidarische Finanzierung: Die Finanzierung von Weiterbildung muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und durch faire, solidarische Modelle getragen werden.

  • Transparente Information: Gesetzlich verankerte Rechte wie die Bildungszeit müssen durch breite und verständliche Informationskampagnen bekannt gemacht werden, damit sie bei den Menschen ankommen.

  • Gezielte Förderung: Förderangebote müssen gezielt jene erreichen, die bisher benachteiligt sind, um die soziale Spaltung beim Lernen zu überwinden. Nur so kann Lebenslanges Lernen zu dem werden, was es sein soll: ein Motor für eine gerechte und zukunftsfähige Gesellschaft.

Video zum Thema: Frauen in Teilzeit – (k)eine Chance auf Weiterbildung?

Fragen und Antworten zum Thema Lebenslanges Lernen und Weiterbildung

Über die Methodik

Die Ergebnisse des Working Papers basieren auf einer repräsentativen Online-Befragung von 3.122 Personen im Alter von 18 bis 67 Jahren in Deutschland. Dabei wurden den Befragten hypothetische, aber realitätsnahe Szenarien zu Weiterbildungsangeboten vorgelegt, die sich in Merkmalen wie Anlass, Finanzierung, Format und Zeit unterschieden. Die Teilnehmenden sollten bewerten, wie wahrscheinlich ihre Teilnahme in der jeweiligen Situation wäre. Dieses experimentelle Design ermöglicht es, den Einfluss einzelner Faktoren auf die Entscheidungsfindung präzise zu analysieren.

Über die Autor*innen

  • Frauke Bilger (Diplom-Erziehungswissenschaftlerin)

    ist 2026 Associate Director Bildung und berufliche Bildung am Institut Verian. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Weiterbildung und Alphabetisierung.

  • Caroline Dietz, M. A.

    ist 2026 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Weiterbildung der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Bildungsberatung, pädagogische Organisationsforschung sowie Struktur und Steuerung von Weiterbildungssystemen.

  • Prof. Dr. Bernd Käpplinger

    ist 2026 Professor für Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Bildungsberatung, Programmforschung, die Geschichte der Volkshochschulen und Weiterbildungsbeteiligung.

  • Rita Reimer (Diplom-Soziologin)

    ist 2026 Senior Professional Sampling & Methods bei Data Solutions, Institut Verian. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der multivariaten Analyse, komplexen Stichproben und Gewichtung.

  • Dr. Martin Reuter

    ist 2026 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Weiterbildung der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Qualitätsmanagement, pädagogische Organisationsforschung sowie Lehren und Lernen in der Erwachsenenbildung.