Unsichtbar, überlastet, unterbezahlt: Wie das Rückgrat der Unis zerbricht
zuletzt aktualisiert: 19. January 2026
Die tragenden Säulen der deutschen Hochschullandschaft sind die fast 200.000 Mitarbeiter*innen in Verwaltung, Bibliotheken, Technik und Laboren. Ihnen ist es zu verdanken, dass Forschung und Lehre überhaupt stattfinden können. Doch während die Wissenschaft im Rampenlicht steht, bleibt ihre Arbeit meist im Verborgenen – ein Schattendasein mit gravierenden Folgen. Das Working Paper »›… wir halten die Uni am Laufen!‹ Perspektiven auf Arbeit und Beschäftigung in wissenschaftsunterstützenden Bereichen an Hochschulen« von Ulf Banscherus unter Mitarbeit von Alena Baumgärtner und Helene Tobias zeigt ein System, das von Frustration, mangelnder Wertschätzung und struktureller Ungerechtigkeit geprägt ist.

Das Wichtigste in Kürze
Unsichtbare Stützen: Mitarbeiter*innen in Verwaltung, Technik und Service an Hochschulen fühlen sich systematisch übersehen und nicht wertgeschätzt. Ihre Leistung wird oft nur bei Fehlern bemerkt.
Hohe Belastung: Arbeitsverdichtung, ständige Störungen und unklare Aufgaben führen zu einem hohen Belastungserleben bei bis zu einem Drittel der Beschäftigten.
Gerechtigkeitslücke: Große Unzufriedenheit mit dem Einkommen und fast keine Aufstiegschancen prägen den Arbeitsalltag. Die Studie zeigt eine systematische Unterbewertung von frauentypischen Tätigkeiten.
Strukturelle Probleme: Befristungen, dysfunktionale Prozesse und eine problematische Führungskultur – insbesondere durch akademische Vorgesetzte – verschärfen die Situation.
Die Zwei-Klassen-Gesellschaft an der Uni
An deutschen Hochschulen scheint eine unsichtbare Mauer zu existieren: auf der einen Seite die Wissenschaftler*innen, auf der anderen die sogenannten »wissenschaftsunterstützenden« Mitarbeiter*innen. Letztere haben oft das Gefühl, in einer anderen Welt zu arbeiten. Ihre Leistungen, so der Eindruck vieler Befragten der Studie, würden »meist nur bei Fehlern auffallen« und ansonsten auf Desinteresse stoßen. Diese mangelnde Sichtbarkeit ist mehr als nur ein Gefühl – sie ist ein strukturelles Problem.
Viele Beschäftigte nehmen eine klare Hierarchie wahr, in der sie dem wissenschaftlichen Personal untergeordnet sind, unabhängig von ihrer eigenen fachlichen Kompetenz. Das führt zu einem Reputationsungleichgewicht: Während die Erfolge in Forschung und Lehre gefeiert werden, wird die administrative und technische Arbeit, die diese Erfolge erst ermöglicht, als selbstverständlich hingenommen. Diese Asymmetrie wird von einigen sogar als »Klassengesellschaft« empfunden, in der interne Entscheidungsprozesse von Professor*innen dominiert werden, oft ohne Verständnis für die administrativen Notwendigkeiten.
»Für Forschungs- und zunehmend auch für Lehrleistungen gibt es eine Fülle von Preisen, Programmen, Stiftungen etc. Für das immer anspruch[s]voller werdende Verwaltungshandeln gibt es nichts dergleichen, stattdessen eine Missachtung der ›Bürokraten‹ und permanente Kritik.«
Zwischen Arbeitsverdichtung und Frustration
Die Hochschulen sind in den letzten Jahrzehnten massiv gewachsen. Mehr Studierende und mehr Drittmittelprojekte bedeuten aber auch: mehr Arbeit für die Verwaltung und Technik. Die Personalausstattung hat mit dieser Expansion jedoch nicht Schritt gehalten. Die Folge ist eine massive Verdichtung der Arbeit. Bis zu einem Drittel der Befragten fühlt sich stark oder sehr stark belastet.
Die Hauptursachen für den Stress sind dabei weniger klassischer Zeit- und Leistungsdruck. Es sind vielmehr die ständigen Störungen im Arbeitsablauf, die Notwendigkeit zum Multitasking und unklare Informationen über Aufgaben, die das Belastungserleben in die Höhe treiben. Hinzu kommt eine als schwerfällig und bürokratisch empfundene Ablauforganisation, die von vielen als dysfunktional beschrieben wird.
Eine Frage der Gerechtigkeit: Bezahlung und Karriere
Besonders drastisch zeigt sich die Unzufriedenheit im Bereich der distributiven Gerechtigkeit – also der Frage, ob die eigene Leistung angemessen entlohnt wird. Die Antwort der meisten Beschäftigten ist ein klares Nein. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter*innen in den wissenschaftsunterstützenden Bereichen ist in den unteren und mittleren Entgeltgruppen eingestuft. Die Unzufriedenheit mit dem Einkommen ist hier weitverbreitet.
