Kollegialität statt Spaltung: Wenn der Betrieb zum Stresstest wird
zuletzt aktualisiert: 19. January 2026
Die Debatte um die Integration von geflüchteten Menschen wird oft hitzig und abstrakt geführt. Doch der wahre Stresstest für den gesellschaftlichen Zusammenhalt findet täglich statt: in den Betrieben. Die Studie »Geflüchtete im Betrieb« von Werner Schmidt (erschienen 2020) analysiert, wie in der Arbeitswelt zwischen Kollegialität und Ressentiment navigiert wird. Die zentrale Erkenntnis: Ein lange bewährtes Modell, der sogenannte »betriebliche Universalismus«, der einst die Integration von »Gastarbeiter*innen« ermöglichte, gerät heute von zwei Seiten unter Druck – durch erstarkende rechte Diskurse und die Erosion stabiler Arbeitsverhältnisse.
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Die Arbeitswelt galt lange als der zentrale Ort gelingender Integration. Hier zählten Leistung und Zusammenarbeit mehr als Herkunft oder Pass. Menschen, die als Kolleg*innen gemeinsam anpackten, entwickelten über die Zeit ein Gefühl der Zugehörigkeit. Dieses Modell, das die Integration früherer Arbeitsmigrant*innen maßgeblich prägte, steht heute auf dem Prüfstand, wie die Studie von Werner Schmidt zeigt.
Das Erfolgsmodell: Gleiche Regeln für alle
In der Vergangenheit funktionierte die Integration in vielen Betrieben, insbesondere in der Industrie, nach einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip, das die Studie als »betrieblichen Universalismus« bezeichnet. Die Idee dahinter: Im Betrieb gelten für alle Beschäftigten die gleichen, universellen Regeln – unabhängig von Herkunft, Kultur oder politischer Überzeugung. Persönliche oder politische Differenzen wurden quasi an der Werkstür abgegeben und als »Privatsache« behandelt.
»Betrieblichen Universalismus (...) nennen wir eine Konstellation, bei der erstens für alle Beschäftigten dieselben Regeln Anwendung finden und zweitens weitgehend Konsens darüber besteht, dass trennende politische und kulturelle Unterschiede aus dem Betrieb verbannt bleiben und ›Privatsache‹ sind.«
Dieser »historische Kompromiss« wurde getragen von starken institutionellen Rahmenbedingungen wie Tarifverträgen und aktiven Betriebsräten. Er schuf einen relativ autonomen sozialen Raum, der eine pragmatische Zusammenarbeit ermöglichte und gleichzeitig eine Schutzfunktion hatte: Er verhinderte, dass externe gesellschaftliche Konflikte die betriebliche Zusammenarbeit störten.
Doppelter Druck: Wenn Politik und Markt den Betriebsfrieden stören
Heute ist dieses stabile Gefüge jedoch massiv unter Druck geraten. Die Studie identifiziert zwei problematische Entwicklungen, die das Modell des betrieblichen Universalismus herausfordern:
Das Eindringen rechter Diskurse: Rechtspopulistische und integrationsfeindliche Narrative machen nicht vor dem Werkstor halt. Sie sickern in die Betriebe ein und säen dort »den Keim der Zwietracht«. Die gesellschaftliche Polarisierung führt dazu, dass Herkunft wieder zu einem Thema wird und Ressentiments offen geäußert werden. Die Folge ist eine widersprüchliche Situation für geflüchtete Personen, die einerseits Unterstützung erfahren, andererseits aber auch auf Ablehnung und offenen Rassismus stoßen.
Die Erosion stabiler Arbeitsbeziehungen: Gleichzeitig ist die Basis des Universalismus – die Geltung gleicher Regeln für alle – geschwächt. Der private Dienstleistungssektor und das Handwerk sind gewachsen – hier fehlen oft Tarifverträge und Betriebsräte. Aber auch in großen Industriebetrieben haben atypische Beschäftigungsformen wie Zeit- und Leiharbeit zugenommen. Die Folge: Die institutionellen Rahmenbedingungen, die Integration fördern, sind »erheblich eingeschränkt«.
Diese doppelte Belastung stellt die Arbeitswelt vor eine Zerreißprobe. Es geht nicht mehr nur um die Bereitschaft der Menschen mit Fluchthintergrund, sich zu integrieren, sondern um eine viel grundsätzlichere Frage.
