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Transformation: Die Bremse sitzt oben

zuletzt aktualisiert: 17. February 2026

Fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland erlebt einen starken Wandel. Es geht um Digitalisierung und Dekarbonisierung. Doch statt Aufbruch herrscht oft Frust. Blockade des Fortschritts durch die Belegschaft? Weit gefehlt. Das Working Paper »Widersprüche der Transformation aus der Perspektive der Beschäftigten« von Thomas Lühr, Andreas Boes und Tobias Kämpf zeigt: Das Problem sind oft widersprüchliche Strategien aus den Chefetagen und fehlende Konsequenz in der Einführung neuer Geschäftsmodelle.

Eine Hand setzt einen Holzklotz an eine Reihe von Klötzen mit Pfeilen. Der neue Klotz zeigt einen roten Pfeil in die entgegengesetzte Richtung und unterbricht die einheitliche Ausrichtung.
Der Weg scheint klar, doch widersprüchliche Vorgaben sorgen für Verunsicherung und bremsen die gemeinsame Bewegung aus.IMAGO / Depositphotos

Das Wichtigste in Kürze

  • Hohe Veränderungsdynamik: 48 % der Beschäftigten erleben einen starken Wandel in ihrer Arbeit.

  • Hotspots des Wandels: Besonders betroffen sind IT, Finanzen, Automobilindustrie und der Energiesektor.

  • Keine »German Angst«: Die Mehrheit (61 %) der Beschäftigten ist bereit für Veränderungen oder bewertet diese ambivalent: sie sehen Risiken und Chancen.

  • Chaos im Management: Der Wandel scheitert oft an Inkonsistenzen, Machtkämpfen und halbherzig umgesetzten Strategien der Unternehmensführung.

  • Folge: Frustration bei Mitarbeitenden statt Erfolgserleben in der Transformation

Für fast die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland ist die Transformation Arbeitsalltag. 48 Prozent geben an, von einer starken Veränderungsdynamik direkt betroffen zu sein. Sie erleben, wie sich Geschäftsmodelle wandeln (53 Prozent), und erwarten, dass sich ihre eigenen Tätigkeiten ebenfalls grundlegend verändern werden (51 Prozent).

Doch während oft das Bild einer wandelunwilligen Belegschaft gezeichnet wird, die aus »German Angst« den Fortschritt blockiert, räumt die Studie mit diesem Vorurteil auf. Die Analyse zeigt: Die eigentliche Bremse für eine gelingende Transformation sitzt oft eine Etage höher – im Management.

Hotspots des Wandels

Die Veränderung trifft nicht alle Branchen gleich. Besonders hoch ist die Dynamik in vier Sektoren, welche die Studie als »Hotspots« der Transformation identifiziert:

  1. Informations- und Telekommunikationsindustrie

  2. Banken und Versicherungen

  3. Automobilindustrie

  4. Energiesektor

Besonders deutlich ist der Übergang in eine neue, datengetriebene und ressourcenschonende »Informationsökonomie« für hochqualifizierte Beschäftigte in den Großbetrieben dieser Branchen spürbar. Hier wird experimentiert, umstrukturiert und neu gedacht. Doch genau hier zeigen sich auch die größten Widersprüche.

  • 48 %

    der Beschäftigten fühlen sich in »hohem« oder »sehr hohem Maß« von Veränderungen bei der Arbeit betroffen.

  • 53 %

    nehmen wahr, dass ihr Unternehmen mit Hochdruck an neuen, digitalen Geschäftsmodellen arbeitet.

  • Nur 8 %

    haben das Gefühl, dass in ihrem Betrieb »in sehr hohem Maß« alte Strukturen aufgebrochen und neue Arbeitsformen eingeführt werden.

  • 61 %

    der Betroffenen bewerten den Wandel ambivalent – sie sehen darin sowohl Chancen als auch Risiken. Nur 15 % sehen ausschließlich Risiken.

Widersprüche in der Umsetzung

Obwohl viele Unternehmen auf agile Arbeitsformen setzen, um schneller und flexibler zu werden, hinkt die Umsetzung in der Praxis hinterher. Die Studie stellt fest, dass agile Methoden oft nur formal »ausgerollt« werden, ohne dass sich die Unternehmenskultur und die Rahmenbedingungen verändern. Teams sollen eigenverantwortlich arbeiten, werden aber durch unpassende Prozesse und starre Hierarchien ausgebremst.

