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Kulturkampf in der Werkshalle: Die Trojaner-Strategie der Rechten

zuletzt aktualisiert: 26. January 2026

Es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Betriebsratswahlen 2026. Die Stimmung in vielen Werken der Automobilindustrie ist angespannt. Transformation, Stellenabbau und Unsicherheit prägen den Alltag – diese Unsicherheit nutzen rechte Akteure aus. Unter ihnen die Initiative »Zentrum«, die versucht, mit einer »Trojaner-Strategie« und Kulturkampf zu punkten. Das Working Paper »Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts« der Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber seziert diese Mechanismen. Ihre Analyse zeigt: Wir haben es mit einer hochprofessionellen Medienstrategie zu tun, die gezielt auf emotionale Ansprache, ständige Wiederholung und eine schleichende Normalisierung rechtsextremen Gedankenguts setzt – mitten im Betrieb. Zentral dabei: Das Feindbild IG Metall.

Eine Reihe großer, aufrecht stehender Dominosteine leuchtet im Dunkeln in verschiedenen Farben wie Blau, Grün und Rot. Der vorderste Stein auf der rechten Seite ist bereits ins Kippen geraten und stürzt bildfüllend auf den Betrachter zu, während die anderen noch stabil stehen.
Ein kleiner Anstoß mit großer Wirkung. Wie bei Dominosteinen setzt die rechte Initiative »Zentrum« auf eine Kettenreaktion. Was mit vermeintlich harmlosen Inhalten beginnt, soll das solidarische Gefüge im Betrieb ins Wanken bringen.IMAGO/Wirestock

Rechte Akteure wie die Initiative »Zentrum« (ehemals »Zentrum Automobil«) wissen ganz genau, dass sie mit offener Hetze und völkischen Parolen viele Beschäftigte abschrecken würden. Ihre Strategie ist deshalb wesentlich subtiler und damit auch gefährlicher: Sie nutzen eine Taktik, die in der vorliegenden Studie treffend als »Trojaner-Strategie« bezeichnet wird. Dabei produzieren sie sachliche, handwerklich gut gemachte Erklärvideos, die im Stil moderner Bildungsformate daherkommen und korrekte Informationen zu Themen wie Kündigungsschutz, Kurzarbeit oder dem Wahlverfahren liefern.

Diese Videos wirken absolut seriös und dienen als Türöffner in die digitale Welt der Beschäftigten. Dabei verknüpfen sie visuell geschickt Themen wie allgemeine Arbeitnehmerrechte mit dem Logo von »Zentrum« und präsentieren Schimpftiraden gegen die IG Metall im ruhigen Duktus eines Bildungsvideos als scheinbar objektive Fakten. Das Ziel ist eine metapolitische Verschiebung der Diskurse: Das extrem rechte Weltbild soll am Arbeitsplatz normalisiert und sagbar werden. Dabei docken diese Akteure an ein reales Gefühl der Entfremdung von der eigenen Arbeitswelt an, das in vielen Belegschaften herrscht. Denn immer mehr Beschäftigte fühlen sich angesichts der komplexen Transformation der Industrie ohnmächtig und allein gelassen. »Zentrum« bietet hier keine komplexen ökonomischen Antworten, sondern füllt dieses Gefühl mit einem klaren Feindbild und dem Angebot einer exklusiven Gemeinschaft, in der sich die Verunsicherten wieder als Handelnde fühlen können. Dass die Strategie verfängt und weit über den lokalen Betrieb hinausstrahlt, belegen die Zahlen der Analyse eindrücklich.

  • 139.400

    Aufrufe erzielte der Hinweis über den Film zur Attacke auf den Zentrum-Betriebsrat Andreas Ziegler in Telegram. Mit der aufwendigen Doku inszenierte sich die Gruppe bundesweit als Opfer und konstruierte eine Mitschuld der IG Metall (Stand: 04. März 2025).

  • 581.000

    Menschen folgen der AfD-Bundestagsfraktion auf TikTok. Während demokratische Akteure dort oft noch nach der richtigen Zielgruppenansprache suchen, dominiert die Rechte den Feed junger Beschäftigter bereits massiv mit scheinbar arbeitsnahen Inhalten (vgl. S. 46).

  • 20

    aufwendig produzierte Kampagnenvideos bildeten den Kern des untersuchten Materials. Statt auf amateurhafte Handy-Clips setzt die Initiative »Zentrum« auf Kino-Optik und professionelle Sprecher, um Seriosität vorzutäuschen.

