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Krank durch Arbeit: Warum das System bei der Heilung versagt

zuletzt aktualisiert: 12. March 2026

Psychische Erkrankungen, die im Zusammenhang mit der Arbeit stehen, werden seit Jahren intensiv diskutiert. Doch während die Belastungen in der modernen Arbeitswelt zunehmen, ist der Weg zurück in ein gesundes Arbeitsleben oft voller Brüche und systemischer Hürden. Die Studie »Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt« befasst sich mit diesem Prozess umfassend und interdisziplinär. Die Autor*innen Nora Alsdorf, Ute Engelbach, Sabine Flick, Rolf Haubl und Stephan Voswinkel kommen darin zu der zentralen Erkenntnis: Das System aus Unternehmen, Kliniken und Therapeut*innen versagt an den entscheidenden Schnittstellen und lässt Betroffene oft allein.

Nahaufnahme von 10 nebeneinander stehenden Streichhölzern. Das zweite von rechts hat als einziges gebrannt und glüht noch leicht.
Überlastet, ausgebrannt, allein: Der Druck in der modernen Arbeitswelt treibt viele an ihre Grenzen. Der Weg zur Genesung ist oft voller Hürden.IMAGO / YAY Images

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Problem: Psychische Erkrankungen durch Arbeit nehmen zu, doch der Weg zur Genesung ist systemisch blockiert.

  • Systembrüche: Die Studie deckt massive Lücken zwischen betrieblicher Realität, therapeutischer Behandlung und der Nachsorge auf.

  • Therapie-Dilemma: In der Psychotherapie wird die Arbeitswelt als Ursache oft ausgeblendet, was die Wiedereingliederung erschwert.

  • Forderung: Nötig ist eine viel stärkere Vernetzung aller Akteure – von Vorgesetzten über Ärzt*innen bis zu Therapeut*innen –, um Betroffenen wirklich zu helfen.

Das Märchen vom reibungslosen Neustart

Stellen wir uns Frau Ypsilon vor: Eine engagierte Ingenieurin, die in ihrer Rolle als Führungskraft zwischen den Forderungen des Managements und den Bedürfnissen ihres Teams zerrieben wird – eine Belastung, die für Sandwichpositionen typisch ist. Sie bekommt schnell Hilfe, eine Diagnose, einen Klinikplatz. In der Therapie arbeitet sie ihre Probleme auf, ihr Arbeitgeber organisiert über das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) einen sanften Wiedereinstieg, eine ambulante Therapie sichert den Erfolg. Alles wird gut.

Diese Geschichte, so zeichnen es die Autor*innen der Studie nach, entspricht leider häufig nicht den Tatsachen und die Realität sieht für die meisten Menschen, deren Psyche unter der Last der Arbeit zerbricht, anders aus. Sie ist geprägt von langen Wartezeiten, Stigmatisierung und vor allem von den tiefen Gräben, die zwischen den verschiedenen Hilfesystemen verlaufen. Die Studie zeigt ein Systemversagen an den Schnittstellen.

Die unsichtbare Last: Wenn Arbeit die Psyche belastet

Die Zahlen zeichnen ein klares Bild. Während die Krankenstände insgesamt lange stagnierten oder sanken, nahmen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen dramatisch zu. Ein besonderes Phänomen verschleiert das wahre Ausmaß: der »Präsentismus«. Viele Beschäftigte gehen krank zur Arbeit, aus Angst um den Job oder aus Pflichtgefühl gegenüber dem Team.

  • 83,7 % Anstieg

    Die Arbeitsausfalltage aufgrund psychischer Erkrankungen sind zwischen 2003 und 2014 um 83,7 Prozent gestiegen, was die wachsende Relevanz des Themas unterstreicht.

  • 7 von 10 gehen krank zur Arbeit

    Rund 71 Prozent der Arbeitnehmer*innen in Deutschland gehen mindestens einmal im Jahr krank zur Arbeit. Dieses Phänomen des »Präsentismus« verschleiert das wahre Ausmaß gesundheitlicher Probleme.

