Hochschulen unter Druck – Warum eine demokratische und gerechte Gesellschaft resiliente Hochschulen braucht | LABOR.A® 2025
zuletzt aktualisiert: 9. February 2026
Worum geht es?
Hochschulen sind mehr als nur Ausbildungsstätten und Forschungsbetriebe. Sie sind Orte öffentlicher Wahrheitssuche, kontroverser Debatten und gesellschaftlicher Selbstverständigung.
Moderiert von Michael Gerloff diskutieren Geraldine Rauch und Andreas Keller auf der LABOR.A® 2025, warum Angriffe auf Demokratie fast immer mit Angriffen auf Wissenschaft einhergehen – und weshalb gute Arbeitsbedingungen an Hochschulen keine Nebenfrage, sondern eine Voraussetzung demokratischer Resilienz sind. Geraldine Rauch ist die Präsidentin der Technischen Universität Berlin. Andreas Keller leitet den Vorstandsbereich Hochschule und Forschung in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Wahrheitssuche unter Druck
Geraldine Rauch positioniert sich klar: Als Gegengewicht zu einer stark polarisierten Öffentlichkeit braucht es wissenschaftliche Institutionen, die ihren Job machen.
»In Zeiten von Fake News und Hate Speech ist es ganz wichtig, dass wir zumindest den Versuch der Wahrheitssuche und einer objektiven Stimme unternehmen.«
Sie macht deutlich: Angriffe auf die Demokratie gehen systematisch mit Angriffen auf Hochschulen, Wissenschaft und Forschung einher. Besonders betroffen sind Felder wie Gender-, Klima- oder postkoloniale Studien. Der Druck kommt dabei nicht nur vom extrem rechten Rand, sondern zunehmend auch aus Teilen des demokratischen Spektrums – etwa durch politisch orchestrierte Kampagnen gegen einzelne Forschende oder durch ökonomische Steuerungslogiken.
Ein zentrales Argument: Wissenschaftliche Durchbrüche lassen sich nicht planen. Das Beispiel der mRNA-Impfstoffe zeigt, dass jahrzehntelange Grundlagenforschung notwendig war, bevor ein konkreter Nutzen sichtbar wurde. Output-Logiken und Effizienzvorgaben greifen hier zu kurz und gefährden langfristig wissenschaftliche Freiheit.
Mittelbare Angriffe und strukturelle Abhängigkeiten
Andreas Keller weitet den Blick. Neben offenen Repressionen – etwa in der Türkei, Ungarn oder den USA – sind es vor allem mittelbare Eingriffe, die Wissenschaftsfreiheit untergraben. Drittmittelabhängigkeit, politische Einflussnahme und scheinbar technische Förderentscheidungen erzeugen Anpassungsdruck. Besonders deutlich wird das an der sogenannten Fördergeldaffäre 2024.
»Schon der Anschein, dass Förderung von der politischen Willfährigkeit abhängen könnte, hat der Wissenschaftsfreiheit großen Schaden zugefügt.«
Für Andreas Keller ist klar: Drittmittel dürfen nur ergänzen, nicht ersetzen. Eine auskömmliche Grundfinanzierung ist Voraussetzung dafür, dass Hochschulen unabhängig forschen und lehren können. Hinzu kommen politische Eingriffe wie die Verpflichtung zur Kooperation mit der Bundeswehr in einzelnen Bundesländern, die er als klaren Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit bewertet.
Gute Arbeit als Grundlage demokratischer Resilienz
»Zeitverträge hemmen Innovation. Duckmäusertum wird gefördert.«
Auch die Arbeitsbedingungen an Hochschulen kommen zur Sprache. Wer ständig um die nächste Vertragsverlängerung bangen muss, so Andreas Keller, geht tendenziell weniger Risiken ein – fachlich wie politisch.
»Gute Arbeit« wird hier nicht als Sozialthema verhandelt, sondern als demokratiepolitische Frage. Feste Stellen für Daueraufgaben, verlässliche Karrierewege und echte Mitbestimmung stärken die Unabhängigkeit von Wissenschaft und reduzieren Machtkonzentration. Andreas Keller verweist in diesem Zusammenhang auf Department-Modelle und kollegiale Entscheidungsstrukturen als Ansatzpunkte für einen notwendigen Kulturwandel.
Der Publikumsbeitrag einer Personalratsvorsitzenden schildert einen konkreten Konflikt aus der Praxis: Durch Ausschreibungsverzichte und sogenannte Ad-personam-Verfahren werden Personalentscheidungen an den Gremien vorbei getroffen. Die Mitbestimmung des Personalrats wird damit faktisch ausgehebelt.
Daraufhin thematisiert Geraldine Rauch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Befristung von Postdocs, die laut Berliner Hochschulgesetz nur noch mit Anschlusszusage möglich wäre. Diese Regelung kann laut Bundesverfassungsgericht nur vom Bund verabschiedet werden. Dieses Urteil hat Folgen für Personalentscheidungen und Mitbestimmung an Hochschulen, weil so unbefristete Wissenschaftler*innenstellen selten bleiben. Sie verweist darauf, dass Hochschulen in dieser Situation mehr Bereitschaft zu strukturellen Veränderungen und interner Auseinandersetzung brauchen.
Studierende, Gewerkschaften und Handlungsspielräume
Ein weiterer Publikumsbeitrag richtet den Blick auf Studierende. Sie sind die größte Statusgruppe an Hochschulen und zentral für die demokratische Praxis: in Gremien, Initiativen und Protestbewegungen. Sowohl Geraldine Rauch als auch Andreas Keller betonen, dass politische Artikulation möglich sein muss, ohne Nachteile im Studium befürchten zu müssen.
In der zweiten Hälfte werden auch gewerkschaftliche Strategien in Publikumsbeiträgen sichtbar. Aus der Praxis wird von Machtmissbrauch und niedrigen Organisationsgraden berichtet – aber auch von konkreten Erfolgen. In Göttingen etwa führten kollektive Aktionen und das Nutzen von Graubereichen (z. B. beim sogenannten Betreuungsstreik) zu Entfristungen.
Zum Schluss dreht sich die Diskussion um das Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Andreas Keller bezeichnet die Tarifsperre als Unikat im deutschen Arbeitsrecht und fordert eine Reform oder Abschaffung des Gesetzes. Druck entsteht nicht von selbst – er muss organisiert werden, etwa über Tarifrunden und gemeinsame Aktionen.
Was bleibt?
Die Debatte verdeutlicht, wie eng Wissenschaftsfreiheit, Arbeitsbedingungen und Demokratie miteinander verbunden sind. Sie macht sichtbar, dass Angriffe auf Hochschulen selten isoliert auftreten, sondern Teil breiterer politischer Verschiebungen sind. Und sie zeigt Handlungsspielräume: in Hochschulen selbst, in der Mitbestimmung, durch Studierende und durch gewerkschaftliche Organisierung.
Resiliente Hochschulen brauchen nicht nur gute Argumente – sie brauchen stabile Strukturen, sichere Arbeit und den Mut, Konflikte auszutragen.
Über dieses Video
Die Session »Hochschulen unter Druck – Warum eine demokratische und gerechte Gesellschaft resiliente Hochschulen braucht« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.
Speaker*innen:
Geraldine Rauch, Technische Universität Berlin
Andreas Keller, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Moderation:
Michael Gerloff, Technische Universität Berlin
Dana Dülcke, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.
