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Organizing als Gerechtigkeitspraxis – Wirkungen studentischer Arbeitskämpfe jenseits der Tarifierung | LABOR.A® 2025

zuletzt aktualisiert: 28. January 2026

Ausgangspunkt: Ein Arbeitskampf ohne Tarifvertrag

Was bleibt von einem Arbeitskampf, wenn am Ende kein Tarifvertrag steht? Und warum lohnt sich der Einsatz trotzdem? Mit diesen Leitfragen blickt der Impuls von Lea Bellmann auf der LABOR.A® 2025 auf den Arbeitskampf der studentisch Beschäftigten im TV Stud 2023. Grundlage sind sechs Interviews mit TV-Stud-Aktiven aus Leipzig und Dresden. Sie berichten von ihrer Enttäuschung über das Ergebnis, aber auch von persönlichen Erfahrungen, die über formale Tarifabschlüsse hinausreichen.

Im Mittelpunkt steht Lea Bellmann. Sie ist an der Technischen Universität Dresden Masterstudentin der Soziologie sowie der Politik und Verfassung, seit viereinhalb Jahren studentisch beschäftigt – mit insgesamt über zehn Verträgen – und seit mehreren Jahren gewerkschaftlich aktiv. Als Mitgründerin der Ortsgruppe Dresden und Mitorganisatorin des Arbeitskampfs 2023 verbindet sie persönliche Erfahrung mit strategischer Reflexion.

Prekäre Beschäftigung und strukturelle Ungleichgewichte

Der Impuls beschreibt die besonderen Bedingungen studentischer Beschäftigung: kurze Vertragslaufzeiten, niedrige Löhne, unbezahlte Mehrarbeit und systematische Tarifflucht. Hinzu kommt ein ausgeprägtes Machtgefälle. Vorgesetzte sind häufig auch Hochschullehrende – also Personen, die zugleich über Studienleistungen und weitere akademische Perspektiven entscheiden.

Für viele Studierende ist es das erste Arbeitsverhältnis, oft ohne Kenntnisse über ihre Rechte oder ihre Möglichkeiten der Gegenwehr. Und ein Befund verdeutlicht die soziale Lage besonders drastisch: Rund drei Viertel der studentisch Beschäftigten, die allein oder mit anderen Studierenden leben, gelten als armutsgefährdet.

Die Bilanz 2023: Ein erster Schritt, aber kein Tarifvertrag

Statt eines Tarifvertrags erreichte der TV Stud 2023 eine schuldrechtliche Vereinbarung. Sie enthält erstmals bundesweit rechtlich bindende Mindeststandards – darunter einen Mindeststundenlohn von 13,98 Euro ab dem Sommersemester 2025 sowie eine Mindestvertragslaufzeit von zwölf Monaten.

Die Kritik: Die Vereinbarung ersetzt keinen Tarifvertrag, es fehlt eine verbindliche Zeitschiene für die Aufnahme in den TV-L, und die Umsetzung vor Ort ist lückenhaft. In Sachsen erfüllen weniger als 20 Prozent der abgeschlossenen Verträge die vereinbarte Mindestlaufzeit.

»Die schuldrechtliche Vereinbarung ist zumindest die erste rechtlich bindende Verbesserung der Arbeitsbedingungen bundesweit, aber sie ist eben kein Tarifvertrag.«
Lea Bellmann (TV-Stud-Aktivistin)

Die Reaktionen der Aktiven sind entsprechend ambivalent: Die Enttäuschung über das Ausbleiben eines Tarifvertrags steht neben konkreten Verbesserungen, auf die sich Beschäftigte nun berufen können.

Organize!

Lea Bellmann macht in ihrem Impuls aber deutlich, dass der Arbeitskampf nicht allein über materielle Ergebnisse zu bewerten ist. Zentral ist der Organizing-Ansatz, der im Kern bedeutet: nicht stellvertretend handeln, sondern Beschäftigte befähigen, selbst aktiv zu werden.

Die Initiative arbeitete mit dem Leuchtturmprinzip. Kleine Institute oder Professuren wurden gezielt vollständig organisiert, Wissen niedrigschwellig vermittelt und die direkte Ansprache in den Mittelpunkt gestellt. Aktivität wird dabei als Prozess verstanden – von der ersten Unterstützung bis zum kontinuierlichen Einsatz als Kernaktive. Ein Fallbeispiel zeigt diese Dynamik konkret: Aus einer individuellen Unrechtserfahrung entsteht ein Kreis von Unterstützenden und daraus langfristige Organisierung.

Ein emotionaler Höhepunkt der Kampagne des TV Stud ist die erste Streikdemonstration an der TU Dresden. Viele Beteiligte waren zuvor skeptisch gegenüber Gewerkschaften. Doch die gemeinsame Streikerfahrung wird zum Kipppunkt, sie erzeugt ein Gefühl von Gemeinschaft und Wirksamkeit.

»Das war wirklich auch der Moment, wo ich gesagt habe das zieht, das ballert, da bleibe ich dran.«
Interview im TV-Stud-Kontext

Ein mehrdimensionaler Erfolg – und wie es weitergeht

Lea Bellmann zeigt in ihrem Impuls: Erfolg hat verschiedene Dimensionen. Materielle Verbesserungen sind eine davon. Andere sind die Erfahrung von Solidarität, Sichtbarkeit und kollektiver Handlungsfähigkeit. Die Frage nach dem Erfolg des TV Stud bleibt damit bewusst offen – und wird nicht allein an Tarifabschlüssen gemessen.

Zum Schluss richtet Lea Bellmann den Blick nach vorn: Der Arbeitskampf hat gewerkschaftliche Arbeit an die Hochschulen zurückgebracht, neue Strukturen geschaffen und Wissen aufgebaut, das über den TV Stud hinauswirkt. Aktive bringen ihre Erfahrungen inzwischen in andere Organizing-Projekte und Arbeitskämpfe ein.

Warum sich dieser Impuls lohnt

Der Beitrag zeigt, dass Arbeitskämpfe auch dann Wirkung entfalten können, wenn kein Tarifvertrag erreicht wird.

Er macht nachvollziehbar, unter welchen Bedingungen studentische Beschäftigte arbeiten und warum Organisierung hier besonders herausfordernd ist.

Und er verdeutlicht, dass Selbstermächtigung, Vernetzung und kollektive Erfahrung langfristige Strukturen schaffen – an Hochschulen und darüber hinaus.

Über dieses Video

Der Impuls »Organizing als Gerechtigkeitspraxis – Wirkungen studentischer Arbeitskämpfe jenseits der Tarifierung« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.

Speaker*innen:

Lea Bellmann, Technische Universität Dresden

Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.