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Satelliten statt Kugellager? Wie eine Region ihre Zukunft selbst in die Hand nimmt

zuletzt aktualisiert: 18. March 2026

Die Industrieregion Main-Rhön ist durch das Kugellager geprägt. Der Abschied vom Verbrennungsmotor setzt die Betriebe unter Druck. Arbeitsplätze sind in Gefahr, denn traditionsreiche Unternehmen bauen Stellen ab. Doch vor Ort haben sich Wissenschaftler*innen des ISF München, die IG Metall Schweinfurt und die Betriebsräte der betroffenen Unternehmen zusammengetan. Sie suchen nach Wegen, um das Ruder herumzureißen. Dafür gingen sie direkt in die Betriebe, um gemeinsam mit den Beschäftigten verborgenes Potenzial der Region zu heben und neue Wege zu finden. Die Ergebnisse dieser Arbeit mündeten in das Verbundprojekt »RegioTrans-MR (Regionale Transformation Main-Rhön)« – ein Netzwerk, das den Wandel aktiv gestaltet. Der Ansatz: Konkrete Zukunftsperspektiven für eine ganze Region schaffen.

Ein Mann im hellen Hemd steht mit dem Rücken zum Betrachter und blickt auf ein schwebendes, leicht unscharfes Modell eines Kleinsatelliten mit ausgeklappten Solarpanelen vor einem dunkelblauen Hintergrund.
Unter Transformationsdruck richtet sich der Blick auf neue Horizonte: In der Industrieregion Main-Rhön prüfen Betriebe, ob ihre Kompetenzen in der Präzisionsfertigung künftig für die Satelliten-Produktion genutzt werden können.IMAGO / YAY Images

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Lage: Die Region Main-Rhön hängt stark von der Autoindustrie ab. Konzerne wie Schaeffler, SKF und ZF bauen wegen der Transformation massiv Stellen ab.

  • Das Problem: Konzernzentralen entscheiden nach Kennzahlen und übersehen das Potenzial der Belegschaft vor Ort. Regionalen Akteur*innen fehlt oft die Vernetzung.

  • Der Ansatz: Das Projekt »RegioTrans-MR« bringt Gewerkschaft, Wissenschaft und Betriebsräte zusammen, um von der Analyse ins Handeln zu kommen.

  • Die Lösung: Durch Workshops und Interviews werden regionale Stärken sichtbar. Das Ziel: gemeinsam neue Geschäftsfelder erschließen und die Zukunft sichern.

  • Das Ergebnis: Betriebsräte entwickeln neue Ideen, etwa den Einstieg in die Produktion von Kleinsatelliten. Regionale Vernetzung erweist sich als Schlüsselressource.

»Die nächsten Jahre könnten brutal werden«

So titelte die Süddeutsche Zeitung Ende 2024 in einem Beitrag zur Lage der Region. Wo einst Kugellager und Automobilteile für Wohlstand und sichere Arbeitsplätze sorgten, herrscht heute Unsicherheit. Die doppelte Transformation – der Wandel hin zur E-Mobilität und die Digitalisierung – setzt die Industrie massiv unter Druck.

Große, international agierende Konzerne wie ZF, Schaeffler, SKF und Preh, die das wirtschaftliche Herz der Region bilden, bauen Stellen ab. Aber dieser Druck betrifft weit mehr als die Werkshallen. Wenn vier große Unternehmen gut bezahlte Tarifarbeitsplätze abbauen, schlägt das Wellen. Zulieferer haben weniger Aufträge. Am Ende spürt es die gesamte Region, wenn kommunale Einnahmen sinken und dadurch beispielsweise das öffentliche Schwimmbad nicht mehr beheizt werden kann.

Vor Ort zuhören, vor Ort gestalten

Was macht das mit Betrieben? Was macht das mit den Beschäftigten und den Menschen einer ganzen Region? Wie können Beschäftigte zu aktiven Gestalter*innen des Wandels werden? Und wie lassen sich Betriebe mit regionalen Ressourcen so verknüpfen, dass neue Perspektiven entstehen? Diese Fragen stehen im Zentrum des Verbundprojekts »RegioTrans-MR«. Das Projekt untersucht, was schief läuft und fragt auch, wie die Region die Transformation in die Hand nehmen kann.

