Grüne Wirtschaft und Gute Arbeit zusammendenken – ein Gespräch | LABOR.A® 2025
zuletzt aktualisiert: 28. January 2026
Klimapolitik wird häufig als Verzichtsprojekt erzählt: teuer, konfliktgeladen, mit unklaren sozialen Folgen. Das Gespräch von Betony Jones und Sebastian Dullien Gespräch setzt einen anderen Akzent. Es fragt, wie Klimaschutz, industrielle Entwicklung und gute Arbeit zusammengedacht werden können – und nimmt dafür den US-amerikanischen Inflation Reduction Act (IRA) als konkretes Beispiel.
»Eine Volkswirtschaft, die klimafreundlich und sozialverträglich ist. Stellen wir uns das mal vor. Darum geht es.«
Prof. Dr. Sebastian Dullien (Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung) spricht mit Betony Jones (Roosevelt Institute, ehemals Biden-Administration, Arbeit und Dekarbonisierung) über einen politischen Paradigmenwechsel.
Im Zentrum steht die Frage, wie es gelingt, dass klimapolitische Ziele nicht gegen Beschäftigte und Regionen ausgespielt werden, sondern wie sie neue Perspektiven für Wertschöpfung und Qualität von Arbeit eröffnen.
Ein Zielbild jenseits des Opfer-Narrativs
Leitmotiv des Gesprächs: Klimapolitik muss nicht als Last erzählt werden, sondern als Gestaltungsaufgabe mit sozialem Anspruch. Es geht um eine Wirtschaft, die Emissionen senkt, ohne soziale Spaltungen zu vertiefen.
Dieses Ziel zieht sich durch die gesamte Diskussion. Entscheidend ist nicht nur das »Was«, sondern das »Wie« politischer Steuerung.
Vom Druckinstrument zum Investitionsanreiz
»Inflation Reduction war so ein Zuckerbrot.«
Statt Klimaschutz primär über Preise und Sanktionen zu organisieren, setzt der Inflation Reduction Act, kurz IRA, auf massive, nicht gedeckelte Steueranreize. Diese werden gezielt mit Bonusbedingungen verknüpft – etwa für gute Arbeitsstandards oder Investitionen in strukturschwächeren Regionen.
Gefördert werden Projekte mit erheblichem staatlichem Anteil, teils bis zu rund der Hälfte der Projektkosten. Gleichzeitig bauen gestufte Anforderungen nationale Lieferketten auf, ohne Investitionen abzuwürgen. Industriepolitik wird so als Prozess verstanden – nicht als Sofortmaßnahme.
Erfolge ohne Sichtbarkeit
»In Deutschland haben mehr Leute vom IRA gehört als in den Vereinigten Staaten.«
Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der Umsetzung und der öffentlichen Wahrnehmung des Instruments. Der IRA hat Investitionen in allen US-Bundesstaaten ausgelöst, tausende neue Produktionsstätten angestoßen und private Mittel mobilisiert – doch die politische Zuschreibung dieser Erfolge bleibt gering.
Fehlende Sichtbarkeit, eine kaum öffentliche Kennzeichnung von Projekten und eine zurückhaltende Kommunikation schwächten die politische Wirkung – trotz realer ökonomischer Dynamik.
Zeit als unterschätzter Faktor
Ein weiterer entscheidender Punkt ist der Zeitfaktor. Der IRA ist auf zehn Jahre angelegt und schafft damit vergleichsweise stabile Rahmenbedingungen.
Dennoch wird deutlich: Der Aufbau ganzer Industriesektoren braucht länger als Wahlzyklen es zulassen. Die Grenzen politischer Taktung treten hier offen zutage.
»Man kann den Industriesektor nicht in zwei Jahren wieder komplett aufbauen.«
Eine der zentralen Lehren, die das Gespräch deutlich macht: Ambitionierte Klimapolitik verlangt nicht nur Geld und Regeln, sondern auch Geduld, Planungssicherheit und politische Kontinuität.
Was aus diesem Gespräch bleibt
Zum Ende richten Betony Jones und Sebastian Dullien den Blick nach vorn: auf internationale Konkurrenz, Risiken durch Abschottung und die anhaltende Dynamik auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene. Trotz politischer Unsicherheiten zeigt das Beispiel IRA, wie Klimapolitik industrielle Entwicklung befördern und soziale Kriterien verbindlich machen kann.
Warum dieses Video sehenswert ist
Das Gespräch zeigt anschaulich, wie Klimapolitik als Chance erzählt und umgesetzt werden kann. Es verbindet konkrete politische Erfahrungen mit strukturellen Fragen von Arbeit, Industrie und Zeit.
Wer verstehen will, wie grüne Transformation und gute Arbeit zusammengedacht werden können, findet hier präzise Einblicke und klare Orientierungspunkte.
Über dieses Video
Das Panel »Grüne Wirtschaft und Gute Arbeit zusammendenken – ein Gespräch« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.
Speaker*innen:
Sebastian Dullien, I.M.U., Hans-Böckler-Stiftung
Betony Jones, Roosevelt Institute
Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.
