Rekordzahlen und Arbeitsdruck: Wie der Boom die Luft- und Raumfahrt herausfordert
zuletzt aktualisiert: 11. August 2026
Das Working Paper »Branchenanalyse Luft- und Raumfahrtindustrie« von Katrin Schmid und Katharina Schöneberg blickt hinter die Kulissen einer boomenden Schlüsselindustrie. Die Branche feiert historische Erfolge, doch zwischen vollen Auftragsbüchern, sich erholenden Lieferketten und dem politischen Anspruch auf Klimaneutralität wächst zugleich der Druck auf die Belegschaften.

Das Wichtigste in Kürze
Rekordumsätze: Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie erwirtschaftete 2025 mehr als 43 Milliarden Euro.
Beschäftigungsrekord: Etwa 110.000 Menschen arbeiten sozialversicherungspflichtig in der Luft- und Raumfahrt – so viele wie nie zuvor.
Arbeitsverdichtung: Trotz eines Zuwachses von 16.000 Beschäftigten seit 2022 führen der branchenweite Personalmangel und anfällige Lieferketten zu extremen Belastungen in der Fertigung.
Klimaschutz auf der Warteliste: Rüstungsaufträge treiben das Geschäft, während die Transformation zum emissionsfreien Fliegen ins Stocken gerät.
Die Auftragsbücher sind voll. Die Produktionshallen arbeiten an der Kapazitätsgrenze. Nach dem wirtschaftlichen Einbruch durch die Corona-Pandemie erlebt die Luft- und Raumfahrtindustrie in Deutschland ein historisches Hoch. Zu verdanken ist das auch dem Instrument der Kurzarbeit, das während der Krise griff und den Kern der Belegschaften erfolgreich im Betrieb hielt. Zuletzt stiegen die Umsätze wieder rasant und erreichten im Jahr 2025 über 43 Milliarden Euro. Mit Stand Juni 2024 reichte der Auftragsbestand rechnerisch für 43 Monate. Die Betriebe könnten demnach beinahe vier Jahre lang produzieren, ohne einen einzigen neuen Auftrag anzunehmen.
»Die Entwicklungen von Umsatz und Produktion eilen in der Luft- und Raumfahrtindustrie seit Jahren von Spitzenwert zu Spitzenwert.«
Doch der wirtschaftliche Erfolg hat eine Kehrseite. Die Nachfrage bei Erstausrüstern wie Airbus oder Boeing trifft auf eine komplexe Zulieferkette. Zwar haben sich die globalen Lieferkettenprobleme der vergangenen Jahre merklich abgeschwächt, dennoch ist das System weiterhin fragil. Bauteile fehlen punktuell, Rohstoffe sind knapp und technisches Fachpersonal wird händeringend gesucht. Die Realität in den Werkshallen ist ein ständiger Spagat mit diesem Mangel. Das bremst die tatsächliche Auslieferung fertiger Flugzeuge trotz aller Anstrengungen spürbar aus.
Wenn die Produktionssteigerung die Belegschaften belastet
Um die vielen Aufträge abzuarbeiten und die Taktung zu erhöhen – in der Industrie spricht man vom Produktionshochlauf –, stellen die Luft- und Raumfahrtunternehmen massiv ein. Der starke Beschäftigungsaufbau nach Corona hat sich seit 2024 allerdings abgeschwächt. Trotz voller Auftragsbücher stellen viele Betriebe inzwischen zurückhaltender ein, der Peak der Neueinstellungen scheint überschritten. In einigen Zulieferbetrieben läuft diese Zurückhaltung sogar den tatsächlichen Fachkräftebedarfen zuwider. Ein Großteil der Unternehmen klagte bereits vor der Pandemie über Stellenbesetzungsprobleme. In den Zeiten des Personalabbaus während der Krisenjahre haben viele Fachkräfte die Branche verlassen. Verlorenes Wissen lässt sich in einer Hochtechnologiebranche nicht über Nacht zurückholen.
