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Wenn der Wandel krank macht: Gemeinsam gegen die Überlastung

zuletzt aktualisiert: 20. January 2026

Transformation ist das Schlagwort unserer Zeit: Dekarbonisierung, Digitalisierung und geopolitische Herausforderungen erfordern Restrukturierungen in Unternehmen. Was macht dieser permanente Umbau mit den Menschen? Das Working Paper »Gesundheit stärken in der Transformation« von Anja Gerlmaier zeigt, wie Beschäftigte unter Druck geraten und warum der klassische Arbeitsschutz oft zu spät kommt. Ein neues, partizipatives Verfahren kann das ändern – und die Mitbestimmung genau dort stärken, wo es wehtut.

Zwei Industriearbeiter*innen in kompletten silbernen Hitzeschutzanzügen und mit goldbeschichteten Visieren bearbeiten mit einer langen Lanze den Abstich an einem Ofen, wobei Funken fliegen.
Gegen Funkenflug und Hitze helfen Spezialanzüge, doch gegen unsichtbare Risiken wie Personalmangel gibt es keine Schutzkleidung. Im »Heißbereich« des Stahlwerks sorgte das »HOT-Verfahren« dafür, dass trotz dichten Takts wieder verlässliche Erholungspausen möglich wurden.IMAGO/Funke Foto Services

Unternehmen stehen aktuell unter enormem Veränderungsdruck und starten Umbauprozesse, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Häufig steht der drohende Beschäftigungsabbau dann im Fokus der Auseinandersetzung zwischen Arbeitgebern und Betriebsräten. Doch der permanente Wandel kann die Beschäftigten auch an anderen Stellen massiv belasten, etwa durch entgrenzte Arbeitszeiten und Arbeitsintensivierung aufgrund des Leistungsdrucks oder durch Unsicherheit und Spannungen im Team. Das Ergebnis sind hohe Fehlzeiten, sinkende Motivation und Wechsel in andere Unternehmen.

»Das Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen steigt mit der Anzahl parallel erlebter Veränderungen.«
Anja Gerlmaier, Autorin des Working Papers »Gesundheit stärken in der Transformation«

Die anlassbezogene Gefährdungsbeurteilung ist ein mächtiges Tool, um hier vorzubeugen und zu schützen. Sie ist im betrieblichen Arbeitsschutz zwar fest verankert, wird aber in der Frage nach der psychischen Belastung in Veränderungsprozessen seltener eingesetzt, als es möglich wäre. Die Studie zeigt, wie es gehen könnte.

Bewährungsprobe im Stahlwerk

Die Ausgangslage bei den Deutschen Edelstahlwerken in Siegen 2023 war denkbar schwierig: internationaler Preisdruck, Kurzarbeit und ein Sozialplan, der den Abbau von über 70 Stellen vorsah. Keine idealen Bedingungen um ein Verfahren umzusetzen, dass die Gesundheut der Beschäftigten ins Zentrum rückt. Doch der Praxistest funktionierte.

Trotz der extremen Anspannung und anfänglicher Skepsis ließen sich zwei Pilotbereiche (Produktion und Verwaltung) auf das Experiment ein. Das Ergebnis überraschte viele:

  • Kleine Schritte, große Wirkung: Es wurden keine utopischen Forderungen gestellt, sondern pragmatische Lösungen gefunden. Dazu gehörten die Wiedereinführung von Meisterbesprechungen, geregelte Kurzpausen zur Erholung und die Anschaffung einer Kaffeemaschine als Ort des Austauschs.

  • Wertschätzung: Allein die Tatsache, dass Probleme wie veraltete Laptops oder fehlende Pausenablösungen ernst genommen wurden, verbesserte die Stimmung.

Warum der Wandel belastet

Psychische Belastungen entstehen nicht nur durch »zu viel Arbeit«. In Veränderungsprozessen kommen spezifische Stressfaktoren hinzu, die sich gegenseitig verstärken:

  • Arbeitsintensivierung: Wenn Personal abgebaut wird, die Arbeit aber bleibt, steigt der Zeitdruck. Multitasking wird zum Dauerzustand.

  • Unsicherheit: Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz oder die Sorge, den neuen Anforderungen (z. B. durch neue Software oder KI) nicht gewachsen zu sein, erzeugt permanenten Stress.

  • Soziales Gefüge: Wenn Teams auseinandergerissen werden oder Vorgesetzte häufig wechseln, brechen wichtige soziale Stützen weg. Es fehlt an Wertschätzung und dem Gefühl, »gemeinsam an einem Strang zu ziehen«.

  • 18 Prozent mehr Fehlzeiten

    Beschäftigte, die von Reorganisationsmaßnahmen betroffen sind, fallen deutlich häufiger aus als der Durchschnitt.

  • 90 Prozent Beteiligung

    Die Workshops im Modellbetrieb erreichten eine extrem hohe Quote – ein Beweis für das enorme Interesse der Belegschaft an Mitgestaltung.

  • 50 Prozent umgesetzt

    In einem Pilotbereich griff bereits nach fünf Monaten jede zweite beschlossene Maßnahme.

Das Problem: Der gesetzlich vorgeschriebene Arbeitsschutz hinkt oft hinterher. Gefährdungsbeurteilungen werden häufig erst gemacht, wenn die neuen Prozesse schon laufen – oder sie verschwinden als reine Formalität in der Schublade, ohne dass sich real etwas ändert.

