Hochofen vs. Wasserstoff: Was die Stahl-Transformation für zehntausende Jobs bedeutet
zuletzt aktualisiert: 16. June 2026
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Die deutsche Stahlbranche befindet sich in einem historischen Umbruch. Das Working Paper »Branchenanalyse Stahlindustrie« von André Küster Simić und Janek Schönfeldt zeigt auf, warum der Weg zur klimaneutralen Produktion nicht nur technologisch, sondern vor allem ökonomisch ein beispielloser Kraftakt ist. Es geht um extreme Strompreise, fairen Wettbewerb und die entscheidende Frage, wie zehntausende tarifgebundene Arbeitsplätze bei der grünen Industrietransformation gesichert werden können.

Das Wichtigste in Kürze
Bis zu vier Millionen Arbeitsplätze hängen in Deutschland mittelbar von einer wettbewerbsfähigen Stahlindustrie ab.
Globale Überkapazitäten und extrem hohe Strompreise bedrohen den Umbau zu einer klimaneutralen Produktion.
Ein »Transformationsdilemma« zwingt Unternehmen dazu, alte Hochöfen profitabel zu betreiben, um den milliardenschweren Bau neuer Öfen zu finanzieren.
Gezielte öffentliche Beschaffung (»Buy-European«) und ein bezahlbarer Industriestrompreis sind zentrale Hebel zur Sicherung der Branche.
Stahl ist das Fundament der modernen Wirtschaft. Ohne diesen Werkstoff entstehen keine neuen Windkraftanlagen, Brücken und Automobilfabriken. Gleichzeitig steht die Stahlproduktion am Beginn zahlreicher Wertschöpfungsketten in Deutschland und Europa. Entlang dieser Ketten hängen bis zu vier Millionen Arbeitsplätze mittelbar von einer wettbewerbsfähigen heimischen Stahlindustrie ab.
Rund 70.000 Menschen sind direkt in den Werken beschäftigt. Viele der großen Produktionsstätten befinden sich im Ruhrgebiet, im Saarland oder in Bremen. In diesen industriell geprägten und teils stark vom Strukturwandel betroffenen Regionen übernehmen die Unternehmen die Funktion eines Ankerarbeitgebers.
Sie sichern gut bezahlte, tarifgebundene Industriearbeitsplätze und regionale Wertschöpfung. Für Arbeitnehmervertreter*innen, die für die Studie ebenfalls befragt wurden, ist klar: Fällt der Stahl weg, fehlt nicht nur ein wirtschaftlicher Anker, sondern auch ein Stück gesellschaftlicher Stabilität.
Doch die Produktion ist emissionsintensiv. Wer Stahl auf dem klassischen Weg herstellt, braucht Kohle und Koks. Die sogenannten integrierten Hüttenwerke stoßen gewaltige Mengen an Kohlendioxid aus. Auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft ist die Branche daher essentiell. Sie muss komplett umgebaut werden - um Klimaziele zu erreichen und um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Weg dorthin erfordert jedoch Investitionen in Milliardenhöhe.
Umbau mit Hürden
Der Plan für den Umbau zu einer grünen Stahlproduktion steht fest. Anstelle von Kohle sollen künftig Erdgas und später grüner Wasserstoff genutzt werden, um dem Eisenerz den Sauerstoff zu entziehen – in der Fachsprache nennt man das chemisch »reduzieren«. Das geschieht in sogenannten Direktreduktionsanlagen. Der dabei entstehende Eisenschwamm wird anschließend in riesigen Elektrolichtbogenöfen mithilfe von enormen Mengen Strom eingeschmolzen.
Die größte Hürde ist dabei die Finanzierung. Die wirtschaftliche Lage vieler Unternehmen ist massiv angespannt. Nach einem kurzen Preishoch sind in den Jahren 2021 und 2022 die Erlöse wieder deutlich gesunken, während die Kosten für Rohstoffe und Energie extrem hoch blieben. Der finanzielle Spielraum für eigene Investitionen schrumpft zusehends. Der sogenannte freie Cashflow – also das, was aus dem laufenden Geschäft übrig bleibt – kratzt oft an der Nullgrenze oder fällt bereits negativ aus.
Der freie Cashflow ist oft gering oder sogar negativ. Die Unternehmen können den teuren Umbau auf grüne Technologien schlichtweg nicht aus der eigenen Tasche bezahlen. Ein weiteres Hindernis ist die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff, der für die Herstellung von grünem Stahl absolut essentiell ist. Die Nationale Wasserstoffstrategie sieht bis 2030 eine inländische Elektrolysekapazität von 10 Gigawatt vor. Tatsächlich installiert waren laut Studie zum Stand Februar 2026 jedoch weniger als 0,2 Gigawatt. Das zeigt, wie groß die Lücke zwischen politischen Zielen und industrieller Realität noch ist.
8,0 Millionen Tonnen grüner Stahl
Diese jährliche Produktionskapazität befindet sich in Deutschland derzeit für die grüne Transformation im Aufbau.
48 Euro
Um diesen Betrag steigen die Kosten pro Tonne beim wasserstoffbasierten Stahl, wenn der Strompreis um nur einen Cent pro Kilowattstunde klettert.
1,1 Milliarden Tonnen
So gigantisch ist die ungenutzte Überkapazität allein in den Stahlwerken Chinas – was massiven Druck auf den Weltmarkt ausübt.
