Was kann Geld leisten - und wer kümmert sich um den Rest | LABOR.A® 2025
zuletzt aktualisiert: 28. January 2026
Wenn Geld nicht reicht – und woran es wirklich hängt
500 Milliarden Euro Sondervermögen. Rekordinvestitionen. Riesige Programme. Und trotzdem dabei zentral die Frage: Wie kommt dieses Geld auch in der Praxis der Menschen an? Das Panel »Was kann Geld leisten - und wer kümmert sich um den Rest?« geht genau dieser Frage nach – und zerlegt die bequeme Annahme, man könne Probleme einfach »wegfinanzieren«.
Die Runde führt von Investitionsstau und Steuerlücken über Führungskultur und Bürokratie bis zu einer progressiven Unternehmerstimme. Am Ende zeigt sich: Geld kann nur der Anfang sein. Wirkung entsteht erst durch die Strukturen, die es umgeben und die Menschen, die handeln.
Björn Böhning (Staatssekretär, Bundesministerium der Finanzen) beschreibt jahrelange Unterinvestitionen, sinkende Produktivität und strukturelle Versäumnisse in Deutschland. Doch selbst jetzt, mit gigantischen Summen, geht es nicht einfach um mehr Geld, sondern um Tempo. Planung, Genehmigung und Kontrolle entscheiden darüber, ob Mittel überhaupt auf die Straße kommen. Der Verweis auf die Geschwindigkeit der LNG-Terminals ist für Björn Böhning ein Beispiel: Wenn Prioritäten klar sind, funktionieren Prozesse.
»Für jeden öffentlichen Euro brauchen wir zusätzlich mindestens fünf Mal so viel privates Kapital.«
Sondervermögen allein reichen also nicht. Der Staat muss Bedingungen schaffen, damit Kapital tatsächlich folgt. Zugleich markiert Björn Böhning eine klare Priorität: Die Deutsche Bahn erhält erstmals Planungssicherheit bis 2030. Neue Autobahnprojekte ordnet Björn Böhning dagegen kritisch ein – begrenzte Mittel und die Bedeutung der Schiene für Wettbewerbsfähigkeit stehen im Vordergrund.
Sylvia Borcherding (Arbeitsdirektorin, 50Hertz) lenkt die Debatte von Finanzierungsfragen hin zur Verantwortung von Unternehmen. Wirtschaft, sagt sie, könne sich nicht hinter betriebswirtschaftlichen Argumenten verstecken. Es gehe um Wirkung. Und diese Wirkung müsse erklärt werden, sonst verpufft das Vertrauen in Politik und Unternehmen gleichermaßen.
»Das schlimmste geduldete Verhalten prägt die Kultur.«
Besonders deutlich wird Sylvia Borcherding, als es um Führung geht: Gegen Korruption hilft nicht mehr Bürokratie, sondern klare Haltung und Konsequenzen. Für Sylvia Borcherding ist Mitbestimmung nicht nur demokratisches Prinzip, sondern ein funktionierender Filter. Beteiligte Belegschaften verhinderen Fehlpriorisierungen – etwa eine reflexhafte Personalaufblähung in Wachstumsphasen.
Journalistische Perspektive – wie Debatten in Schieflage geraten
Korbinian Frenzel (Journalist, Deutschlandfunk Kultur) zeigt, wie die Politik immer wieder hohe Summen mit Lösungen verwechselt: Zuerst wurde die »schwarze Null« zum Fetisch, dann der »Wumms«. Der Blick muss weg vom Zahlenfetischismus, hin zu einer Priorisierung – systemisch, erklärbar, nachvollziehbar.
Gleichzeitig verteidigt Korbinian Frenzel Bürokratie dort, wo sie Gerechtigkeit herstellt. Nicht alles lasse sich abbauen, ohne Rechte zu gefährden. Und mit Blick auf politische Kommunikation warnt er vor einem gesellschaftlichen Reflex, den er »Amazon-Politik« nennt: Menschen erwarten von der Politik schnell, problemlos, individuell zu liefern – als sei Demokratie ein Lieferservice. Dieser Erwartungsdruck schadet aber der Debatte über Gerechtigkeit massiv.
