Direkt zum Inhalt

Gerechte Zukunft mit fairer Arbeit – aber für wen? | LABOR.A® 2025

zuletzt aktualisiert: 23. January 2026

Das Panel »Gerechte Zukunft mit fairer Arbeit – aber für wen?« zeigt, wie früh Ungleichheit in Deutschland entsteht – und wie dauerhaft sie wirkt. Die Diskussion spannt einen Bogen von sozialer Herkunft über Bildung und Klassismus bis hin zu Demokratie, Inklusion und Vertrauen.

Ein harter Befund gleich zu Beginn

Die Faktenlage ist eindeutig: In Deutschland sind Bildungs- und Erwerbsbiografien weiterhin stark durch die soziale Herkunft geprägt. Die sogenannte »Soziale Mobilität«, also der Wechsel von Einzelpersonen oder Gruppen zwischen unterschiedlichen sozio-ökonomischen Positionen, bleibt gering. Moderator Martin Hoffmann bringt es auf den Punkt:

»Es braucht statistisch gesehen sechs Generationen, um von der Armut in die Mitte zu kommen.«
Martin Hoffmann (Moderator) im Panel »Gerechte Zukunft mit fairer Arbeit – aber für wen?«

Dieser Befund zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Panel. Ungleichheit erscheint nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles Muster.

Klassismus – selten benannt, dauerhaft wirksam

Claudia Bogedan, Geschäftsführerin der Hans-Böckler-Stiftung, richtet den Blick auf Bildungsaufstieg jenseits finanzieller Förderung. Geld allein reicht nicht. Zentrale Barrieren liegen im sozialen und kulturellen Kapital: Erwartungen, Selbstbilder, fehlende Netzwerke. Ideelle Förderung in Form von Begleitung, Ermutigung und Zugehörigkeit wird zum entscheidenden Faktor.

Micha Klapp, Staatssekretärin in Berlin, verankert diese Perspektive politisch. Klassismus ist im Berliner Landesantidiskriminierungsgesetz als Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft oder sozialen Status festgeschrieben – mit direkter Relevanz für Bildung, Arbeitsmarkt und staatlichen Zugang.

Autorin Marlen Hobrack benennt, warum Klassismus dennoch oft unsichtbar bleibt. Der Begriff ist vielen unbekannt, seine Wirkung aber allgegenwärtig. Sprache, Auftreten und Wohnort fungieren als Codes sozialer Zuschreibung. Gleichzeitig wächst der Abstand zwischen großem Vermögen und existenzieller Unsicherheit weiter – während überholte Klassenbilder diese Realität kaum noch erfassen.

Dario Schramm (simpleclub GmbH) ergänzt das Panel um die Perspektive der jüngeren Generation. Steigender Erwerbsdruck auf Eltern, fehlende Zeit für Begleitung und frühe Selektion im Bildungssystem setzen Bildungswege früh fest. Bereits in der Grundschule entstehen Muster, die ganze Biografien vorzeichnen.

Frühe Weichen, falsche Antworten

Die frühe Sprach- und Leseförderung hat einen großen Einfluss auf Bildungsbiografien. Viele Familien mit Schichtarbeit oder mehreren Jobs können diese aber gar nicht leisten. Umso hartnäckiger hält sich die Forderung, zu Hause ausschließlich Deutsch zu sprechen – obwohl bildungswissenschaftliche Erkenntnisse dem klar widersprechen.

Marlen Hobrack ergänzt: Sprachförderung gelingt auch über Singen, Reimen und gemeinsames Erzählen. Moralische Appelle wie »Lies deinem Kind vor« reproduzieren Ungleichheit: Für Menschen, die selbst keinen selbstverständlichen Zugang zu Büchern haben, wird damit nur eine weitere Hürde aufgebaut.