Das HOT-Verfahren: Gesundheit durch Beteiligung

Um dieses Defizit zu beheben, wurde das sogenannte HOT-Verfahren (»Health-Oriented Transformation Program«) entwickelt. Der Kerngedanke ist simpel, aber radikal: Niemand kennt die Belastungen besser als die Beschäftigten selbst. Statt Fragebögen auszufüllen, werden Lösungen direkt im Team erarbeitet.

Das Verfahren wird von einem »HOT-Tandem« gesteuert, das aus einer Fachkraft für Arbeitssicherheit und einem Mitglied des Betriebsrats besteht. Diese Konstellation stärkt nicht nur die Kooperation zwischen wichtigen betrieblichen Akteur*innen, sondern bündelt auch deren unterschiedliche Expertisen und Perspektiven, was die Qualität der Gefährdungsbeurteilung erhöht.

Der Prozess läuft in fünf Schritten ab:

  1. Monitoring: Wo brennt es? Betriebsrat und Arbeitsschutz identifizieren kritische Bereiche.

  2. Initialisierung: Die Führungskräfte und Teams werden ins Boot geholt.

  3. Diagnose: In getrennten Workshops für Beschäftigte und Führungskräfte werden Probleme offen benannt.

  4. Gestaltung: Gemeinsam werden konkrete Maßnahmen beschlossen – inklusive Verantwortlichkeiten und Zeitplänen.

  5. Reflexion: Nach drei bis sechs Monaten wird geprüft: Was wurde umgesetzt? Wo hakt es?

Mehr als Theorie: Ein Baukasten zum Nachmachen

Das Besondere an dem vorliegenden Working Paper ist, dass es nicht bei der Analyse stehen bleibt. Es ist vielmehr eine Art »Praxis-Handbuch«, mit dem Betriebsräte und Beschäftigte das Verfahren selbstständig im eigenen Unternehmen anwenden können.

Die wichtigsten Werkzeuge:

  • Der Interview-Leitfaden: Im Anhang des Working-Papers findet sich ein kompletter »Prüffragen-Katalog«. Diese Checkliste kann direkt kopiert werden, um in Gesprächen mit Kolleg*innen Belastungen abzufragen – von fehlenden Pausen über Software-Frust hin zu Mobbing.

  • Klare Zeitpläne: Für jeden Workshop gibt es konkrete Ablaufpläne und Zeitvorgaben, was die Planung im hektischen Arbeitsalltag erleichtert.

  • Visualisierungshilfen: Methoden wie die »Rote-Punkte-Liste« helfen dabei, auf einen Blick zu erkennen, in welchen Abteilungen Bedarfe bestehen.

Wer das Working Paper herunterlädt, erhält also eine fertige Blaupause, um ein internes »HOT-Tandem« aufzubauen und sofort loszulegen.

»So haben wir erstmal einen Anfang geschafft und die Mitarbeiter sehen: ›Oh, es tut sich was.‹ So konnten wir sie überzeugen.«
Ein Betriebsrat aus dem Projektteam über den Erfolg der Maßnahmen

Fazit: Prävention muss früh starten

Die Erfahrungen zeigen, dass Gesundheitsschutz in der Transformation kein »Nice-to-have« ist. Er funktioniert jedoch nur, wenn er als »anlassbezogene Gefährdungsbeurteilung« ernst genommen wird. Das bedeutet: Nicht warten, bis die Krankenquote explodiert, sondern die Risiken bewerten, sobald sich Prozesse ändern.

Doch Vorsicht vor dem Strohfeuer-Effekt – der Wandel im Kopf und in den Abläufen benötigt Ausdauer:

»Die Nachhaltigkeit, die muss stimmen. Sonst hast du nur gut angefangen. Stark angefangen und stark nachgelassen. Das allein darf es nicht sein.«
Ein Betriebsrat mahnt zur langfristigen Verankerung des Prozesses

Für Betriebsräte und Gewerkschaften ist das HOT-Verfahren ein Hebel, um aus einer defensiven Rolle in der Transformation (»Wir verwalten den Mangel«) herauszukommen und auch unter Druck aktiv Arbeitsbedingungen zu gestalten. Generell jedoch gilt: Nur wer qualifiziertes Personal und fertige Konzepte in der Hinterhand hat, ist in der Lage, frühzeitig reagieren und Gefahren abwenden zu können.

Fragen und Antworten zum Thema Gesundheit und Transformation

Über die Methodik

Das vorgestellte HOT-Verfahren wurde im Rahmen des Projekts »Gesundheit und Mitbestimmung stärken in der Transformation« (GeMiTrans) entwickelt. Es basiert auf wissenschaftlichen Literaturanalysen zu Belastungskonstellationen und wurde in einer Aktionsforschung (Praxistest) bei den Deutschen Edelstahlwerken in Siegen erprobt und evaluiert. Die Datenbasis umfasst Dokumentenanalysen, Arbeitsplatzbeobachtungen sowie qualitative Interviews und Workshops mit Führungskräften und Beschäftigten.

Über die Autor*in

  • Dr. Anja Gerlmaier

    ist 2025 Arbeitspsychologin und arbeitet seit 2002 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsabteilung »Arbeitszeit und Arbeitsorganisation« am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Ihre Schwerpunkte liegen in der Stressforschung, der betrieblichen Gesundheitsprävention und der partizipationsorientierten Arbeitsgestaltung.