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Spaltung statt Solidarität: Wie rechte Pseudogewerkschaften Betriebe unterwandern

zuletzt aktualisiert: 13. October 2026

Rechtsextreme Akteure nutzen reale Sorgen im industriellen Wandel und inszenieren sich als wahre Stimme der Belegschaft. Das Working Paper »Konfliktlinien des rechten Betriebspopulismus« von Maurice Laßhof und Ulrich Brinkmann zeigt, mit welchen Strategien eine rechte Pseudogewerkschaft vorgeht – und wie gewerkschaftliche Gegenstrategien aussehen können.

Blick steil hinab auf eine schmale Industrietreppe aus Metallgittern zwischen grauen Wänden.
Für viele Beschäftigte fühlt sich der industrielle Wandel wie ein Weg nach unten an. Wo greifbare Erfolge der Mitbestimmung im Alltag ausbleiben, entsteht schnell eine Abwärtsspirale aus Frust und Misstrauen.Gerngross + Glowinski

Das Wichtigste in Kürze

  • »Zentrum« ist eine rechtsextreme Pseudogewerkschaft, die insbesondere in einzelnen Betrieben in der Automobilbranche aktiv ist.

  • Rechtsextreme nutzen Ängste vor Arbeitsplatzverlust, Statusverlust und Entwertung in der industriellen Transformation für ihre Agenda.

  • Sie greifen nicht das Management an, sondern nutzen den Frust der Belegschaft, um gezielt gegen etablierte Betriebsräte und Gewerkschaften Stimmung zu machen.

  • Durch eine inszenierte Kümmerer-Politik füllen sie emotionale Lücken, die durch oftmals intransparente Verhandlungsprozesse entstanden sind.

  • Gewerkschaften müssen den real existierenden Interessenkonflikt im Betrieb betonen und demokratische Beteiligung stärken.

Die Industrie steckt in einem tiefgreifenden Umbruch. Verbrenneraus, Digitalisierung und globale Standortkonkurrenz – für viele Beschäftigte  sind diese Krisen nicht nur Theorie, sondern harter Alltag. Werke schließen, Fachwissen wird entwertet, Leiharbeit nimmt zu. Diese realen Unsicherheiten nutzen rechte Populisten wie die Pseudogewerkschaft »Zentrum« und dringen tief in die Betriebe ein. Doch anstatt sich mit dem Management anzulegen, verfolgen sie eine andere, sehr spezifische Strategie.

Rechte Betriebsgruppen inszenieren sich als echte Opposition. Sie rütteln jedoch nicht an den kapitalistischen Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen. Anstatt die Geschäftsführung für Personalabbau oder Outsourcing verantwortlich zu machen, werden andere Schuldige präsentiert: der etablierte Betriebsrat und die Gewerkschaft.

Die Angst vor dem Abstieg

Die industrielle Transformation hinterlässt Spuren in den Biografien der Menschen. Berufsbilder lösen sich auf. Tätigkeiten, die lange Zeit den Kern qualifizierter Facharbeit bildeten, werden heute teilweise von Robotern oder digitalen Assistenzsystemen übernommen. Gleichzeitig wächst der Druck durch Leiharbeit und atypische Beschäftigung. Diese Entwicklungen erzeugen nicht nur ökonomische Verunsicherung, sondern auch eine tiefe biografische Kränkung. Die Menschen verlieren den Glauben an die Verlässlichkeit ihres Unternehmens.

»Die verlieren den Glauben an alles, was Establishment ist.«
Anonymer Betriebsrat über den Verlust von Vertrauen im Zuge der Transformation

Die Feindbilder: Oben und Außen

Rechte Gruppen nutzen diesen Vertrauensverlust gezielt aus. Sie codieren die Konfliktlinien im Betrieb völlig neu. Auf der vertikalen Achse richtet sich der Zorn von »unten« nicht mehr gegen das Kapital »oben«. Stattdessen werden IG Metall und die gewählten Betriebsräte als korrumpierte »Co-Manager« und »System-Betriebsräte« markiert. Sie bilden in den Augen der Rechten die neue, abgehobene Elite.

Auf der horizontalen Achse verzichtet das »Zentrum« im Betrieb weitgehend auf offenen Rassismus. In stark migrantisch geprägten Belegschaften wäre das ein taktischer Fehler. Stattdessen wird eine vermeintlich homogene »Betriebsgemeinschaft« konstruiert, zu der alle im Werk gehören. Das »Außen«, also der Feind, ist in dieser Erzählung die Gewerkschaft. Die IG Metall wird als betriebsfremde Macht dargestellt, die sich in die Belange der Belegschaft einmischt.

Dabei nutzen rechte Akteur*innen gezielt arbeitsrechtliches Halbwissen: Das »Zentrum« bewirbt die Betriebsvereinbarung populistisch als Instrument »für alle«, während der Tarifvertrag als exklusives Einmischen der IG Metall von außen diffamiert wird. Dass eine Betriebsvereinbarung tarifliche Schutzstandards rein rechtlich gar nicht beliebig ersetzen darf, wird bewusst verschwiegen.

  • 30

    Prozent: So hoch war der Anteil der AfD-Wähler*innen unter Arbeiter*innen bei der Bundestagswahl 2025. Bei Gewerkschaftsmitgliedern lag er bei 22 Prozent. Dieses Potenzial wollen die Pseudogewerkschaften abschöpfen.