An diesem Punkt verschiebt sich der Fokus der Diskussion. Denn ein gerechter Umgang mit Geld bedeutet nicht nur, es sinnvoll auszugeben, sondern auch zu klären, wo es herkommt – und wie öffentliche Investitionen überhaupt refinanziert werden. Genau hier setzen die folgenden Beiträge an.
»Allein durch Steuerhinterziehung entsteht jedes Jahr ein geschätzter Schaden von 100 Milliarden Euro – das sind 270 Millionen Euro pro Tag, 11 Millionen Euro jede Stunde.«
Anne Brorhilker (ehemalige Cum-Ex-Staatsanwältin, Geschäftsführerin Finanzwende) speist in ihrem Input eine eindrucksvolle Zahl in die Debatte ein: Steuerhinterziehung koste den deutschen Staat jedes Jahr 100 Milliarden Euro. Während in politischen Debatten oft über vergleichsweise kleine Posten gestritten wird, entgleiten im Stillen gewaltige Summen.
Die Zahl der Betriebsprüfungen hat sich in zehn Jahren mehr als halbiert, die Prüferstellen gingen zurück. Frühwarninstrumente zur Bekämpfung von Umsatzsteuerkarussellen wurden abgeschafft, obwohl der Schaden enorm ist. Und nur jeder zwanzigste Fall werde überhaupt angeklagt. Das untergräbt den Rechtsstaat.
Anne Brorhilkers Lösung: spezialisierte Einheiten, starke IT, besserer Datenaustausch, Transparenz bei Lobbyeinflüssen und klare Karenzzeiten. Für sie ist Wirtschaftskriminalität kein Randthema, sondern ein Angriff auf das gesellschaftliche Fundament.
»Wer viel Steuern zahlt, hat vorher viel richtig gemacht.«
Dann liefert Daniel Heidrich (Unternehmer, 200 Mitarbeitende, Mitglied im Netzwerk Steuergerechtigkeit) den vielleicht ungewöhnlichsten Beitrag zum Panel. Er plädiert für eine harte Erbschaftsbesteuerung – allerdings intelligent gestaltet. Sein Vorschlag: Erbschaften als Einkommen versteuern, gestreckt über zehn Jahre, damit Liquidität erhalten bleibt. Seine Argumentation: Wenn ein Unternehmenskauf funktioniert, funktioniert auch die Erbschaftssteuer – solange sie aus Erträgen bezahlt werden kann.
Und Daniel Heidrich sagt: Privilegien müssen insgesamt zurückgefahren werden, nicht selektiv.
Priorisieren statt zurückrudern – was jetzt auf dem Spiel steht
Böhning schließt mit einer klaren Prioritätensetzung: Industrie sichern, Transformation vorantreiben, Energie- und Mobilitätswende tragfähig machen. Grüner Stahl, Wasserstoff, E-Mobilität, Wärmepumpen – all das braucht Verlässlichkeit. Rückwärtsgänge gefährden Investitionen, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen.
Der Tenor der Runde: Investitionen wirken nur, wenn die Strukturen wirken. Es geht nicht nur um das »Wie viel«, sondern um das »Wie«. Dazu gehört auch, Lösungen für eine gerecht verteilte Refinanzierung der Investitionen zu finden.
Warum dieses Video sehenswert ist
Weil es die einfache Gleichung „Mehr Geld = mehr Lösung“ in Frage stellt.
Weil es zeigt, dass 100 Milliarden Euro jährlich nicht aufgrund von Sozialausgaben fehlen, sondern aufgrund von Steuerhinterziehung.
Weil ein Unternehmer unideologisch und praxisnah über gerechte Erbschaftsbesteuerung spricht.
Weil klar wird, dass Mitbestimmung, Führung und Priorisierung über Wirkung entscheiden.
Und weil das Panel ehrlich zeigt, was es bedeutet, wenn Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Verantwortung teilen – und nicht nur Geld verteilen.
Über dieses Video
Das Panel »Was kann Geld leisten - und wer kümmert sich um den Rest« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.
Speaker*innen:
Sylvia Borcherding, 50Hertz
Korbinian Frenzel, Deutschlandradio
Björn Böhning, Bundesministerium der Finanzen
Anne Brorhilker, Bürgerbewegung Finanzwende
Daniel Heidrich, Dimidia Invest & Management GmbH
Moderation: Julia Kropf und Martin Hoffmann
Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.
