Nicht ohne uns: Die KI-Revolution
zuletzt aktualisiert: 6. February 2026
Die Debatte über Künstliche Intelligenz schwankt oft zwischen den Extremen: Job-Apokalypse auf der einen, vollautomatisches Paradies auf der anderen Seite. Doch was passiert wirklich, wenn KI auf die komplexen Realitäten in unseren Büros trifft? Was bedeutet dieser Wandel für die Arbeit?
Die Studie »Bots im Büro: Künstliche Intelligenz und der Wandel von Angestelltenarbeit in der digitalen Transformation« von Thomas Lühr und Tobias Kämpf liefert Antworten. Sie zeigt: Die digitale Transformation ist kein Naturgesetz, sondern ein gestaltbarer Prozess. Und ihr Erfolg hängt nicht von der Technologie ab, sondern von uns allen.

Alle experimentieren mit KI
Anwendungen, die durch künstliche Intelligenz gestützt werden, sind in der Praxis angekommen. Die meisten Unternehmen suchen inzwischen nach Einsatzmöglichkeiten und experimentieren, was funktionieren kann. Dabei sind die Ziele unterschiedlich. Mal geht es um Kostensenkung, woanders um den Fachkräftemangel oder die Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Der Ausgangspunkt für die Experimente ist aber immer gleich: Wo digitale Daten verfügbar sind, wird der Einsatz von KI ausgelotet.
Bots im Büro: 5 Erkenntnisse aus der Praxis
Künstliche Intelligenz im Büro ist weniger eine technische Revolution als eine soziale Gestaltungsaufgabe. Ihr Erfolg hängt von den Beschäftigten ab: Ihr Fachwissen ist entscheidend für das Gelingen von KI-Projekten. Der Wandel ist kein Selbstläufer. Ohne die aktive Beteiligung und sichere Rahmenbedingungen durch Mitbestimmung drohen Projekte zu scheitern. Die entscheidende Frage ist daher nicht ob KI kommt, sondern wie sie gestaltet wird – sie kann Arbeit abwerten, aber ebenso zu mehr Verantwortung, neuen Kompetenzen und besseren Jobs führen.
1. Es kommt nicht auf die Technik an
Der Erfolg von KI hängt nicht von der besten Technik ab, sondern von der besten Kultur. Viele Unternehmen konzentrieren sich einseitig auf die Software und übersehen dabei das Wichtigste: die Menschen, die damit arbeiten sollen. Wenn Beschäftigte Angst um ihren Arbeitsplatz haben oder sich bei Entscheidungen übergangen fühlen, wird selbst das intelligenteste System abgelehnt. Projekte scheitern dann nicht am Code, sondern am Gefühl, dass die neue Technik gegen die Belegschaft arbeitet und nicht für sie. Ein prominentes Beispiel dafür lieferte der Zahlungsanbieter Klarna, der vollmundig die Entlassung von 700 Kundenberater*innen ankündigte, um sie durch KI zu ersetzen. Wenig später folgte die leise Rolle rückwärts: Unter der Überschrift »KI-Fail« suchte das Unternehmen plötzlich wieder menschliche Kundenbetreuer:innen. Mehr dazu im Podcast »Systemrelevant« mit der Folge »KI in Unternehmen: Herausforderungen und Chancen«.