  • 1

    klares Feindbild: Rechte Listen wie »Zentrum« sparen das Management in ihrer Kritik nahezu komplett aus. Ihr strategisches Ziel ist nicht der Kampf gegen das Kapital, sondern die gezielte Bekämpfung der etablierten Betriebsräte und der IG Metall.

  • 0

    veröffentlichte Mitgliederzahlen: Das »Zentrum« verweigert jede Transparenz zu seiner wahren Größe und ist mangels Tariffähigkeit keine echte Gewerkschaft. Bislang gewann die rechte Gruppe laut Studie bundesweit nur »einzelne Mandate«.

Wenn das Vertrauen verloren geht

Warum aber verfängt diese rechte Strategie bei Beschäftigten? Ein Teil der Antwort liegt in der veränderten Ausgangslage betrieblicher Interessenvertretungen. Betriebsräte stehen heute oft massiv unter Druck. Durch globale Standortkonkurrenz und Marktzwänge rutschen sie in eine strukturelle Defensivposition. Verhandlungen werden zunehmend in geschlossene Räume verlagert – in Gremien, in denen Fachleute völlig unter sich bleiben. Das mag strategisch oft kaum vermeidbar sein, führt aber dazu, dass die Belegschaft immer weniger vom eigentlichen Konflikt um ihre Rechte mitbekommt.

Die gewerkschaftliche Vertretung wird so oft nur noch als stellvertretende »Konfliktdienstleistung« wahrgenommen. Ein befragter Betriebsrat vergleicht diese Erwartungshaltung mit einem Gang zum Bäcker: Man zahlt seinen Mitgliedsbeitrag und erwartet eine fertige Leistung. Wenn Betriebsräte dann schwierige Kompromisse hinter verschlossenen Türen aushandeln müssen, schwindet das Vertrauen, weil die Beschäftigten keine eigene, demokratische Selbstwirksamkeit mehr erleben. Genau dieses Vakuum füllen rechte Akteur*innen.

»Wenn du in so einer Führungsrolle als Betriebsrat bist, musst du beides können, strategisch denken für das Unternehmen [...], aber auch die Leute in den Arm nehmen.«
Anonymer Gewerkschaftssekretär über die gestiegenen Erwartungen an Interessenvertretungen

Kümmerer-Politik ohne echte Lösungen

Das »Zentrum« setzt sich an dieser Stelle wirkungsvoll als »Kümmerer« in Szene. Weil gewählte Vertreter*innen dieser rechten Gruppen in den offiziellen Gremien des Betriebsrats oft kaum mitarbeiten, haben sie schlichtweg mehr Zeit, durch die Fabrikhalle zu laufen. Sie hören sich die Alltagsklagen der Beschäftigten an. Sie bieten zwar keine echten Lösungen für komplexe Probleme wie den Erhalt der Tarifbindung oder die Standortsicherung, aber sie vermitteln das Gefühl: Wir sind nahbar, wir hören euch zu.

Diese Inszenierung als Kümmerer findet jedoch nicht nur analog am Arbeitsplatz statt. Wie professionell und subtil diese Strategie auch in die sozialen Netzwerke und den digitalen Alltag der Belegschaften verlängert wird, zeigt eine weitere Untersuchung »Kulturkampf in der Werkshalle: Die Trojaner-Strategie der Rechten«.

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Den Konflikt wieder sichtbar machen

Um den rechten Strukturen die Stirn zu bieten, reicht Empörung nicht aus. Eine bloße Skandalisierung rechter Listen läuft ins Leere. Welche Möglichkeiten haben Gewerkschaften und Betriebsräte stattdessen?

Die Autoren plädieren dafür, dass Auseinandersetzungen um Löhne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen wieder sichtbar und kollektiv erfahrbar werden. Nur wenn Beschäftigte im Betrieb wieder erleben, dass gemeinsames, solidarisches Handeln etwas verändert, machen sie  »demokratische Selbstwirksamkeitserfahrungen«. Dieser Weg ist mühsam und konflikthaft. Doch genau diese gelebte, wehrhafte Demokratie im Betrieb ist das wirksamste Mittel, um autoritären und populistischen Erzählungen den Nährboden zu entziehen.

Fragen und Antworten zum Thema Rechte Pseudogewerkschaften

Über die Methodik

Das Working Paper beruht auf einem triangulativen Forschungsdesign, das qualitative und quantitative Ansätze verknüpft. Im Zentrum der vorliegenden Ergebnisse stehen 26 leitfadengestützte Expert*innen-Interviews. Befragt wurden Betriebsräte, Jugend- und Auszubildendenvertreter*innen sowie Gewerkschaftsvertreter*innen der IG Metall und des DGB auf verschiedenen Organisationsebenen in Betrieben der Automobilindustrie. Die Daten wurden methodologisch induktiv nach dem Verfahren der »Grounded Theory« ausgewertet.

Über die Autoren

  • Prof. Dr. Ulrich Brinkmann

    ist 2026 Professor für Arbeits- und Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Er leitet das Forschungsprojekt »Eine neue Betriebsrats-Wahlforschung im Zeichen von Rechtspopulismus und der industriellen Transformation«. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Betriebsratswahlen, industrielle Beziehungen und prekäre Arbeitsverhältnisse.

  • Maurice Laßhof

    ist 2026 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich für Arbeits- und Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt und Ortsvorstandsmitglied der IG Metall Darmstadt. Er forscht schwerpunktmäßig zu Betriebsratswahlen, Rechtspopulismus, industrieller Transformation und sozialen Bewegungen.