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Transformation: Die Beschäftigten in Deutschland stehen schon in den Startlöchern

zuletzt aktualisiert: 5. February 2026

»Klima retten« und »Arbeitsplätze sichern«: Zwei Positionen, die in der Debatte über den Umbau zur Erreichung der Klimaziele als oft Gegenspieler auftauchen. Denn die sozial-ökologische Transformation ist beides zugleich: eine ökologische Notwendigkeit und eine massive Veränderung für die Arbeitswelt. Eine repräsentative Umfrage zu »Erwartungen von Beschäftigten an die sozial-ökologische Transformation« von Felix Schulz und Vera Trappmann gibt vor diesem Hintergrund einen Einblick in die Haltung der Beschäftigten. Die Ergebnisse zeigen: Der Wille zur Veränderung ist da, aber ebenso der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Verantwortung.

Nahaufnahme von sechs Startblöcken, die auf einer Laufbahn stehen.
Aufbruch in eine neue Zeit oder Ende einer Ära? Bei der sozial-ökologischen Transformation stimmt manchmal beides.IMAGO / Panthermedia

Von der Energieerzeugung über Industrie und Landwirtschaft bis zum Verkehrssektor – In Deutschland sind mehr als zehn Millionen Menschen in Bereichen beschäftigt, in denen sich die Arbeit durch die Erreichung der Klimaziele massiv verändern wird. Und auch in anderen Branchen wird das der Fall sein. Eins ist also klar: Die Perspektive der Beschäftigten ist entscheidend, denn ohne ihre Akzeptanz, ihr Wissen und ihre Bereitschaft, den Wandel mitzugestalten, kann diese Transformation nicht gelingen.

Es stehen gewichtige Fragen im Raum: Wie blicken die Beschäftigten selbst auf diesen Wandel? Sind sie bereit für die Veränderungen? Und wie müssen diese gestaltet werden, damit sie sozial gerecht sind? Die Ergebnisse einer Umfrage unter mehr als 2.000 Beschäftigten zeichnen ein deutliches Bild.

»In der öffentlich hitzig geführten Debatte ist aber bisher unklar geblieben, inwieweit Beschäftigte für den Wandel bereit sind und wie dieser in ihren Augen gestaltet werden muss.«
Felix Schulz und Vera Trappmann in »Erwartungen von Beschäftigten an die sozial-ökologische Transformation«

Das Bewusstsein ist da, aber die Sorgen auch

Die arbeitende Bevölkerung ist weder ignorant noch desinteressiert. Ganz im Gegenteil. Vier Fünftel der Befragten fühlen sich über die Ursachen und Folgen des Klimawandels gut bis sehr gut informiert. Diese Informiertheit führt aber auch zu einer tiefen Besorgnis: Fast drei Viertel (73 %) der Beschäftigten sind »sehr« oder »ziemlich besorgt« über den Klimawandel.

Diese Sorge ist nicht abstrakt. Sie äußert sich in einem Mix aus starken Emotionen: Neben Angst (47 %) und Empörung (50 %) empfindet ein signifikanter Teil auch Hoffnung (43 %). Ein klares Zeichen dafür, dass die Beschäftigten die Krise nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance für Veränderung sehen. Die Dringlichkeit ist für die meisten unübersehbar: Zwei Drittel meinen, dass mit hoher oder sogar äußerster Dringlichkeit gehandelt werden muss.

»Die Besorgnis um die ökologische Krise und die Bereitschaft für Veränderungen verdeutlichen die breite Zustimmung für einen anstehenden sozial-ökologischen Wandel.«
Felix Schulz und Vera Trappmann in »Erwartungen von Beschäftigten an die sozial-ökologische Transformation«

Transformation? Ja, aber bitte gerecht!

Die große Spannung liegt in den Folgen des Wandels. Während die Beschäftigten die ökologischen Potenziale klar erkennen – eine Mehrheit erwartet bessere Luft- und Wasserqualität sowie mehr Gesundheit und Wohlbefinden –, blicken sie mit großer Sorge auf die sozialen Auswirkungen.

Die Angst vor einer sozialen Schieflage ist zentral für die Beschäftigten. Zwei Drittel (67 %) befürchten eine Steigerung der Lebenshaltungskosten. Die Hälfte rechnet mit einer Zunahme von Armut und Ungleichheit (51 %) und einer Senkung des allgemeinen Lebensstandards (50 %). Hier zeigt sich der Kernkonflikt: Die ökologische Wende darf nicht auf Kosten der sozialen Gerechtigkeit gehen.