  • 7-fache Zunahme bei Burn-out

    Allein die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund der Diagnosegruppe »Burn-out« (Z73) haben sich zwischen 2005 und 2014 versiebenfacht, obwohl es keine eigenständige medizinische Diagnose ist.

  • 12,5 Wochen Wartezeit

    Die durchschnittliche Wartezeit auf ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten liegt bei etwa 12,5 Wochen. Diese Lücke nach einem Klinikaufenthalt kann für Betroffene kritisch sein.

Doch warum wird die Arbeit immer mehr zur psychischen Belastung? Die Studie verweist auf die veränderten Anforderungen in der modernen Arbeitswelt:

  • Subjektivierung: Arbeitnehmer*innen sollen sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einbringen, was die Grenzen zwischen Ich und Job verschwimmen lässt.

  • Indirekte Steuerung: Ziele werden vorgegeben, aber der Weg dorthin bleibt der Selbstorganisation überlassen. Das erzeugt permanenten Druck und das Gefühl, nie zu genügen.

  • Individualisierung von Verantwortung: Erfolg und Scheitern werden als persönliche Leistung oder persönliches Versagen gedeutet. Die Ursachen für Überlastung suchen Betroffene bei sich selbst, nicht im System.

»Der Arbeit kommt daher im Leben und damit auch in der Gesundheitsbiographie der Menschen eine zentrale Prägekraft zu. Um das Selbstbild als Leistungsträger nicht zu gefährden, fällt es dann schwer, sich mit Krankheiten offen auseinanderzusetzen.«
Die Autor*innen der Studie »Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt«

Diese Gemengelage schafft den Nährboden für psychische Krisen. Doch was passiert, wenn Betroffene Hilfe suchen? Sie begeben sich auf eine Reise, die oft an den entscheidenden Übergängen ins Stocken gerät.

Zwischen Couch, Klinik und Büro: Eine Reise mit vielen ungeplanten Stopps

Der Weg von der Krankschreibung zurück in den Job ist kein gerader Pfad. Die Studie identifiziert zentrale Bruchstellen zwischen den drei „Welten“ Therapie, Klinik und Arbeitsplatz.

1. Die Psychotherapie: Der Job als blinder Fleck

Man sollte meinen, wenn die Arbeit krank macht, steht sie auch im Zentrum der Therapie. Doch die Forschungsgruppe zeigt das Gegenteil: Die Arbeitswelt der Patient*innen wird in der Psychotherapie oft systematisch ausgeblendet. Therapeut*innen sind oft nicht über die konkreten Arbeitsbedingungen informiert und lenken den Fokus stattdessen auf familiäre Konflikte und die Persönlichkeitsstruktur. Probleme im Job erscheinen dann nur noch als Bühne für tieferliegende, private Konflikte.

Diese »Personalisierung und Familialisierung« des Leidens hat gravierende Folgen: Die realen Belastungen im Job werden unsichtbar gemacht und die Betroffenen lernen nicht, wie sie sich in ihrem konkreten Arbeitsumfeld besser schützen können.

2. Die Klinik: Die betriebliche Realität bleibt außen vor

Auch in den psychosomatischen Kliniken fehlt oft die Brücke zur Arbeitswelt. Die Therapie konzentriert sich auf den geschützten Raum der Klinik, während die spätere Wiedereingliederung in den Betrieb kaum eine Rolle spielt. Es gibt kaum Austausch zwischen Klinikärzt*innen und betrieblichen Akteuren wie dem BEM-Team oder Vorgesetzten.

Die Studie zeigt, wie absurd die Situation oft ist: Ärzt*innen geben Empfehlungen für den Wiedereinstieg, die an der betrieblichen Realität komplett vorbeigehen – etwa, wenn sie »stressfreie Arbeit« für eine Managerin fordern. Das führt dazu, dass Patient*innen nach dem Klinikaufenthalt oft wieder völlig allein dastehen.