Strategische Unsicherheit und ständige Richtungsänderungen im Management führen dabei zu absurden Situationen für die Mitarbeitenden, wie eine Gesprächspartnerin der Studie berichtet:

»Also die Teams werden zusammengeschmissen, dann wieder getrennt, dann zusammengeschmissen, wieder getrennt, und die Entwickler wurden auch von Team zu Team geschickt, was für mich keinen Sinn macht.«
Eine Beschäftigte über die Folgen unklarer Management-Entscheidungen

Solche Erfahrungen führen dazu, dass selbst motivierte Mitarbeitende ermüden. Sie erleben die Umsetzung neuer Arbeitskulturen als »wahnsinnig anstrengend«, weil sie permanent gegen unsichtbare Mauern ankämpfen müssen. Ihre Lust auf Zukunft weicht dem Gefühl der Vergeblichkeit.

Strategie-Chaos

Ein weiteres Kernproblem des stockenden Wandels sind also oft unklare und widersprüchliche Strategien im Management. Unternehmen experimentieren zwar mit ressourcenschonenden, datenbasierten Geschäftsmodellen, trauen sich aber nicht, sich konsequent vom alten Kerngeschäft zu lösen. Innovationsabteilungen werden aufgebaut, aber durch interne Machtkämpfe mit etablierten Bereichen blockiert oder mit zu knappen Ressourcen ausgestattet.

Für die Beschäftigten bedeutet das eine enorme Verunsicherung. Die ständige Ungewissheit nagt am Vertrauen und schafft ein Klima, das die Studie als das Gefühl einer »verlorenen Zukunft« beschreibt. Wenn die Richtung fehlt, weicht die Veränderungsbereitschaft einer tiefen Frustration und lähmt die Motivation derer, die den Wandel eigentlich gestalten wollen und könnten.

Es braucht einen echten Strategiewechsel

Die Befunde sind eindeutig: Die Bereitschaft zum Wandel in den Belegschaften ist größer als oft angenommen. Die Beschäftigten blicken realistisch auf die Veränderungen: Sie sehen Chancen für mehr Handlungsfähigkeit, aber auch die Risiken für ihre Jobs.

Ein Scheitern der Transformation droht nicht an der Basis, sondern durch die Inkonsequenz in den Chefetagen. Die Dringlichkeit einer klaren Strategie kann dabei kaum überschätzt werden. Denn das Festhalten an alten Strukturen ist keine sichere Option. Im Gegenteil: Die Autoren warnen vor einem Szenario, das auf ein »Abschmelzen des Beschäftigungsstandorts Deutschland und die Verödung ganzer Industrieregionen« hinausläuft. Für einen erfolgreichen Paradigmenwechsel braucht es laut der Studie vor allem drei Dinge:

  • Eine konsequente Strategie: Unternehmen müssen sich klar für neue Geschäftsmodelle entscheiden und Innovationsbereiche mit den nötigen Ressourcen und Autonomie ausstatten.

  • Eine gelebte agile Kultur: Statt nur Methoden überzustülpen, braucht es eine Kultur, die auf Vertrauen und echtem Empowerment der Teams basiert.

  • Echte Perspektiven für Beschäftigte: Gezielte Qualifizierung muss mit klaren Zukunftsaussichten und Sicherheit im Wandel verbunden sein.

Nur wenn es gelingt, die Widersprüche aufzulösen und die Menschen als wichtigste Kraft der Veränderung ins Zentrum zu stellen, kann die große Transformation der Arbeitswelt gerecht und erfolgreich gestaltet werden.

Podcast: Woran scheitert die Transformation in Unternehmen?

Fragen und Antworten zum Thema Widersprüche der Transformation aus der Perspektive der Beschäftigten

Über die Methodik

Die Studie kombiniert quantitative und qualitative Forschungsmethoden. Die quantitative Grundlage bildet eine repräsentative Telefonbefragung von 4.087 Arbeitnehmer*innen in Deutschland, die als Sonderbefragung im Rahmen des DGB-Index »Gute Arbeit« zwischen Dezember 2022 und April 2023 durchgeführt wurde. Darauf aufbauend wurden 72 qualitative Tiefeninterviews mit Beschäftigten und 30 Expertengespräche mit Führungskräften in den »Vorreiterbranchen« (Automobilindustrie, IT- und Telekommunikationsbranche, Bankgewerbe) geführt.

Über die Autoren

  • Thomas Lühr

    ist 2026 Wissenschaftler am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München.

  • Prof. Dr. Andreas Boes

    ist 2026 außerplanmäßiger Professor an der TU Darmstadt und Wissenschaftler am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München.

  • Prof. Dr. Tobias Kämpf

    ist 2026 Professor an der University of Labour in Frankfurt am Main.