RegioTrans-MR ist eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Allianz aus Gewerkschaft (IG Metall Schweinfurt), Wissenschaft (ISF München) und den Betriebsräten der vier größten Industriebetriebe der Region. Der Kern des Vorhabens: eine enge Zusammenarbeit – zwischen den Beschäftigten, Wissenschaftler*innen, Gewerkschafter*innen und den Betriebsräten der Industriebetriebe. Daraus folgt Vernetzung mit weiteren Akteuren in der Region.

In sogenannten Betriebsfallstudien wurden Interviews mit Beschäftigten, Führungskräften und dem Betriebsrat geführt, um die Probleme, aber vor allem auch die ungenutzten Potenziale und Ideen direkt vor Ort zu sammeln. Denn die Rettung, so die Erkenntnis, kommt aus dem Wissen derer, die an den Maschinen stehen, den Expert*innen in den Werkshallen und den Betriebsräten. Die externen Forscher*innen schaffen hier einen neuen Raum. Sie bündeln Informationen und zwingen die unterschiedlichen Seiten gewissermaßen an einen Tisch. Sie machen die Konflikte sichtbar und suchen nach gemeinsamen Nennern. Es ist der Versuch, aus der Analyse ins Handeln zu kommen.

»Die Konzernzentralen, die orientieren sich alle an den Zahlen, völlig klar. Was die aber alle nicht sehen, ist, welches Potenzial eigentlich in so einer Region schlummert.«
Dr. Manuela Maschke, Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, über das Projekt »RegioTrans-MR«

Regionaldialog: Aus der Region, für die Region

In diesem Forschungsprozess zeigt sich ein oft unterschätzter Aspekt: Eine Region lässt sich eben nicht so einfach in reinen Kennzahlen ausdrücken. Sie ist ein Ökosystem aus Wissen, Kultur und Beziehungen. Die Beschäftigten wollen nicht nur ihre Arbeit behalten – sie wollen in ihrer Heimat leben und arbeiten. Dieses Interesse, »dass diese Regionen eben nicht den Bach runtergehen«, ist der eigentliche Treibstoff für den Wandel. Wer für seine Heimat kämpft, ist innovativer, wenn es ans Eingemachte geht.

Die Verwurzelung ist eine enorme Stärke, die Konzerne oft übersehen. Es geht darum, eine »kollektive regionale Handlungsfähigkeit« zu organisieren. Die IG Metall übernimmt in Main-Rhön dabei die Rolle als »Anwalt der Region«, der überbetriebliche Interessen bündelt und Netzwerke schafft, die über die Konkurrenz der einzelnen Standorte hinausgehen. Es geht darum, Win-win-Situationen zu suchen und eine gemeinsame Vision zu entwickeln.

Denn in der Realität muss der Wandel meist »von unten« kommen. Er wird von den Menschen getragen, die ein existenzielles Interesse daran haben, dass ihre Heimat wirtschaftlich überlebt. Für Gewerkschafter*innen ist diese Strukturpolitik klassisches Brot-und-Butter-Geschäft. Sie kennen die Fähigkeiten in den Werkshallen und wissen: Ein Netzwerk bringt nicht viel, wenn die Chemie zwischen den Menschen nicht stimmt. Gelingt es aber, alle Akteur*innen vor Ort an einen Tisch zu bringen, entstehen weitaus robustere und kreativere Lösungen als durch abstrakte Vorgaben aus der Konzernzentrale.

Im Video der IG Metall kommen Akteur*innen vor Ort zur Sprache.

Fähigkeiten statt Produkte

Die Gespräche vor Ort zeigen auch: Der Schlüssel für eine erfolgreiche Transformation liegt oft in einem radikalen Perspektivwechsel – nicht mehr festhalten an einem bestimmten Produkt, mehr hin zu den eigentlichen Fähigkeiten und Kompetenzen der Belegschaft. In Schweinfurt bedeutet das, die jahrzehntelang perfektionierte Präzisionsarbeit nicht mehr nur für den Verbrennungsmotor zu denken. Denn wer hochpräzise Metallteile für Dieselmotoren fertigen kann, beherrscht Prozesse, die auch in anderen Zukunftsbranchen gefragt sind.