56 % der Hochschulmitarbeiter*innen halten ihr Einkommen für nicht angemessen – deutlich mehr als in der öffentlichen Verwaltung insgesamt (29 %).
83 % befürchten, dass ihre spätere Rente nicht oder nur gerade so ausreichen wird.
Noch düsterer sieht es bei den Entwicklungsmöglichkeiten aus. Das Fehlen von internen Karrierewegen wird als ein zentrales Manko gesehen. Ganze 93 % der Befragten geben an, kaum oder gar keine Aufstiegschancen an ihrer Hochschule zu haben. Weiterbildungen werden zwar angeboten, führen aber nur selten zu einer Höhergruppierung oder einer Verbesserung der Einkommenssituation. Dieses Gefühl der Sackgasse ist ein massiver demotivierender Faktor.
Gefühlte Bedeutungslosigkeit
Fast die Hälfte (49 %) der Befragten glaubt, mit ihrer Arbeit keinen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.
Systematische Ungleichheit
Der unbereinigte Gender Pay Gap an Hochschulen wird auf mindestens 5 % geschätzt, liegt aber vermutlich deutlich höher.
Sorge um die Zukunft
Jede*r vierte Beschäftigte (25 %) macht sich häufig Sorgen um die berufliche Zukunft – mehr als doppelt so viele wie in der öffentlichen Verwaltung insgesamt (10 %).
Gläserne Decke und Gender Gaps: Frauen besonders betroffen
Die Probleme treffen Frauen in besonderem Maße. Die wissenschaftsunterstützenden Bereiche sind mehrheitlich weiblich dominiert, insbesondere in den Sekretariaten und Bibliotheken. Doch Gleichstellung bedeutet das noch lange nicht.
Gender Time Gap: Frauen arbeiten mit 39 % dreimal so häufig in Teilzeit wie ihre männlichen Kollegen (13 %). Hauptgrund ist für 60 % der Frauen die Übernahme von familiären Sorgeaufgaben – bei Männern sind es nur 30 %.
Gender Pay Gap: Die Studie liefert starke Hinweise auf eine systematische Unterbewertung weiblich konnotierter Tätigkeiten. Während typische »Männerberufe« wie Techniker oder IT-Fachkräfte in höheren Entgeltgruppen zu finden sind, dominieren Frauen in den niedriger eingestuften Sekretariats- und Bibliotheksberufen. Der geschätzte Gender Pay Gap liegt bei über 5 %.
Gender Leadership Gap: Frauen sind auch in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert. In größeren Teams beträgt der Gender Leadership Gap – die Differenz zwischen dem Frauenanteil an allen Beschäftigten und dem an Führungskräften – ganze 18 Prozentpunkte.
Was jetzt zu tun ist: ein Appell an die Hochschulen
Die Befunde des Working Papers sind ein Weckruf. Hochschulen stehen vor der Herausforderung, ihre Attraktivität als Arbeitgeberinnen massiv zu verbessern, um im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen zu können. Die Studie macht deutlich, dass es nicht mit kleinen Korrekturen getan ist. Es braucht einen grundlegenden Wandel in der Organisationskultur.
Dazu gehören eine leistungsgerechtere Bezahlung, die Schaffung von echten internen Karrierewegen und eine Professionalisierung der Führungskultur. Insbesondere akademische Führungskräfte müssen für die Bedürfnisse und die Logik administrativer Prozesse sensibilisiert werden. Vor allem aber braucht es eine neue Kultur der Anerkennung, die die unverzichtbare Leistung der wissenschaftsunterstützenden Mitarbeiter*innen sichtbar macht und wertschätzt. Denn ohne sie, das macht die Studie unmissverständlich klar, steht der Universitätsbetrieb still.
FAQ
Über die Methodik
Das Working Paper basiert auf der Auswertung unterschiedlicher Datenquellen. Eine zentrale Grundlage ist eine Sekundäranalyse des DGB-Hochschulreports von 2019, für den 3.796 Beschäftigte aus wissenschaftsunterstützenden Bereichen an 55 Hochschulen befragt wurden. Ergänzt wird diese quantitative Datenbasis durch 40 qualitative Leitfadeninterviews mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter*innen einer Universität, die zwischen 2020 und 2021 geführt wurden. Zudem wurden 3.202 Freitextantworten aus drei verschiedenen Befragungen qualitativ ausgewertet, um die subjektiven Einschätzungen und Ansprüche der Beschäftigten zu erfassen. Durch diese Triangulation verschiedener methodischer Zugänge liefert die Studie ein validiertes und vielschichtiges Bild der Arbeits- und Beschäftigungssituation.