Direkt zum Inhalt

Verkehrswende? Ja, aber bitte gerecht!

zuletzt aktualisiert: 5. February 2026

Die Verkehrswende ist in aller Munde. Wir wollen weniger Emissionen, bessere Luft und lebenswerte Städte. Doch was, wenn diese Wende an der Lebensrealität vieler Menschen vorbeigeplant wird? Das Working Paper »Klima, Geschlecht und Mobilität« von Aysel Yollu-Tok, Katja Dill und Hanna Völkle zeigt: Unsere Mobilität ist tief von Geschlechterrollen geprägt. Eine sozial-ökologische Transformation kann nur gelingen, wenn Mobilität konsequent neu und gerecht für alle gedacht wird.

Unten im Bild vorne ein Radfahrer, dahiner ein Bus. Mittig im Bild eine S-Bahn, die teilweise von einer Brücke verdeckt wird, dahinter Baumkronen und Häuser. Oben im Bild eine weitere Brücke.
Infrastruktur, geplant für den direkten Weg. Eine zukunftsfähige Mobilität muss jedoch die vielfältigen und oft komplexen Wege aller Menschen in den Mittelpunkt stellen – nicht nur den Verkehrsfluss.IMAGO / photothek
  • CO₂-Ungleichheit

    Aufgrund unterschiedlicher Verkehrsmittelwahl haben Männer im Verkehrssektor einen höheren CO₂-Fußabdruck als Frauen.

  • Komplexe Wege

    Frauen übernehmen häufiger Sorgearbeit, was zu komplexen Wegeketten (»trip-chaining«) führt, die von der klassischen Verkehrsplanung oft ignoriert werden.

  • ÖPNV als Rückgrat

    Mehr als ein Drittel der Stadtbevölkerung nutzt täglich den öffentlichen Personennahverkehr – er ist zentral für die Alltagsmobilität.

  • Unsichtbare Sorgearbeit

    Die Verkehrsplanung ist historisch auf Erwerbsarbeit (Pendeln) ausgerichtet, während Mobilitätsbedarfe aus der Sorgearbeit vernachlässigt werden.

Der unsichtbare Alltag: Zwei Welten der Mobilität

Wenn wir über Verkehr nachdenken, haben viele ein klares Bild im Kopf: den täglichen Weg zur Arbeit und zurück, meist allein, oft im Auto. Es ist das klassische Pendeln, das unsere Infrastruktur seit Jahrzehnten formt – von der Autobahn bis zur Parkplatzplanung. Doch dieses Bild beschreibt nur einen kleinen Teil der Realität. Für einen Großteil der Gesellschaft, insbesondere für Frauen, sieht der Alltag ganz anders aus.

Die Studie zeigt: Mobilitätsmuster sind stark vom Geschlecht geprägt. Während Männer häufiger längere, aber einfache Strecken zurücklegen – typischerweise den direkten Weg zum Arbeitsplatz –, ist die Mobilität von Frauen oft komplexer. Sie übernehmen nach wie vor den größeren Teil der Sorgearbeit, was zu verwobenen Wegeketten führt: das Kind zur Kita bringen, einkaufen, die Eltern besuchen und dann zur eigenen Arbeitsstelle. Fachleute nennen dieses Phänomen »trip-chaining«.

Dieses Muster hat direkte Folgen für das Klima. Männer nutzen für ihre Wege häufiger das private Auto, was zu einem höheren CO₂-Fußabdruck führt. Frauen sind öfter zu Fuß, mit dem Rad oder dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Die Konsequenz: Diejenigen, die sich bereits klimafreundlicher verhalten, stoßen im aktuellen System oft auf die größten Hürden.

»Die tiefergehende Analyse der gegenwärtigen Forschungslandschaft zeigt, dass Mobilitätsmuster und -präferenzen stark vom Geschlecht geprägt sind.«
Aysel Yollu-Tok, Katja Dill und Hanna Völkle in ihrer Studie »Klima, Geschlecht und Mobilität«

Ein System mit männlichem Blick

Warum werden diese unterschiedlichen Bedürfnisse in der Planung so oft übersehen? Die Studie legt nahe, dass historische Geschlechterverhältnisse in der Verkehrsplanung und -infrastruktur bis heute nachwirken. Die Planung ist oft »androzentristisch«, also auf eine männliche Norm ausgerichtet. Sie priorisiert Geschwindigkeit und Verkehrsfluss – Kriterien, die dem klassischen Pendlerverkehr entgegenkommen. Die Bedürfnisse von Menschen mit Sorgeverantwortung, die auf sichere Fußwege, barrierefreie Haltestellen oder gute Radwege angewiesen sind, werden dabei oft vernachlässigt.