»Primär wird nicht die Integrationsbereitschaft der Flüchtlinge über Erfolg oder Misserfolg der Integration entscheiden, sondern die Aufnahmebereitschaft der deutschen Gesellschaft.«
Große Mehrheit sieht kulturelle Bereicherung
71,5 % der Menschen ohne Migrationshintergrund erwarten laut Integrationsbarometer, dass Geflüchtete Deutschland langfristig kulturell bereichern werden.
Doppelter Druck auf den Betriebsfrieden
Rechtspopulistische Diskurse und die Erosion stabiler Arbeitsverhältnisse schwächen das bewährte Modell der betrieblichen Integration von zwei Seiten gleichzeitig.
Integration heute: Andere Vorzeichen
Im Vergleich zu den »Gastarbeiter*innen« treffen Geflüchtete heute auf mehr Integrationsangebote, aber auch auf einen Arbeitsmarkt mit höheren Anforderungen an Qualifikation und Sprache.
Hohe Motivation trifft auf neue Hürden
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen zeigen die in der Studie befragten Geflüchteten eine enorme Leistungs- und Qualifizierungsbereitschaft. Viele von ihnen sind besser qualifiziert als die klassischen »Gastarbeiter« der Nachkriegszeit. Sie bringen oft nicht nur eine hohe Motivation, sondern auch eine überdurchschnittliche schulische Bildung oder sogar ein begonnenes Studium mit.
Ihre größten Herausforderungen sind nicht mangelnder Wille, sondern Hürden beim Spracherwerb und die Bewältigung der Anforderungen in der Berufsschule. Viele nehmen enorme Anstrengungen auf sich, um eine Ausbildung zu meistern und sich eine Perspektive in Deutschland aufzubauen. Die Angst vor Abschiebung und ein unsicherer Aufenthaltsstatus wirken dabei sowohl als Motivationsfaktor als auch als erhebliche psychische Belastung.
Die Arbeitswelt hat sich im Vergleich zur Zeit der »Gastarbeiter« ebenfalls verändert. Der Bedarf an »Einfacharbeit«, für die kaum Sprachkenntnisse nötig waren, hat abgenommen. Heute sind die Anforderungen an Qualifikation und Kommunikation deutlich höher.
Der Betrieb als Mikrokosmos der Gesellschaft
Die Studie macht deutlich: Betriebe sind keine »Inseln«. Sie sind Spiegel gesellschaftlicher Konflikte, aber zugleich auch ein Raum, in dem Integration aktiv gestaltet werden kann. Ob ethnische Spaltung oder herkunftsübergreifende Solidarität die Zukunft der Arbeitswelt prägen wird, ist laut Autor Werner Schmidt eine der wichtigsten politischen Konfliktlinien der nächsten Jahre.
Die Befunde der Studie geben durchaus Anlass zu Optimismus. Wo institutionalisierte Arbeitsbeziehungen intakt sind und eine Kultur der pragmatischen Zusammenarbeit gepflegt wird, gelingt Integration auch heute. Es zeigt sich aber auch, dass dieser Prozess nicht mehr selbstverständlich ist. Er erfordert ein bewusstes Handeln aller Akteurinnen – von Management und Betriebsräten über Gewerkschaften bis hin zu jedem/jeder einzelnen Kolleg*in. Der Schutz und die Stärkung universeller Regeln und gemeinsamer Interessenvertretung sind daher nicht nur eine Frage der Arbeitsbedingungen, sondern eine zentrale Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
FAQ
Über die Methodik
Die Untersuchung »Geflüchtete im Betrieb« ist eine qualitative sozialwissenschaftliche Studie. Die Erkenntnisse basieren auf empirischen Erhebungen in insgesamt 15 Betrieben verschiedener Branchen (u. a. Chemie, Metall, ÖPNV, Bau, Zeitarbeit). Zwischen Herbst 2016 und Ende 2018 wurden Expertengespräche mit Vertreter*innen von Management, Betriebs- und Personalräten geführt. Ergänzend fanden Einzelinterviews und Gruppendiskussionen mit geflüchteten Menschen sowie mit anderen Beschäftigten mit und ohne Migrationshintergrund statt. Zusätzlich wurden überbetriebliche Expert*innen aus Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Kammern befragt, um ein umfassenderes Bild zu erhalten.