Zwischen Fachkräftemangel und Frust: Wie junge Erwachsene auf die Arbeitswelt blicken
zuletzt aktualisiert: 20. March 2026
Das Working Paper »Wir haben ein paarmal überlegt, alle gleichzeitig zu kündigen« von Lukas Kammerlander, Alena Anstätt, Milena Schon, Caroline Krieg, Wolfgang Schröer und Andreas Walther hinterfragt das Klischee einer arbeitsunwilligen Generation. Die Untersuchung beleuchtet die Zukunftsplanung junger Erwachsener inmitten tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche. Dabei offenbart sich, warum sie sich bei strukturellen Ungerechtigkeiten im Betrieb oft alleingelassen fühlen und neue Wege der Bewältigung suchen müssen.

Das Wichtigste in Kürze
Fast vier Jahrzehnte nach einer historischen Vorgängerstudie vermisst das Forschungsprojekt das Verhältnis der jungen Generation zur Arbeit neu.
Junge Menschen navigieren durch permanente Krisen und suchen den beruflichen Anschluss, der zur eigenen Lebensrealität passt.
Die jungen Erwachsenen pochen auf Chancengerechtigkeit und Work-Life-Balance, halten den klassischen Lebenslauf aber weiter hoch.
Bei Ausbeutung oder Frust denken junge Erwerbstätige nicht an die Möglichkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Probleme werden stattdessen hochgradig individuell gelöst.
Vor fast vierzig Jahren rüttelte die viel beachtete Studie »Jugend: Arbeit und Identität« von Baethge et al. (1988) die Fachwelt auf. Damals prägte strukturelle Jugendarbeitslosigkeit den Berufseinstieg. Seitdem hat sich der Arbeitsmarkt fundamental gewandelt. Es gibt jedoch kaum aktuelle und systematische Untersuchungen zu den Arbeitsvorstellungen der heutigen jungen Generation. Das vorliegende Working Paper schließt diese Lücke. Es fragt danach, wie junge Menschen ihre berufliche Zukunft vor dem Hintergrund gegenwärtiger Umbrüche planen.
Die Vorzeichen haben sich umgekehrt. Wo früher Arbeitslosigkeit herrschte, dominiert heute der Fachkräftemangel. Das wird oft als ökonomisches Mismatch gedeutet. Doch auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich ein viel komplexeres Passungsproblem: Auf dem Papier gibt es zwar unbesetzte Ausbildungsstellen, in der Realität bleiben aber viele Bewerber*innen unversorgt oder brechen ihre Lehre ab. Junge Menschen müssen und wollen ihre Berufsentscheidung zunehmend mit ihren biografischen Erfahrungen und jugendkulturellen Stilen vereinbaren.
Das Planungsparadox in der Dauerkrise
Die jungen Erwachsenen bewegen sich in einer Arbeitswelt, die durch die Corona-Pandemie, rasante Digitalisierung, gesellschaftliche Diversifizierung sowie den Klimawandel geprägt ist. Der Einstieg in das Berufsleben vollzieht sich heute also unter den Bedingungen andauernder Veränderungen.
Aus dieser Gemengelage entsteht für die Berufseinsteiger*innen ein Planungsparadox: Von ihnen wird erwartet, dass sie verlässliche Lebens- und Karrierepläne schmieden und Verantwortung für das Gelingen des Übergangs in den Beruf übernehmen. Durch die ständigen Krisen entziehen sich gleichzeitig die Rahmenbedingungen für den Erfolg zunehmend ihrer eigenen Kontrolle.
Die jungen Erwachsenen beobachten die oft aufopferungsvolle Arbeitshaltung früherer Generationen sehr genau - und kommen zu anderen Schlüssen. In der öffentlichen Debatte führt dies oft zum Vorwurf einer verwöhnten Generation, die nur noch nach Work-Life-Balance verlangt und Anstrengung scheut. Ein Vorwurf, der von den Befragten in der Studie differenziert zurückgewiesen wird. Erwerbsarbeit bleibt zentral, verliert aber ihren Status als alleiniger Sinn des Lebens. Das Gehalt dient in erster Linie der Absicherung des Privatlebens. Die Abgrenzung von der Arbeitszentrierung der Eltern ist dabei kein Zeichen von Faulheit, sondern ein pragmatisches Bedürfnis nach Gesundheit und Stabilität.
166.000
junge Menschen zogen im Jahr 2021 ihren Vermittlungswunsch bei der Berufsberatung zurück.
25 Prozent
der Schulabgänger*innen wollen erst einmal jobben, statt sofort eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.
40 Prozent
der Jugendlichen ohne Vermittlungswunsch verblieben im Bildungssystem, während knapp 50 Prozent gar keinen weiteren Status mehr angaben.
Die Orientierung am klassischen Lebenslauf
Utopien oder radikale Gegenentwürfe zur Leistungsgesellschaft formulieren die Befragten kaum. Der traditionelle Normallebenslauf hat für junge Menschen weiterhin eine erstaunliche Anziehungskraft. Die geradlinige Abfolge aus Ausbildung, Erwerbsarbeit und wohlverdientem Ruhestand gilt als sicherer Orientierungspunkt in Zeiten der Ungewissheit. Ein fester Job, ein eigenes Haus, vielleicht eine Familie – die Zukunftsziele sind zumeist bodenständig.