Aus den Interviews der Betriebsfallstudien entstand genau dieser entscheidende Gedanke. So kam plötzlich das Thema Raumfahrt auf den Tisch. Um aus dieser Idee eine handfeste Perspektive zu formen, organisierten das ISF München und die IG Metall einen Workshop. Sie brachten Betriebsräte, Management und die Gewerkschaft mit Professor Klaus Schilling vom Zentrum für Telematik (ZfT) in Würzburg zusammen. Das Ergebnis dieser Vernetzung: Die Region prüft nun den Aufbau einer Produktion für Kleinsatelliten. Werden die Fähigkeiten der Beschäftigten so ins Zentrum gerückt, entstehen selbst in der Krise neue, konkrete Perspektiven.

Ein Fahrplan für den Wandel: Sechs zentrale Handlungsfelder

Die Erkenntnisse aus Schweinfurt sind das Ergebnis der Forschungsarbeit direkt vor Ort und eines breit angelegten Regionaldialogs. Dieser Austausch ist das zentrale Instrument des Projekts, um die verschiedenen Akteur*innen an einen Tisch zu bringen. Genau an diesem Ort wurden sechs Handlungsfelder gemeinsam entwickelt – ein strategischer Fahrplan, um die Transformation der Industrieregion Main-Rhön aktiv zu gestalten und den Standort zukunftssicher zu machen.

  • Aktive Betriebe im regionalen Netzwerk: Fabriken dürfen keine isolierten Inseln mehr sein. Die Betriebe müssen aus ihrer eigenen Blase heraustreten und zu aktiven, vernetzten Akteur*innen in der Region werden.

  • Zusammenarbeit von Industrie und New Business: Tradition trifft Innovation. Die etablierte Industrie muss strategische Allianzen mit völlig neuen Geschäftsfeldern und Start-ups schmieden.

  • Ressourcen in der Region: Eine Region hat oft weit mehr zu bieten, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Es gilt, lokale Potenziale gezielt zu erschließen und die vorhandenen Ressourcen systematisch zu verbessern.

  • Qualifizierung und Weiterbildung: Ohne neues Wissen gelingt kein Wandel. Die gezielte Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten muss massiv vorangetrieben werden, damit die Belegschaft die Technologien von morgen beherrscht.

  • Transformationsfolgen proaktiv bearbeiten: Wenn Standorte wackeln, darf niemand passiv auf das Ende warten. Drohen Schließungen, müssen als direkte Reaktion auf die Transformationsfolgen frühzeitig Aus- und Neugründungen unterstützt werden.

  • Bürokratieabbau auf regionaler & kommunaler Ebene: Innovation braucht Tempo. Die regulatorischen Rahmenbedingungen vor Ort müssen spürbar vereinfacht werden.

Diese sechs Handlungsfelder können als wertvolle Blaupause dienen. Jede andere Industrieregion in Deutschland, die aktuell unter dem massiven Druck der Transformation steht und nach Orientierung sucht, kann diese Ergebnisse als Grundlage für eine eigene, regionale Zukunftsstrategie nutzen.

Fragen und Antworten zum Thema »RegioTrans-MR« und Transformation einer Industrieregion

Dieser Text basiert auf:

Über die Methodik

Die Erkenntnisse des Projekts RegioTrans-MR basieren auf einem mehrstufigen Vorgehen. Dazu gehört eine systematische Sekundärauswertung von 15 bestehenden Transformationsstudien. Den Kern bilden vier Betriebsfallstudien in den Unternehmen Preh, SKF, Schaeffler und ZF. Dabei wurden 26 leitfadengestützte Interviews mit Beschäftigten und Führungskräften geführt. Ergänzt wurde dies durch 20 Expert*inneninterviews mit weiteren regionalen Stakeholdern. Die Ergebnisse wurden in mehreren Regionalworkshops diskutiert und zu konkreten Handlungsfeldern verdichtet.

Das Team des Forschungsprojekts

An den drei genannten Projekten sind vom ISF München beteiligt: Tobias Ritter, Dr. Norbert Huchler und Dr. Alexander Ziegler; von der IG Metall Schweinfurt beteiligt ist Thomas Höhn.