Für die Beschäftigten in der Fertigung und im Engineering bedeutet dieser Engpass dauerhafte Überlastung. Zwar nutzen viele Unternehmen mittlerweile intensiv digitale Simulationen und Künstliche Intelligenz (KI), um Prozesse zu optimieren und die Teams aktiv zu entlasten – was nach Ansicht der Betriebsräte jedoch zwingend mit gezielter Qualifizierung und einer starken Erweiterung der betrieblichen Mitbestimmung einhergehen muss. Dennoch führen ständige Effizienzsteigerungen und hohe Produktivitätsanforderungen unterm Strich zu einer massiven Verdichtung der Arbeit. Viele übernehmen zusätzliche Aufgaben, um personelle Lücken zu schließen. Überstunden, Schichtarbeit am Wochenende und steigende Krankenstände prägen in vielen Abteilungen den Alltag.
»In einzelnen Bereichen arbeiten heute deutlich weniger Beschäftigte an gleichbleibenden oder gestiegenen Aufgabenvolumina, was sich in Überstunden und teilweise erhöhten Krankenständen widerspiegelt.«
Erschwerend kommt die Integration neuer Arbeitskräfte – das sogenannte Onboarding – hinzu. Die vielen neuen Kolleg*innen müssen in kürzester Zeit angelernt und eingearbeitet werden. Das bindet wertvolle Ressourcen und erhöht kurzfristig die Belastung für die Stammbelegschaft zusätzlich.
Ein zentraler Hebel, um dem großen Fachkräftemangel langfristig zu begegnen, ist die eigene Ausbildung. Auch wenn die durchschnittliche Ausbildungsquote in der Branche mit 3,1 Prozent im Industrievergleich noch gering ausfällt, steuern die Unternehmen inzwischen spürbar gegen. Mit rund 3.400 Auszubildenden erreichte die Luft- und Raumfahrtindustrie im Jahr 2024 den höchsten Stand seit zehn Jahren. Vor dem Hintergrund der vollen Auftragsbücher blicken auch die Interessenvertretungen zuversichtlich nach vorn: Ein Drittel der befragten Betriebsräte geht davon aus, dass die Zahl der Ausbildungsplätze im eigenen Betrieb in den kommenden Jahren noch weiter anwachsen wird.
43 Monate
So weit reichte der Auftragsbestand der Luft- und Raumfahrtindustrie rechnerisch in die Zukunft. Zum Vergleich: Im deutschen Maschinenbau lag die Reichweite zum selben Zeitpunkt bei lediglich acht Monaten.
17 Prozent
Der Anteil von Frauen in der Branche verharrte im Jahr 2024 auf einem sehr niedrigen Niveau.
3,1 Prozent
Die durchschnittliche Ausbildungsquote in der Luft- und Raumfahrt lag 2024 auf einem im Industrievergleich geringen Niveau.
61 Prozent
Knapp zwei Drittel der Beschäftigten im Luft- und Raumfahrzeugbau waren 2024 zwischen 25 und 50 Jahre alt.
Leiharbeit bleibt ein Puffer für die Branche
Eine Besonderheit der Luft- und Raumfahrtindustrie ist der traditionell hohe Einsatz von Leiharbeit, also Zeitarbeit, bei der Arbeitskräfte über externe Agenturen zeitlich befristet an die Betriebe verliehen werden. Sie dient den Unternehmen als Puffer, um flexibel auf Produktionsschwankungen reagieren zu können. Zwar ist die branchenweite Leiharbeitsquote im Vergleich zu 2014 insgesamt gesunken, in Boom-Phasen steuern die Betriebe jedoch gezielt mit externem Personal nach. Das zeigt sich deutlich in den Bilanzen: Während sich die Ausgaben für Leiharbeit im Corona-Jahr 2021 auf 367 Millionen Euro beinahe halbiert hatten, schossen sie 2023 mit 674 Millionen Euro direkt wieder auf das Vorkrisenniveau hoch.
Für die Belegschaften birgt das jedoch große Unsicherheiten. Leiharbeitnehmer*innen waren während der Pandemie die ersten, die ihre Arbeitsplätze verloren. Zeitarbeitsverträge ließen sich faktisch ohne Kündigungsschutz oder Betriebsratsbeteiligung auflösen. Die Stammbelegschaften und Interessenvertretungen fordern hier deutlich mehr Stabilität und Sicherheit für alle Kolleginnen.