»Dieter: Wo ich mir halt dann immer die Frage stelle, ähm, aber wofür baust du dir das auf? Also für mich ist es halt so, ich möchte, ich möchte eigentlich nicht die ganze Zeit arbeiten und dann irgendwie, wenn ich in Rente bin, wenn aber mein Körper vielleicht schon verbraucht ist, sondern. Ursula: //Nee, ich würde gar nicht sagen, dass ich das für die Rente aufbaue. Sondern überhaupt, dass ich einen gewissen Lebensstandard HALTEN kann, dass ich das, dass ich in einer Wohnung leben kann, in der ich gerne leben möchte. Also, das muss ja jetzt nichts Utopisches sein, es muss kein Einfamilienhaus sein, nichts. Aber dass ich zwei, drei Mal im Jahr in URLAUB fahren kann.«
Während die zeitlichen Strukturen der Arbeitswelt unangetastet bleiben, wird bei der Rollenverteilung innerhalb der Partnerschaft ein klarer Bruch vollzogen. Das Bild des männlichen Alleinverdieners und der Frau am Herd wird zurückgewiesen. Junge Frauen stellen unmissverständlich klar, dass sie auf eigene berufliche Entwicklungen und finanzielle Unabhängigkeit bestehen.
»Grace: Also ich meine als FRAU im Beruf ist es ja immer so, dass halt, es war ja so, na ja, hier, die Frau macht den Haushalt, die Kinder blablabla und der Mann bringt das Geld nach Hause. Und ich finde halt, in einer Gesellschaft, in der WIR aktuell leben, ist es halt nicht mehr so und ich möchte das für mich selber auch nicht so.«
Ohnmacht und Ungerechtigkeit im Betrieb
Der Kontakt mit der Realität des Arbeitsmarktes sorgt bei vielen jungen Beschäftigten jedoch für Ernüchterung. Die Erfahrungen mit Ausbeutung und Ungerechtigkeit sind vielfältig. Verwehrte Ausbildungsplätze aufgrund eines Kopftuchs, mangelnde Wertschätzung oder Druck durch Vorgesetzte prägen die ersten Schritte im Beruf. In geschützten Räumen, etwa in Gesprächen mit Kolleg*innen oder Freund*innen, werden diese Missstände messerscharf analysiert. Die jungen Erwachsenen prangern intransparente oder unfaire Strukturen gemeinsam an. Das Bewusstsein für mangelnde Chancengerechtigkeit ist hoch. Aus diesem Bewusstsein wächst jedoch so gut wie nie ein organisierter, kollektiver Widerstand.
»Zahra: Mit Kolleginnen, mit Kolleginnen haben wir ein paarmal überlegt, alle gleichzeitig zu kündigen, Teilnehmende: (lachen) damit der keine (lachend:) MITARBEITER MEHR HAT (.) Ja, weil wir sind fast ähm vier Assistenten und eine Arztassistentin, und Arztassistentin ist so wie unsere Freundin, weil sie ist auch 25 Jahre sehr jung. Äh, wir haben uns einmal darüber geredet, dass wir alle in einem Tag kündigen, sofort äh also Aufhebungsvertrag, damit er das, wie soll ich das erklären, damit er das äh fühlt, wie schlecht das ist, jemanden unter Druck zu setzen.«
Das Gefühl der Ohnmacht und zunehmende Individualisierung prägen junge Erwachsene im Berufseinstieg. Solidarität suchen sie dadurch seltener in formalisierten Großorganisationen, wie Gewerkschaften oder Auszubildendenvertretungen. Kollektive Zusammenschlüsse in Institutionen tauchen in ihrer Lebensrealität kaum noch auf oder werden als rein symbolisch und machtlos wahrgenommen. Die Angst vor beruflichen Nachteilen dominiert das Handeln. Wenn Vorgesetzte den Raum betreten, verstummt die Kritik. Die Bewältigung der erlebten Ungerechtigkeit bleibt somit reine Privatsache. Betroffene kündigen im Stillen, wechseln den Betrieb oder arrangieren sich mit der Situation. Eine institutionalisierte Solidarisierung im Betrieb fehlt oft. Was bleibt: Trost unter Gleichgesinnten, ohne den Anspruch, die Strukturen selbst zu verändern.
»Trotz des gemeinsamen Anprangerns dieser Ungerechtigkeiten, das sich in fast allen Gruppendiskussionen zeigt, finden sich quasi keine klassisch-institutionalisierten Formen der Solidarisierung.«
Fragen und Antworten zum Thema Zukunftsplanung junger Erwachsener und Berufseinstieg
Über die Methodik
Das Forschungsprojekt verfolgt ein qualitatives Design, das sich an der Grounded Theory orientiert. Um das komplexe Wechselverhältnis von individuellen und kollektiven Prozessen zu erfassen, ist die Studie breit angelegt: Insgesamt werden 16 Gruppendiskussionen in bildungs-, berufsbezogenen und jugendkulturellen Settings geführt, ergänzt durch 50 problemzentrierte Einzelinterviews sowie partizipative Workshops. Die Ergebnisse des Working Papers stützen sich auf die erste Erhebungsphase mit zehn Gruppendiskussionen und 42 jungen Erwachsenen. Um verschiedene Lebensrealitäten abzubilden, fanden die Gespräche in städtischen und ländlichen Regionen sowie in West- und Ostdeutschland statt.