»Ängste über eine Zunahme sozialer Ungleichheit und eine Absenkung des Lebensstandards werden ebenso mit den Umbrüchen assoziiert allerdings auch mehr Wohlbefinden und Gesundheit.«
Felix Schulz und Vera Trappmann in »Erwartungen von Beschäftigten an die sozial-ökologische Transformation«

Diese Ambivalenz setzt sich am Arbeitsplatz fort. Zwar ist die Mehrheit der Beschäftigten bereit, sich persönlich zu verändern und neue Fähigkeiten zu erlernen, doch die Realität in den Betrieben hinkt hinterher. Mehr als die Hälfte der Unternehmen ergreift zwar Maßnahmen zur CO₂-Reduzierung, aber Weiterbildungen und Schulungen zum Klimaschutz sind noch immer die Ausnahme. Fast drei Viertel der Befragten haben noch nie an einer entsprechenden Schulung teilgenommen.

  • 73 %

    der Beschäftigten sind besorgt über den Klimawandel. Das zeigt, wie tief das Thema in der Arbeitswelt verankert ist.

  • 67 %

    der Beschäftigten fürchten durch die Transformation steigende Lebenshaltungskosten. Die Sorge vor sozialer Schieflage ist groß.

  • 41 %

    der Beschäftigten denken, dass sie neue Fertigkeiten erlernen müssen, ein Viertel der Beschäftigten hält es sogar für wahrscheinlich, dass sie ihren Arbeitsplatz wechseln müssen.

Politik, Unternehmen und Gewerkschaften: Auftrag für eine gemeinsame Aufgabe

Die Bereitschaft der Beschäftigten ist das größte Kapital für einen Wandel, der nicht nur ökologisch, sondern auch sozial gelingt. Doch dieses Kapital muss aktiviert werden. Hier entsteht ein klarer Auftrag an die entscheidenden Akteure der Transformation. Es ist dieses Zusammenspiel aus Politik, Unternehmen und Beschäftigten, das die Transformation tragen muss. Die ökologische Wende wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie als gemeinsames, soziales Projekt verstanden und umgesetzt wird.

  • Der Auftrag an die Politik: Den Rahmen fair gestalten. Die Beschäftigten sehen zuallererst den Staat in der Pflicht. Von ihm erwarten sie, dass er die Spielregeln so setzt, dass Klimaschutz und soziale Sicherheit Hand in Hand gehen. Das bedeutet, Ängste vor steigenden Kosten und wachsender Ungleichheit durch aktive Politik zu entkräften und gezielt in die Zukunft zu investieren: in erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität und die Qualifizierung von Menschen.

  • Die Rolle der Unternehmen: Wandel gemeinsam umsetzen. Direkt nach der Politik sind die Unternehmen gefordert, den Wandel vor Ort Realität werden zu lassen. Das funktioniert am besten, wenn sie es nicht über die Köpfe der Belegschaften hinweg tun, sondern gemeinsam mit ihnen. Echte Mitbestimmung bei Klimaschutzplänen, transparente Kommunikation und vor allem massive Investitionen in Weiterbildung sind der Schlüssel, um aus Betroffenen aktive Gestalter*innen zu machen.

  • Die Kraft der Mitbestimmung: Beschäftigte als Motor. Die Beschäftigten und ihre Gewerkschaften sind keine Bremserinnen, sondern ein Motor der Transformation. Gerade organisierte Arbeitnehmer*innen sind oft informierter, engagierter und veränderungsbereiter. Ihre Expertise aus dem Arbeitsalltag und ihr Drängen auf faire Bedingungen sind unverzichtbar, um den Wandel demokratisch und gerecht zu gestalten.

Fragen und Antworten zur sozial-ökologischen Transformation

Zur Methodik

Der Bericht basiert auf den Ergebnissen einer repräsentativen Online-Umfrage von über 2.000 Beschäftigten in Deutschland. Die Datenerhebung wurde im April 2022 vom Marktforschungsinstitut Skopos durchgeführt. Die Stichprobe wurde entlang von zweistelliger industrieller Klassifikation sowie Alters- und Geschlechtergruppen stratifiziert und deckt alle deutschen Bundesländer ab.

Über die Autor*innen der Studie

  • Felix Schulz

    ist 2024 Postdoctoral Research Fellow am »Centre for Employment Relations, Innovation and Change« und dem »Digital Futures of Work (Digit) Research Centre« an der University of Leeds. Er forscht zur sozial-ökologischen und digitalen Transformation. Die Rolle von Gewerkschaften, Gerechtigkeitsimplikationen und Werteorientierungen steht im Mittelpunkt seiner Arbeit.

  • Vera Trappmann

    ist 2024 Professorin für Comparative Employment Relations an der Leeds University Business School. Sie leitet einen Arbeitsschwerpunkt zu Klimawandel und Arbeit am »Centre for Employment Relations, Innovation and Change« und gemeinsam mit Dr. Dennis Eversberg das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Projekt zu »Just Transition: Aktivitäten im internationalen Vergleich«. Sie ist Mitglied im Executive Committee des »Priestley Centre for Climate Futures« an der University of Leeds und der »Economic Advisory Group on Climate Change Adaptation and Resilience« des Climate Change Committee (UK).