Die Autorin verweist zudem auf Erfahrungen aus der DDR, in denen Ganztag und Hort lange selbstverständlich und bezahlbar waren – mit deutlich geringeren sozialen Unterschieden zwischen Kindern. Kitas und Ganztagsangebote entscheiden damit früh über Teilhabe. Diese Zugänge sind keine Nebensache, sondern eine Frage von Verteilungsgerechtigkeit, politischen Prioritäten und demokratischer Verantwortung.

Schule als Ort der Reproduktion

Danach rückt die Schule in den Fokus der Debatte.

Dario Schramm beschreibt Gesamtschulklassen mit knapp 30 Kindern, überlastete Lehrkräfte und fehlende Unterstützung. Schule ist längst Sozialraum – ohne ausreichende Ressourcen können die Ansprüche, die damit einhergehen, nicht erfüllt werden.

Marlen Hobrack benennt klassistische Routinen: abwertende Zuschreibungen, selektive Empfehlungen und Noten, die Erwartungen spiegeln statt Leistung. Schule reproduziert soziale Unterschiede häufig, statt sie aufzubrechen. Einzelne Lehrkräfte und außerschulische Akteure öffnen Gegenräume – bleiben aber Ausnahmen im System.

Inklusion und Infrastruktur

Am deutlichsten spitzt sich die Diskussion beim Thema Inklusion zu. Claudia Bogedan benennt, dass Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention im Bildungssystem nicht konsequent umsetzt. Wahlfreiheit bleibt oft ein formaler Anspruch, wenn Bildungswege faktisch in Sonderstrukturen oder Sackgassen führen.

Diese strukturellen Defizite schlagen im Alltag durch. Dario Schramm schildert, wie marode Gebäude und mangelhafte Ausstattung so weit reichen, dass sich viele junge Menschen – besonders Mädchen – über den gesamten Schultag hinweg nicht auf die Toilette trauen.

Leistung neu denken

Zum Ende der Diskussion rückt der Leistungsbegriff selbst in den Mittelpunkt. Das Panel stellt infrage, wie Leistung gemessen und bewertet wird – und welche Anstrengungen dabei unsichtbar bleiben. Wer mit unterschiedlichen Voraussetzungen startet, bringt nicht dieselbe Ausgangslage mit. Genau hier verschiebt sich der Blick von Ergebnissen auf Wege.

»Wenn wir Leistung nur am Ergebnis messen und nicht am Weg, dann verzerren wir diesen Leistungsbegriff.«
Marlen Hobrack, Autorin, im Panel »Gerechte Zukunft mit fairer Arbeit – aber für wen?«

Hoffnung jenseits der großen Programme

Im Schlussblock richtet sich der Blick nach vorn. Marlen Hobrack beschreibt Mikroinitiativen an Schulen: Lunchpakete, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen, konkrete Unterstützung im Alltag. Keine Ersatzpolitik, sondern gelebte Solidarität.

Micha Klapp verweist auf eine wachsende Jugendbeteiligung, auf Mitbestimmung und Antidiskriminierungsrecht. Dario Schramm fordert eine Umkehr der Steuerung: Schulen benennen ihre Bedarfe, die Politik reagiert darauf.

Claudia Bogedan schließt mit der Hoffnung auf kollektive Akteure. Die Interessen von Lehrkräften, Industrie- und Dienstleistungsbeschäftigten dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Gemeinsame Interessen und gemeinsame Kämpfe wirken Spaltung entgegen.

Warum dieses Video sehenswert ist

Das Panel zeigt, wie früh Ungleichheit entsteht, wie lange sie wirkt und wie eng Bildung, Arbeit und Demokratie miteinander verbunden sind.

Es verbindet persönliche Erfahrungen mit dem Blick auf Strukturen – und macht sichtbar, wie sich Gerechtigkeit heute entscheidet.

Über dieses Video

Das Panel »Gerechte Zukunft mit fairer Arbeit – aber für wen?« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.

Speaker*innen:

Claudia Bogedan, Hans-Böckler-Stiftung

Marlen Hobrack, Autorin

Dario Schramm, simpleclub GmbH

Micha Klapp, Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung

Moderation: Julia Kropf und Martin Hoffmann

Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.