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Es ist Zeit für die Vier-Tage-Woche

zuletzt aktualisiert: 6. February 2026

Die Fünf-Tage-Woche fühlt sich für viele an wie ein Naturgesetz. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Unsere heutigen Arbeitszeitstandards sind das Ergebnis harter gesellschaftlicher Kämpfe. Was heute als normal gilt, war einst eine umkämpfte Utopie. Angesichts von Digitalisierung, Produktivitätssteigerungen und dem Wunsch nach mehr Zeitwohlstand stellt sich die Frage: Stehen wir erneut an der Schwelle zu einer Neuverteilung von Arbeit und Zeit?

In ihrem Kommentar »Arbeitszeit im Wandel: Zeit für die Vier-Tage-Woche« für die Hans-Böckler-Stiftung argumentieren die Autorinnen Yvonne Lott und Melanie Frerichs, dass die Vier-Tage-Woche der nächste logische Schritt ist. Sie zeigen auf, warum kürzere Arbeitszeiten nicht nur aus gesundheitlichen und gesellschaftlichen Gründen sinnvoll sind, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit im digitalen Wandel darstellen.

Nahaufnahme eines Kalenders. Für Montag bis Donnerstag ist "Arbeit" eingetragen, bei Freitag steht "frei".
Unser Leben, getaktet in Wochen und Terminen. Doch die Art, wie wir unsere Zeit einteilen, ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Debatten.IMAGO / IlluPics

Das Wichtigste in Kürze

  • 8 Stunden als Limit: Arbeitsmedizinische Studien zeigen: Acht Stunden Arbeit pro Tag markieren eine maximale Belastungsgrenze. Längere Arbeitszeiten sind mit gesundheitlichen Risiken und eingeschränkter Leistungsfähigkeit verbunden.

  • 1889: Beginn des Kampfes: Der Kampf für kürzere Arbeitszeiten hat eine lange Geschichte. Seit 1889 wurde jährlich am 1. Mai für die Einführung des Acht-Stunden-Tages demonstriert, der 1919 in Deutschland eingeführt wurde.

  • 1956: »Samstags gehört Vati mir«: Die Fünf-Tage-Woche ist eine historische Errungenschaft. Mit dieser erfolgreichen Kampagne setzten die Gewerkschaften ab 1956 schrittweise die 40-Stunden-Woche durch.

  • 1995: Die 35-Stunden-Woche: Weitere Arbeitszeitverkürzungen sind möglich. In den Bereichen der IG Metall wurde 1995 die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich Realität – ein Meilenstein gewerkschaftlicher Kämpfe.

  • 32 Stunden als Ziel: Die Autorinnen sehen die Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden als nächsten logischen Schritt. Produktivitätsfortschritte durch Digitalisierung sollen für mehr Zeitwohlstand und Geschlechtergerechtigkeit genutzt werden.

Die Vier-Tage-Woche: Für Kritiker*innen scheint eine Abkehr vom jetzigen Arbeitszeitstandard von fünf Tagen undenkbar, der Status quo fast schon naturgegeben. Dabei wird jedoch oft vergessen, dass Arbeitszeit und Arbeitszeitstandards in der Geschichte stets im Wandel begriffen waren. Die Fünf-Tage-Woche ist eine Errungenschaft gewerkschaftlicher Kämpfe um mehr Zeitwohlstand für die Beschäftigten.

Diese historische Perspektive zeigt: Auch die heutigen Produktivitätsfortschritte durch digitale Technologien können und müssen für mehr Zeitwohlstand im Sinne einer Vier-Tage-Woche mit 32 Arbeitsstunden genutzt werden.

Gesellschaftliche Argumente

Die Arbeitszeitpolitik steht vor einer Reihe von Herausforderungen, die mit dem Wandel in der Arbeitswelt und in den Lebenswelten der Beschäftigten zusammenhängen. Arbeitszeitpolitik ist mehr denn je Gesellschaftspolitik.

  • Zeit für Demokratie

    Menschen brauchen Zeit für politisches Engagement und die Auseinandersetzung mit politischen Inhalten. Insbesondere in Zeiten eines (drohenden) Rechtsrucks brauchen Beschäftigte neben wirtschaftlichem auch zeitlichen Wohlstand.