3. Das BEM:  Kurzsichtige Lösung anstelle von Systemanpassungen

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) soll eigentlich die Brücke zurück in den Job bauen. In der Praxis beschränkt sich das BEM häufig auf eine einzige Maßnahme: die stufenweise Wiedereingliederung über eine temporäre Reduzierung der Arbeitszeit.

Andere wichtige Aspekte wie die Veränderung von Arbeitsaufgaben, die Lösung von Teamkonflikten oder die Auseinandersetzung mit belastenden Führungsstilen werden kaum angegangen. Das BEM bleibt ein individualisiertes Instrument, das am System selbst nichts ändert. Es hilft dem Einzelnen kurzfristig, wieder ins System zu passen, anstatt das System so zu gestalten, dass Menschen darin gesund bleiben können.

Was nun? Brücken bauen für eine gesunde Arbeitswelt!

Die ernüchternde Analyse der Studie ist zugleich ein klarer Handlungsauftrag. Es reicht nicht, die Verantwortung für eine Änderung der Umstände den Betroffenen zuzuschieben. Was es stattdessen braucht, ist eine grundlegende Neuausrichtung der Schnittstellen.

Die Autor*innen fordern eine viel engere und institutionalisierte Vernetzung aller Akteure

  1. Therapie muss Arbeit mitdenken: Die konkrete Arbeitssituation der Patient*innen muss ein selbstverständlicher Teil der therapeutischen Arbeit werden.

  2. Kliniken müssen die betriebliche Realität mitdenken: Es braucht einen regelmäßigen Austausch zwischen Kliniken und Betrieben, damit die Realität der Arbeitswelt in der Therapie ankommt.

  3. Das BEM muss systemisch werden: Das Betriebliche Eingliederungsmanagement darf sich nicht auf den Einzelfall beschränken, sondern muss Erkenntnisse über belastende Strukturen in die Organisation zurückspiegeln und sollte als Anstoß für eine generelle Gefährdungsbeurteilung dienen.

Letztlich geht es darum, bestehende Vorstellungen zu hinterfragen. Die Arbeitswelt besteht nicht nur aus Menschen, die stets voll leistungsfähig sind und nicht krank werden. Die Vielfalt anzuerkennen erfordert Empathie, Flexibilität und vor allem den Mut, die tiefen Gräben im System endlich zu überbrücken.

FAQ

Über die Methodik

Die Untersuchung ist als qualitative Längsschnittstudie angelegt und verfolgt einen multiperspektivischen Ansatz. Im Zentrum standen 23 Patient*innen einer psychosomatischen Klinik, die über einen längeren Zeitraum begleitet wurden. Mit ihnen wurden zu drei zentralen Zeitpunkten Interviews geführt: vor bzw. zu Beginn des Klinikaufenthalts, kurz vor der Entlassung und etwa vier Monate danach. Dies ermöglichte es, den gesamten Prozess von der Krise über die Therapie bis zum Versuch der Wiedereingliederung nachzuzeichnen. Ergänzt wurden diese Fallstudien durch Expert*innengespräche mit den behandelnden Ärzt*innen und Therapeut*innen sowie mit Akteuren aus dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) verschiedener Unternehmen. Dieser interdisziplinäre Ansatz aus arbeitssoziologischer, psychoanalytischer und medizinischer Perspektive erlaubte es, die systematischen Bruchstellen zwischen den Welten von Arbeit, Klinik und Therapie detailliert zu analysieren.

Über die Autor*innen der Studie

  • Dipl.-Soz. Nora Alsdorf

    ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sigmund-Freud-Institut. Sie arbeitet als Supervisorin und Coach.

  • Dr. med., Dipl.-Päd. Ute Engelbach

    ist Oberärztin im Bereich Psychosomatik der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Frankfurt.

  • Dr. phil. Sabine Flick

    ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe Universität Frankfurt sowie Wissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung.

  • Dipl.-Psych., Dr. phil., Dr. rer. pol. habil. Rolf Haubl

    war Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt sowie Direktor des Sigmund-Freud-Instituts.

  • PD Dr. disc. pol. Stephan Voswinkel

    ist Soziologe am Institut für Sozialforschung und Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main.