Das Narrativ vom »Verrat« der Eliten

Das wirkmächtigste Werkzeug der Rechten: Sie definieren die Frontlinien des Arbeitskampfes neu – und ignorieren dabei wirtschatliche Zusammenhänge. Ihr zentraler Angriffspunkt ist nicht der Kapitalismus oder die Unternehmensführung, sondern die etablierte Gewerkschaft, allen voran die IG Metall. Das zentrale Schlagwort dieser rechten Erzählung lautet »Co-Management«. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist simpel und perfide zugleich: Die Gewerkschafter*innen säßen in den Aufsichtsräten und hätten den Kontakt zur Belegschaft an der Basis schon lange verloren. Sie seien Teil einer korrupten Elite, die den »kleinen Mann« verraten habe, um die eigenen Pfründe zu sichern.

Damit wird die Solidarität im Betrieb faktisch aufgekündigt. Die Gewerkschaft wird vom Schutzmacht-Akteur zum Feindbild umgedeutet, während komplexe Themen wie die Klimakrise oder Globalisierung verschwörungsideologisch aufgeladen werden. Die IG Metall wolle durch ihre »internationalistische Gesinnung« den Standort Deutschland zerstören, so der Vorwurf. Diese Erzählung folgt dabei meist drei Schritten:

  • Abwertung: Die etablierten Vertreter*innen werden als korrupt und fern der Basis dargestellt.

  • Opfermythos: »Der deutsche Arbeiter« wird als Opfer einer Verschwörung von Konzernen und Gewerkschaften inszeniert.

  • Exklusivität: Nur »Zentrum« sei mutig genug, diese vermeintliche Wahrheit auszusprechen.

Die Inszenierung der Nähe: Der rechte »Kümmerer«

Warum verfängt diese Erzählung in Teilen der Belegschaft? Weil »Zentrum« genau dort hineinstößt, wo Gewerkschaften als bürokratisch oder distanziert wahrgenommen werden. Die Studie zeigt detailliert, dass die Rechten massiv auf Personalisierung und Nähe setzen, um dieses emotionale Defizit zu nutzen. In professionell produzierten Videos erzählen einzelne Beschäftigte zum Beispiel ihre ganz persönlichen Geschichten – oft geht es um Krankheit, Kündigungsangst oder juristische Probleme, bei denen »Zentrum« angeblich geholfen hat, während andere nicht ansprechbar waren.

Diese »anekdotische Evidenz« schlägt Fakten mit Emotionen. Es geht nicht um abstrakte Tarifpolitik oder Aushandlung zur Zukunft der Arbeitsplätze, sondern um das Gefühl: »Die waren da, als ich sie brauchte.« Die Führung von »Zentrum« deutet dabei sogar den häufigen Vorwurf, man habe keine politische Vision und kümmere sich nur um Kleinkram, geschickt um: Sie macht daraus ein Gütesiegel der ultimativen Kümmerer-Mentalität. Die Botschaft für die anstehenden Wahlen 2026 ist damit klar gesetzt: ›Die etablierten Gewerkschaften machen Weltpolitik in Hotels, wir sind bei euch in der dreckigen Halle.‹ Dass »Zentrum« dabei strukturelle ökonomische Fragen oft völlig ausblendet und keine realen Lösungsansätze für z. B. die Herausforderungen der Transformation bietet, tritt hinter der emotionalen Wucht der »Story« zurück. Es ist eine Simulation von Nähe, um ideologische Kälte zu verbreiten. Denn diese vermeintliche Fürsorge ist strikt exklusiv: Sie gilt nur für das eigene, völkisch definierte Kollektiv und basiert im Kern auf der Abwertung all jener, die nicht dazugehören.

Normalisierung durch Alltagsgegenstände

Die Strategie der Rechten beschränkt sich keineswegs nur auf digitale Medien, sondern findet auch ganz analog statt, um im Betriebsalltag präsent zu sein. Durch die Verteilung nützlicher Alltagsgegenstände wie Jahreskalender, stabiler Schlüsselbänder oder Karabinerhaken wird eine schleichende Normalisierung vorangetrieben. Das Logo der rechten Gruppierung wird so ein selbstverständlicher Teil der visuellen Umgebung im Werk, ohne dass es sofort als politisches Statement wahrgenommen wird.

»Was soll schon ein Karabiner schaden?«
Diese rhetorische Frage aus der Analyse bringt die Gefahr der Banalisierung auf den Punkt: Harmlos wirkende Gadgets senken die Hemmschwelle gegenüber rechten Akteuren massiv.