Rüstung boomt, Klimaschutz wartet
Neben dem zivilen Luftverkehr wandelt sich die Luft- und Raumfahrtbranche vor allem durch geopolitische Einflüsse. Die von der Bundesregierung ausgerufene »Zeitenwende« – also die grundlegende Neuausrichtung der deutschen Verteidigungspolitik samt eines 100-Milliarden-Euro-Sondervermögens für die Bundeswehr infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine – beschert dem militärischen Segment steigende Budgets. Obwohl die Luft- und Raumfahrtindustrie traditionell stark auf den Export ausgerichtet ist, wächst nun der Anteil des Inlandsgeschäfts spürbar. Dieser Wandel erklärt sich vor allem durch den boomenden Rüstungssektor: Die Bundeswehr kauft im Zuge der Neuausrichtung massiv militärische Produkte bei heimischen Herstellern ein. Auch die Raumfahrtindustrie profitiert stark von diesem Trend. Eine neue nationale Weltraumsicherheitsstrategie zielt darauf ab, bis zum Jahr 2030 rund 35 Milliarden Euro in die Weltraumsicherheit und in eigene Satellitenkonstellationen zu investieren. Aus Beschäftigtensicht bleibt allerdings offen, wie nachhaltig die rüstungsgetriebenen Arbeitsplätze sind. Die Studie verweist dazu auf die Forderung nach Local-Content-Strategien.
Diese Priorisierung hat Folgen: Die Zukunft der Luft- und Raumfahrt hängt eigentlich untrennbar mit der Dekarbonisierung zusammen. Das Ziel ist klar definiert: klimaneutrales Fliegen. Doch der Übergang zu umweltfreundlichen Technologien verläuft laut der Studie eher langsam und zögerlich. Der immense Fokus auf kurzfristige Produktionssteigerungen und lukrative Rüstungsaufträge drängt Investitionen in den Klimaschutz in den Hintergrund.
»Volle Auftragsbücher und eine Ausweitung der Rüstungsproduktion scheinen das Zukunftsthema ›grünes‹ Fliegen weit nach hinten zu verschieben.«
Der erhoffte Wandel durch alternative Kraftstoffe – sogenannte Sustainable Aviation Fuels (SAF) – scheitert momentan an mangelnden Produktionskapazitäten. Völlig neue Technologien wie Wasserstoffantriebe erfordern zudem radikale Designänderungen an den Flugzeugen und hohe Investitionen in die Infrastruktur. Viele kleine und mittlere Zulieferbetriebe haben weder das Kapital noch das Personal, um solche langwierigen Entwicklungszyklen aus eigener Kraft zu stemmen.
Damit der Höhenflug der Luft- und Raumfahrt nicht auf Kosten von Belegschaften und Klima geht, fordern die Studienautorinnen verbesserte Rahmenbedingungen. Nur durch verlässliche, strategische Personalplanung in den Betrieben sowie eine öffentliche Förderung, die an Sozialstandards, Tarifbindung und Kriterien Guter Arbeit gebunden ist, kann diese Schlüsselindustrie ihre Zukunft sichern.
Fragen und Antworten zum Thema Luft- und Raumfahrtindustrie
Dieser Text basiert auf:
Schmid, Katrin / Schöneberg, Katharina (2026): Branchenanalyse Luft- und Raumfahrtindustrie. Beschäftigung im Spannungsfeld von Fachkräftemangel, Auftragsboom und der Transformation zu klimaneutralem Fliegen. Working Paper Forschungsförderung Nr. 410, Düsseldorf, 118 Seiten.
Über die Methodik
Für die Branchenanalyse wurden in erster Linie Daten der amtlichen Statistik des Statistischen Bundesamtes und der Bundesagentur für Arbeit herangezogen. Ergänzt wurden diese durch Veröffentlichungen des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) sowie durch branchenspezifische Publikationen, Geschäftsberichte und Stellungnahmen von Gewerkschaften. Den qualitativen Kern der Studie bilden 15 leitfadengestützte Interviews mit Betriebsratsvertreter*innen, Managementvertreter*innen und Verbandsvertreter*innen, wobei der Fokus auf den Unternehmensstandorten in Deutschland lag.