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Gute Arbeit, stabile Demokratie: Mehr als nur ein Job

zuletzt aktualisiert: 19. January 2026

In einer Zeit, in der die Demokratie unter Druck zu stehen scheint, suchen wir oft in der großen Politik nach Ursachen und Lösungen. Doch was, wenn die Stabilität unserer Gesellschaft viel stärker mit unserem Alltag verwoben ist, als gedacht? Das Working Paper mit dem Titel »Wie Arbeit, Transformation und soziale Lebenslagen mit anti-demokratischen Einstellungen zusammenhängen« von Andreas Hövermann, Bettina Kohlrausch und Dorothea Voss liefert hierzu entscheidende Erkenntnisse. Die Autor*innen zeigen: Ob Menschen demokratischen Werten verbunden bleiben, hängt maßgeblich von ihrer Arbeit, der sozialen Sicherheit und der Art und Weise ab, wie die großen Umbrüche unserer Zeit erlebt werden. Der Arbeitsplatz ist damit weit mehr als nur ein Ort zum Geldverdienen – er ist ein entscheidender Anker für die Demokratie.

Foto aus der Luft von Teilnehmenden einer Demonstration.
Das Fundament für eine wehrhafte Zivilgesellschaft wird im Alltag gelegt: Dort, wo Menschen durch faire Arbeit und soziale Teilhabe erfahren, dass die Demokratie für sie da ist.IMAGO / penofoto

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Gute Arbeit schützt: Eine feste Integration in den Arbeitsmarkt und sichere Arbeitsbedingungen wirken wie ein Schutzschild gegen anti-demokratische Einstellungen.

  • Unsicherheit als Nährboden: Geringes Einkommen, Abstiegsängste und das Gefühl, abgehängt zu sein, erhöhen die Zustimmung zu rechtspopulistischen und menschenfeindlichen Thesen.

  • Transformation als Test: Die Art und Weise, wie wir Digitalisierung und Klimawandel politisch gestalten, hat direkten Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

  • Die »Verlierer«-Erzählung: Wer sich als »politisch verursachte:r Verlierer:in« der großen Veränderungen wahrnimmt, neigt besonders stark zu demokratiefeindlichen Haltungen.

Der Arbeitsplatz: Ein Ankerplatz für die Demokratie

Die zentrale Botschaft der Studie: Arbeit integriert und stabilisiert. Menschen, die fest im Erwerbsleben stehen, neigen signifikant seltener zu anti-demokratischen Einstellungen als Nicht-Erwerbstätige. Der Anteil der Erwerbstätigen, die ein hohes Maß an solchen Einstellungen teilen, ist mit 10 Prozent nur halb so groß wie bei Nicht-Erwerbstätigen mit 20 Prozent.

Doch es geht nicht nur darum, ob man einen Job hat, sondern auch darum, wie dieser Job aussieht. Gute und sichere Arbeitsbedingungen, so die Analyse, schützen vor demokratiefeindlichen Tendenzen. Das Gefühl, bei einem Jobverlust leicht eine neue, gleichwertige Stelle zu finden, stärkt die demokratische Grundhaltung. Wer hingegen Angst vor dem beruflichen Abstieg hat, zeigt sich anfälliger für rechtspopulistische und menschenfeindliche Narrative.

»Arbeit bleibt dabei der Schlüssel, um Menschen auf dem Weg in eine veränderte Welt Perspektiven für die Gestaltung ihres eigenen Lebens zu geben.«
Andreas Hövermann, Bettina Kohlrausch und Dorothea Voss über die zentrale Rolle von Arbeit für die gesellschaftliche Integration

Mehr als nur der Kontostand: Status, Bildung und gefühlte Gerechtigkeit

Die Untersuchung macht deutlich, dass anti-demokratische Haltungen tief in sozialen Lebenslagen verwurzelt sind. Es zeigt sich ein klares Muster: Je niedriger der formale Bildungsabschluss und das Haushaltseinkommen, desto höher ist die Zustimmung zu antidemokratischen Aussagen. Während nur 5 Prozent der Befragten mit Abitur ein hohes Maß solcher Einstellungen aufweisen, sind es bei Menschen mit Hauptschulabschluss 27 Prozent.

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die subjektive Wahrnehmung. Wer sich selbst einer niedrigen sozialen Schicht zuordnet oder das Gefühl hat, gegenüber der Elterngeneration abgestiegen zu sein, äußert häufiger anti-demokratische Ansichten. Es ist also nicht nur die objektive Lage, sondern vor allem die erlebte Ungerechtigkeit und die Angst vor dem Verlust des Lebensstandards, die Menschen von der Demokratie entfremden.