Es ist eine Strategie der Banalisierung: Wer den Karabiner trägt, gewöhnt sich an die Präsenz der Rechten. Sie werden vom politischen Gegner zu einem normalen Teil der Belegschaft. Gleichzeitig immunisiert sich »Zentrum« gegen den naheliegendsten und stärksten Kritikpunkt: den Rassismus. Durch den gezielten Einsatz von Kandidaten mit Migrationsgeschichte in ihren Medien wird dieser Vorwurf aktiv abgewehrt: klassisches »Tokenism« (vgl. S. 31). Ein türkischer Wahlaufruf oder ein Kandidat mit Migrationshintergrund suggeriert der Belegschaft: Schaut her, wir können gar nicht rechtsextrem sein. Das völkische Weltbild im Hintergrund bleibt davon unberührt, wird aber verschleiert. Es ist eine taktische Maskierung, um auch in diversen Belegschaften wählbar zu sein und Kritik abperlen zu lassen.

Die digitale Flanke: Das AfD-Netzwerk auf TikTok

Lügen, Spalten, die Opferrolle inszenieren und den Algorithmus von TikTok dominieren: Diese Strategien der AfD sind auf der großen politischen Bühne längst bekannt. Doch das Gift wirkt nicht nur in Berlin. Es bildet die digitale Flanke für die Auseinandersetzungen im Betrieb. Während »Zentrum« die Kümmerer vor Ort spielt, liefert die AfD den großen politischen Rahmen.

Auf dem TikTok-Kanal der AfD werden komplexe Probleme auf einfache Slogans wie »Zeit für gute Arbeit« reduziert, oft illustriert mit KI-generierten Bildern von glücklichen Arbeiter*innen, die eine heile Welt versprechen. Doch der Schein der »Arbeiterpartei« trügt gewaltig. Die Analyse entlarvt, dass hinter der arbeiterfreundlichen Fassade eine marktradikale Haltung steckt, die den Interessen der Beschäftigten diametral entgegensteht. Prominente Vertreterinnen der Partei inszenieren Steuerpolitik gerne als »Befreiungskampf« gegen einen übergriffigen Staat. Was hier als Einsatz für die Bürger*innen verkauft wird, ist im Kern jedoch oft eine Politik, die staatliche Sozialleistungen und solidarische Umverteilung als Bevormundung diffamiert.

Die Gefahr liegt darin, dass diese digitale Dauerbeschallung in Kombination mit der analogen Kümmerer-Strategie im Betrieb eine Zange bildet, die demokratische Strukturen massiv unter Druck setzt. Doch die Studie zeigt auch, was diesem Spaltungsversuch entgegengesetzt werden muss:

»Die Herstellung von Solidarität unter den Beschäftigten bleibt zentrale Aufgabe von Gewerkschaften – über vermeintliche Trennlinien wie Branchen, Herkünfte, Hautfarben, Geschlechter und Konfessionen hinweg.«
Daphne Weber, über die demokratische Antwort auf den Versuch der Rechten, die Belegschaft in Betrieben zu spalten

Fazit: Was auf dem Spiel steht

Die Studie macht deutlich: Die Gefahr von rechts im Betrieb lässt sich nicht allein mit Faktenchecks bekämpfen. Es handelt sich um einen gezielten Angriff auf die Kultur der Arbeiterschaft. Die Rechten bieten emotionale Ansprache und scheinbare Nähe in einer Zeit der Unsicherheit. Wer dem etwas entgegnen will, muss den Begriff der Solidarität im Alltag spürbar machen – nahbarer, inklusiver und glaubwürdiger als der »Wolf im Blaumann«.

Podcast: Ein Blick auf die Betriebsratswahlen 2026

Fragen und Antworten zum Thema Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts

Über die Methodik

Die vorliegende Studie basiert auf einer kultur- und medienwissenschaftlichen Analyse. Untersucht wurden die »ästhetische Kommunikation« und die Kampagnenmedien von »Zentrum« sowie der AfD. Der Materialkorpus umfasst rund 20 Kampagnenvideos, 12 Betriebszeitungen, diverse Flugblätter sowie hunderte Posts auf Telegram, Instagram und TikTok aus den Jahren 2018 bis 2025.

Über die Autorin

  • Daphne Weber

    ist 2025 Dr. phil. an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte über strategische Kommunikation in politischen Mobilisierungen. Sie forscht zu Inszenierungstechniken und Medienpraktiken in sozialen Bewegungen.