2. Das Wissen der Angestellten ist entscheidend
Die weitverbreitete Vorstellung, man kaufe ein KI-System und alles laufe von selbst, ist ein Märchen. Die Wahrheit ist: Jede KI muss mit Daten trainiert, gewartet und verbessert werden. Dafür braucht es das Fachwissen der Angestellten – ihr sogenanntes Domänenwissen. Sie sind die Expert*innen, die die Abläufe im Unternehmen und die Bedürfnisse der Kund*innen wirklich kennen. Eine befragte Person, die täglich mit diesen Systemen arbeitet, beschreibt diese oft unsichtbare, aber grundlegende Arbeit so:
»Das klingt dann immer so einfach, wenn man sagt, ich habe einen Chatbot und die KI holen wir uns von Microsoft. Und man muss aber ganz viel dazu basteln.«
3. KI funktioniert nicht ohne Mitbestimmung
Weil das Wissen der Angestellten so entscheidend ist, brauchen sie ein sicheres Umfeld, um es ohne Angst zu teilen und zur Anwendung zu bringen. Genau hier wird die Mitbestimmung zum Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Transformation. Betriebsräte können die Rahmenbedingungen für Vertrauen und Sicherheit schaffen, zum Beispiel durch Vereinbarungen zu Qualifizierung und zum Schutz vor Kündigungen. Damit ist Mitbestimmung eine notwendige Bedingung für eine nachhaltige und erfolgreiche Einführung von KI. Wie fatal es ist, wenn dieses Vertrauen fehlt, zeigt eine Geschichte einer Befragten aus der Studie. Ihr Unternehmen versuchte, einen Bot mit dem Namen eines kurz zuvor entlassenen Kollegen einzuführen. Die befragte Person erklärt die Reaktion der Belegschaft:
»Das ist eben nicht der Horst, weil der Horst, der ist letztes Jahr gegangen, weil es für den keine Arbeit mehr gibt.«
4. Arbeit verschwindet nicht
Die Studie widerlegt die simple Vorstellung, dass KI nur Arbeitsplätze vernichtet. Stattdessen wird die Arbeit von Grund auf neu gemischt. Im Bereich der Sachbearbeitung können einfache Routineaufgaben verschwinden. Gleichzeitig entstehen dadurch aber Freiräume für anspruchsvollere, analytische Tätigkeiten. So können aus Sachbearbeiter*innen Datenanalyst*innen werden, die die neuen Systeme trainieren und überwachen (Aufwertung). Es besteht aber auch die Gefahr, dass Menschen nur noch zu Kontrolleur*innen von Software-Robotern werden (Abwertung). Richtig gestaltet, kann die Automatisierung aber vor allem zu besseren und interessanteren Jobs führen.
5. Ein neues Bewusstsein entsteht
Mit der Digitalisierung wächst eine neue, einflussreiche Gruppe in den Unternehmen heran: die »Tech-Angestellten«. Diese oft jungen, hoch qualifizierten Fachkräfte für Software und Daten orientieren sich nicht nur an Karriere und Gehalt. Sie haben eine starke ethische Haltung und wollen mit ihrer Arbeit einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten. Sie hinterfragen den Zweck von Technologien und fordern Fairness ein, wenn es um Karrierechancen oder die Bezahlung geht. Dieses neue Selbstbewusstsein bietet für Betriebsräte und Gewerkschaften ganz neue Anknüpfungspunkte, um gemeinsam für gute Arbeit zu streiten.
Die fünf Thesen zeichnen ein klares Bild: Die Arbeit der Zukunft ist kein technisches Schicksal, sondern das Ergebnis sozialer Entscheidungen. Der entscheidende Faktor ist nicht die Intelligenz der Maschine, sondern die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft und in den Betrieben den Wandel gestalten. Es geht darum, die neuen Machtpotenziale der Beschäftigten zu erkennen und zu nutzen, um eine menschenzentrierte, faire und letztlich auch produktivere Arbeitswelt zu schaffen.
Fragen und Antworten
Über die Methodik
Das Projekt hat eine umfassende Bestandsaufnahme des KI-Einsatzes im Büro vorgenommen. Anhand von 21 Fallstudien in Industrie, IT und Dienstleistungssektor wurde untersucht, wie KI in der Praxis tatsächlich eingesetzt wird, wie sich Tätigkeiten und Kompetenzen verändern und welche Chancen und Riskien darin fr die Beschäftigten liegen.
Weitere Veröffentlichungen aus dem Forschungsprojekt sind hier einsehbar.
Die Sozialwissenschaftler Thomas Lühr und Tobias Kämpf sind in ihrer Untersuchung tief in die betriebliche Praxis eingetaucht. Das Fundament bilden 21 Fallstudien in Unternehmen aus der Industrie, dem Dienstleistungssektor und der IT-Branche. Herzstück waren 82 tiefgehende Interviews, in denen ganz bewusst unterschiedliche Perspektiven eingefangen wurden: Die Forschenden sprachen mit KI-Anwender*innen, mit Führungskräften und mit Mitgliedern von Betriebsräten.
Dieser methodische Mix ermöglicht es, ein vielschichtiges und praxisnahes Bild zu zeichnen. Das zeigt, wie der Wandel durch KI von den Menschen vor Ort tatsächlich erlebt, gestaltet und verhandelt wird.