Dieses Problem wird durch eine verzerrte Datengrundlage verschärft. Viele Mobilitätserhebungen erfassen kurze Wege oder komplexe Wegeketten nur unzureichend. Dadurch entsteht ein falsches Bild der Realität, das wiederum in eine Planung einfließt, die an den Bedürfnissen vieler vorbeigeht. Es geht hierbei nicht nur um Frauen, sondern um alle Menschen, deren Lebenssituation nicht der Norm des vollzeitbeschäftigten, autofahrenden Mannes entspricht – etwa Menschen mit Behinderungen, Ältere oder Personen mit geringem Einkommen.

Der Weg zur Mobilität für alle: Was jetzt zu tun ist

Wie aber sieht Mobilität aus, die nachhaltig und zugleich gerecht ist? Die Studie plädiert für einen Paradigmenwechsel: weg von der reinen Verkehrsplanung, hin zu einer sozial-ökologischen Mobilitätsplanung. Der Fokus verschiebt sich dabei vom reinen Verkehrsfluss hin zu den Menschen und ihren vielfältigen Bedürfnissen.

Konkret bedeutet das:

  1. Gender Mainstreaming verankern: Geschlechtergerechtigkeit muss zum festen Bestandteil aller Planungsdokumente werden. Bevor ein neuer Radweg gebaut oder eine Buslinie gekürzt wird, muss gefragt werden: Wer profitiert davon und wessen Alltag wird erschwert?

  2. Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen: Statt nur in großen Verkehrsachsen zu denken, muss die »Stadt der kurzen Wege« zur Vision werden. Das bedeutet, lokale Bedarfe im Quartier zu stärken und eine gute Anbindung für alle zu schaffen.

  3. Partizipation ermöglichen: Planungsprozesse müssen sich für die Vielfalt der Gesellschaft öffnen. Das erfordert barrierefreie Beteiligungsformate, die auch Menschen mit Sorgearbeit, mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen oder mit wenig Zeit erreichen.

  4. Verkehrsmittel synchronisieren: Eine gute Mobilität entsteht im Zusammenspiel. Bike-Sharing-Stationen müssen an Bahnhöfen verfügbar sein, Fußwege sicher und Busfahrpläne verlässlich. Nur so werden klimafreundliche Wegeketten für alle attraktiv.

Die sozial-ökologische Transformation ist eine der größten Gestaltungsaufgaben unserer Zeit. Die Studie »Klima, Geschlecht und Mobilität« zeigt eindrücklich, dass die Verkehrswende nur dann ein Erfolg wird, wenn sie sozial gerecht ist. Es geht darum, ein System zu schaffen, das nicht nur den Planeten schützt, sondern auch die Teilhabe aller Menschen im Alltag ermöglicht.

FAQ

Über die Methodik

Die Literaturstudie wurde als »Scoping Review« durchgeführt. Dabei wurde systematisch die aktuelle nationale und internationale Forschung zum Zusammenhang von Klima, Geschlecht und Mobilität gesichtet und analysiert. Ziel war es, einen umfassenden Überblick über den Forschungsdiskurs zu geben, Wissenslücken zu identifizieren und die Relevanz der Ergebnisse für die Praxis herauszuarbeiten. Ergänzend wurden Policy-Papiere von nationalen und internationalen Organisationen wie der OECD, dem Europäischen Parlament und dem Umweltbundesamt analysiert, um praxisbezogene Empfehlungen abzuleiten.

Über die Autor*innen der Studie

  • Aysel Yollu-Tok

    ist 2024 Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Recht und Direktorin des Harriet Taylor Mill-Instituts für Ökonomie und Geschlechterforschung an der HWR Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Arbeitsmarkt und Sozialpolitik sowie Geschlechterforschung.

  • Katja Dill

    ist 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Harriet Taylor Mill-Institut der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und promoviert an der Universität Vechta im Bereich der Soziologie. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind u. a. interdisziplinäre Geschlechterforschung, Diversity und Digitalisierung.

  • Hanna Völkle

    ist 2024 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Harriet Taylor Mill-Institut der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und promoviert an der Universität Vechta im Bereich Wirtschaftswissenschaften. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind u.a. feministische Ökonomie, ökologische Nachhaltigkeit und politische Ökonomie.