  • Männer wollen weniger

    Arbeitnehmer*innen müssen ihre Arbeitszeiten an ihre Bedürfnisse und Lebensumstände anpassen können. Gerade Männer wünschen sich oft kürzere Arbeitszeiten.

  • Frauen wollen mehr

    Insbesondere nach der Familienphase sind Frauen oft ungewollt unterbeschäftigt, sie wollen länger arbeiten.

  • Viele Ernährer

    Wegen des Anstiegs an Zweiverdienerhaushalten nimmt die Nachfrage nach flexiblen Arbeitszeitmodellen und kürzeren Arbeitszeiten zu.

  • Zeit für Bildung

    Der technologische Fortschritt und die Digitalisierung verändern die Arbeitswelt: kontinuierliches Lernen, Umschulungen und Weiterbildungen sind noch wichtiger geworden.

  • Homeoffice, hybride und mobile Arbeit

    Überstunden und Überlastung müssen vermieden, der Arbeitsschutz gewährleistet und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gefördert werden.

Gesundheitliche Argumente

Arbeitsmedizinische Studien zeigen eindeutig: Acht Stunden am Tagen markieren eine maximale Belastungsgrenze. Lange Arbeitszeiten sind mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, sicherheitsbezogenen Risiken und einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit verbunden.

In einigen Jobs und für manche Beschäftigte kann jedoch bereits ein Acht-Stunden-Tag zu lang sein: Eine starke Arbeitsbelastung kann eine kürzere Arbeitszeit erfordern, auch, um sich von der Erwerbsarbeit ausreichend zu erholen. Beschäftigte, insbesondere Frauen, die neben der Erwerbsarbeit unbezahlte Arbeit im häuslichen Bereich verrichten oder anderen Verpflichtungen nachgehen und damit zusätzlich belastet sind, bedürfen zur Gesunderhaltung ebenfalls kürzerer Arbeitszeiten. Dies gilt auch für Beschäftigte mit physischen oder psychischen Einschränkungen.

Arbeitszeit im Wandel

Die historische Perspektive zeigt, dass der heutige Arbeitszeitstandard von acht Stunden an fünf Werktagen nicht naturgegeben, sondern das Ergebnis von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen ist. Arbeitszeitstandards waren stets veränderbar – und sind es auch nach wie vor.

Die ökonomische Verwertung von Zeit ist ein noch recht junges Konzept in der Menschheitsgeschichte. Sie begann in der Industrialisierung mit nahezu unregulierten Arbeitszeiten. Dank gewerkschaftlichem Druck wurden Arbeitszeitstandards erstritten, zunächst die 40-Stunden- bzw. Fünf-Tage-Woche und später in einigen Brachen die 35-Stunden-Woche.

Überlange Arbeitszeit. Mit der Industrialisierung lösten sich die Menschen vom Rhythmus der Natur. Auslöser war die Trennung der Erwerbsarbeits- und Lebensbereiche durch die Errichtung von Fabriken. Dort wurde unabhängig von Naturabläufen eine standardisierte Zeit eingeführt, die durch die Uhr und den Kalender bestimmt wurde. Erst das Messen der Zeit brachte den Beschäftigten die Trennung zwischen der Zeit für ihren Arbeitgeber und ihrer eigenen Zeit hervor. Das Verhältnis von Zeit, Lohn und Leistung erhielt in der Industrialisierung einen disziplinierenden Charakter. Das Monopol über die Bestimmung der Zeit lag damals beim Staat. Überlange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden und körperlich anstrengende Tätigkeiten prägten die Fabrikarbeit.

40 Stunden an fünf Werktagen. Dem Acht-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich ging ein langer Kampf der Arbeiterbewegung voraus. Seit 1889 wurde jährlich am 1. Mai für die Einführung des Acht-Stunden-Tages demonstriert. Zunächst von einzelnen Industrieunternehmen umgesetzt, wurde er 1919 in Deutschland eingeführt. Mit der Arbeitszeitordnung von 1938, die heute noch gilt, wurden der Acht-Stunden-Tag und eine Grenze von 48 Arbeitsstunden in der Woche eingeführt.