70.000 Menschen
Sind direkt in integrierten Hütten- und Elektrostahlwerken beschäftigt, die meisten davon in tarifgebundenen Jobs.
Das Strompreis-Problem
Die neue Technik braucht vor allem eines: sehr viel Strom. Und genau hier liegt der größte Stolperstein für den Standort Deutschland. Im internationalen Vergleich ist Industriestrom hierzulande teuer. Ohne staatliche Entlastungen lag der Strompreis für die Industrie im Jahr 2025 bei rund 18 Cent pro Kilowattstunde.
Für einen wirklich wirtschaftlichen Betrieb von wasserstoffbasierten Anlagen bräuchte es langfristig planbare Strompreise von fünf Cent pro Kilowattstunde oder sogar noch weniger. Solange der Strom teuer bleibt, bleibt auch der grüne Stahl strukturell teurer als konventionell hergestellter Stahl.
Das Dilemma der Transformation
Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse zwingt die Branche in eine äußerst ungemütliche Position. Einerseits will die Europäische Union den Ausstoß von Treibhausgasen verteuern. Die Menge der verfügbaren CO2-Zertifikate im Europäischen Emissionshandel sinkt. Bislang bekamen die Stahlwerke viele dieser Zertifikate kostenlos, doch diese freien Zuteilungen werden bis 2034 komplett gestrichen.
Andererseits dauert der Bau der neuen, sauberen Anlagen Jahre. Bis diese stehen, müssen die Unternehmen ihre alten Hochöfen weiter betreiben. Sie brauchen die Gewinne aus den alten Anlagen, um den Umbau zu bezahlen und die Jobs in der Übergangsphase zu sichern. Steigen nun aber die CO2-Kosten für diese alten Öfen zu schnell an, fehlt den Unternehmen das Geld, bevor die neuen Anlagen fertig sind. Das ist das sogenannte »Transformationsdilemma«.
»[Diese Unsicherheit] hemmt die Investitionsbereitschaft. Parallel sollte aber die Hochofenroute in einer Übergangsphase weiterhin wirtschaftlich betrieben werden können, um Beschäftigung, Wertschöpfung und die Finanzierung der Transformation abzusichern.«
Wer soll den grünen Stahl kaufen?
Selbst wenn der Umbau gelingt, bleibt die Frage: Wer bezahlt am Ende für den teureren grünen Stahl? Hier ist die Politik gleich doppelt gefragt – ein Aspekt, der auch bei Treffen wie dem »Stahlgipfel« im Bundeskanzleramt im November 2025 intensiv diskutiert wurde. Dabei ging es genau um die Frage, wie Nachfrageimpulse für klimafreundlich hergestellten Stahl gesetzt werden können.
Zum einen muss der heimische Markt vor billigem, »schmutzigem Stahl« aus Ländern mit Überkapazitäten geschützt werden. Dafür hat die EU den sogenannten »Carbon Border Adjustment Mechanism« (CBAM) erdacht. Importierter Stahl soll an den europäischen Grenzen mit einem CO2-Preis belegt werden, der dem innereuropäischen Niveau entspricht. Doch das Instrument ist bürokratisch extrem aufwendig und weist noch große Lücken auf.
Zum anderen muss eine echte Nachfrage nach sauberem Stahl geschaffen werden. Die öffentliche Hand ist einer der größten Auftraggeber des Landes. Durch gezielte Vorgaben bei Ausschreibungen (»Buy-European«) könnte der Staat den Einsatz von klimafreundlichem heimischen Stahl verpflichtend machen. Auch die Automobilindustrie könnte motiviert werden: Wenn Autokonzerne den Kauf von »grünem Stahl« auf ihre strengen Flottenemissions-Grenzwerte anrechnen lassen dürften, entstünde sofort ein echter Markt für das teure Material.
Der Umbau der Stahlindustrie ist keine rein technologische Aufgabe – er ist das ultimative Testfeld für eine sogenannte »Just Transition« (einen sozial gerechten Wandel). Nur wenn Klimaschutz, verlässliche Energiepreise und faire Marktregeln Hand in Hand gehen, lassen sich die guten Industriearbeitsplätze in den betroffenen Regionen halten. Gelingt dieses Zusammenspiel, rettet das nicht nur Existenzen – es macht Europa zum weltweiten Vorreiter für eine klimaneutrale Schwerindustrie, die niemanden zurücklässt.
Fragen und Antworten zum Thema Transformation der Stahlindustrie
Dieser Text basiert auf:
Küster Simić, André / Schönfeldt, Janek (2025): Branchenanalyse Stahlindustrie. Lage und Zukunftsperspektive der deutschen Stahlindustrie. Studie, 118 Seiten (im Erscheinen)
Über die Methodik
Die Studie basiert auf einer Auswertung amtlicher Statistiken (z.B. des Statistischen Bundesamtes) sowie von Unternehmensberichten. Für die Analyse der Produktionsrouten und Kostenszenarien im Aufsatzjahr 2034 wurde ein spezielles Kalkulationsmodell entwickelt. Die Annahmen zu Energiepreisen, CO2-Kosten und Investitionsvolumina wurden durch 15 Experteninterviews mit 13 verschiedenen Branchenvertretern aus Stahlindustrie, Anlagenbau und Arbeitnehmervertretungen plausibilisiert und validiert.