In der Nachkriegszeit wurde der Kampf der Gewerkschaften für eine weitere Arbeitszeitverkürzung vor allem mit der Forderung nach einer 40-Stunden- bzw. Fünf-Tage-Woche fortgesetzt. Die 40-Stunden-Woche wurde bereits zum 1. Mai 1952 gefordert und ab 1955/1956 erfolgreich mit der Kampagne „Samstags gehört Vati mir“ beworben, die bundesweit und gesamtgesellschaftlich Aufmerksamkeit schaffte.

IG Metall und Arbeitgeberverband Gesamtmetall einigten sich schon im Oktober 1956 darauf, die Wochenarbeitszeit auf 45 Stunden herabzusetzen. Bis 1967 schließlich wurde die Arbeitszeit in der Metallindustrie stufenweise auf 40 Stunden in der Woche reduziert – in anderen Branchen hingegen dauerte die auf Tarifverträgen beruhende Einführung der Fünf-Tage-Woche deutlich länger.

35-Stunden-Woche. Im Jahr 1977 wurden Forderungen nach einer 35-Stunden-Woche zuerst von der IG Metall erhoben. Eine Kampagne der IG Metall von 1983 bis 1984 und ein intensiver Arbeitskampf mit einem fast sieben Wochen langen Streik führten 1984 schließlich zu einer Verkürzung der Arbeitswoche auf 38 Stunden in der Eisen- und Stahlindustrie und auf 38,5 Wochenstunden im Organisationsbereich der IG Druck und Papier. 1995 wurde die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich in den Bereichen der IG Metall eingeführt.

»Ein kürzerer Arbeitszeitstandard fördert Geschlechtergleichheit am Arbeitsmarkt.«
Yvonne Lott und Melanie Frerichs

Produktivitätsfortschritte für Zeitwohlstand statt Arbeitslosigkeit

Die Gewerkschaften in Deutschland haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass die Produktivitätsfortschritte der Nachkriegszeit und der Folgejahre in wirtschaftlichen Wohlstand und Zeitwohlstand für die Beschäftigten übersetzt wurden.

Diese Produktivitätsfortschritte wurden durch den verstärkten Einsatz von Technik und Technologien seit der Nachkriegszeit erzielt. Die automatisierte Fertigung, neue digitale Technologien und eine angepasste Arbeitsgestaltung erhöhten die Produktivität pro Arbeitsstunde. In der industriellen Fertigung beispielweise steigerten seit den 1970er Jahren vor allem Technologien wie Roboter die Produktivität. Roboter ersetzten aber auch zunehmend die Arbeitskraft von Menschen, was zu einer starken Leistungsverdichtung und massivem Stellenabbau führte.

Aufgrund der drohenden Massenarbeitslosigkeit, aber auch wegen der gewonnenen zeitlichen Spielräume durch den technologischen Fortschritt, setzten sich die Gewerkschaften für eine gerechtere Verteilung der Arbeit ein und verhandelten erfolgreich eine schrittweise Arbeitszeitverkürzung – ohne dabei die Produktivität zu senken.

Der nächste Schritt: Vier-Tage-Woche mit 32 Arbeitsstunden

Die historische Perspektive zeigt: Arbeitszeitstandards sind verhandelbar und veränderbar. Aktuelle technologische Innovationen haben das Potential für eine weitere Arbeitszeitverkürzung und damit für mehr Zeitwohlstand. Ein kürzerer Arbeitszeitstandard fördert Geschlechtergleichheit am Arbeitsmarkt. Die kürzeren Arbeitszeiten von Männern geben unterbeschäftigten Frauen den notwendigen Spielraum, ihre Arbeitszeiten zu verlängern.

Der nächste folgerichtige Schritt ist daher die Vier-Tage-Woche mit 32 Arbeitsstunden. Die Forderung der IG Metall-Tarifkommission nach einer Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit in der Stahlindustrie auf 32 Stunden kommt also genau zur richtigen Zeit. Und die Geschichte zeigt, dass wir uns dabei vollen Lohnausgleich leisten können.

Über die Autor*innen des Kommentars

  • Dr. Yvonne Lott

    leitet 2023 das Referat Geschlechterforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung.

  • Dr. Melanie Frerichs

    leitet 2023 das Referat Transformationsprozesse & Zusammenhalt in der Grundsatzabteilung beim DGB-Bundesvorstand.