  • 1/4 der Menschen

    mit Hauptschulabschluss weist ein hohes Maß anti-demokratischer Einstellungen auf, aber nur 1/20 der Abiturient*innen.

  • 20 % der Nicht-Erwerbstätigen

    haben stark ausgeprägte anti-demokratische Haltungen – doppelt so viele wie bei den Erwerbstätigen (10 %).

  • Gewerkschaftsmitglieder

    stimmen in der Gesamtbevölkerung signifikant seltener anti-demokratischen Einstellungen zu als Nicht-Mitglieder.

  • 30 % der Erwerbstätigen

    haben bisher keine Digitalisierung an ihrem Arbeitsplatz erlebt – diese Gruppe ist überdurchschnittlich anfällig für anti-demokratische Ideen.

Die große Zerreißprobe

Das Working Paper richtet einen besonderen Fokus auf die beiden größten Transformationsprozesse unserer Zeit – und wie ihre Gestaltung über den gesellschaftlichen Zusammenhalt entscheidet.

Digitalisierung: Zwischen neuer Freiheit und totaler Kontrolle

Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird höchst unterschiedlich erlebt – und diese Erfahrung prägt die politische Haltung. Die Analyse zeigt: Wer durch neue Technologien mehr Freiheiten, bessere Arbeitsergebnisse und neue Herausforderungen erlebt, neigt deutlich seltener zu anti-demokratischen Einstellungen.

Gefährlich wird es, wenn Digitalisierung als Bedrohung wahrgenommen wird: als Überforderung, stärkere Kontrolle und Überwachung. Beschäftigte, die diese Nachteile betonen, stimmen überdurchschnittlich oft rechtspopulistischen und menschenfeindlichen Aussagen zu. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Mitbestimmung. Wer mitentscheiden kann, wie neue Technologien am Arbeitsplatz eingesetzt werden, entwickelt seltener anti-demokratische Haltungen. Interessanterweise ist auch die Gruppe derer, an denen die Digitalisierung bisher komplett vorbeigegangen ist, überdurchschnittlich anfällig – ein klares Zeichen dafür, dass das Gefühl, abgehängt zu sein, eine entscheidende Rolle spielt.

Klimawandel: Eine Frage der gefühlten Gerechtigkeit

Auch beim sozial-ökologischen Wandel ist die Wahrnehmung entscheidend. Es sind nicht primär die Klimawandelleugner*innen, die zu antidemokratischen Haltungen neigen. Vielmehr sind es jene, die befürchten, dass der Wohlstand riskiert wird, wenn »jetzt alles wegen des Klimawandels auf den Prüfstand gestellt wird«.

Die Analyse stellt einen besonders brisanten Zusammenhang fest: Die größte Gefahr für die demokratische Stabilität geht von denjenigen aus, die sich als Verlierer*innen der politischen Reaktion auf den Klimawandel sehen.

»Anti-demokratische Einstellungen werden besonders häufig geteilt, wenn die Arbeit durch den Klimawandel bedroht ist und diese Bedrohung durch die politische Reaktion auf den Klimawandel erklärt wird – zugespitzt formuliert: wenn man sich als politisch verursachte:r Verlierer:in der Wandelprozesse wahrnimmt.«
Andreas Hövermann, Bettin Kohlrausch und Dorothea Voss über den Zusammenhang von Klimapolitik und Demokratiefeindlichkeit

Wer hingegen das Gefühl hat, von den Veränderungen zu profitieren, und dies ebenfalls auf politische Entscheidungen zurückführt, teilt solche Einstellungen besonders selten. Die politische Gestaltung der Transformation ist also kein Nebenschauplatz, sondern von zentraler Bedeutung für die demokratische Integration aller Bürger*innen.

Fazit

Die Studie ist ein Weckruf. Sie zeigt, dass die Verteidigung der Demokratie im Konkreten beginnt: bei sicheren Arbeitsplätzen, bei fairer Entlohnung, bei echter Mitbestimmung und bei einer sozial gerechten Gestaltung von Digitalisierung und Klimaschutz. Für eine Gesellschaft, die demokratischen Werten treu bleibt, darf niemand auf dem Weg in eine veränderte Welt zurückgelassen werden.

FAQ

Über die Methodik

Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen Telefonumfrage (CATI), die vom Meinungsforschungsinstitut IPSOS zwischen dem 4. November 2020 und dem 7. Januar 2021 durchgeführt wurde. Befragt wurden 4.116 deutschsprachige Personen ab 16 Jahren in Deutschland. Um eine detaillierte Analyse der Arbeitswelt zu ermöglichen, wurden Erwerbstätige in der Stichprobe überproportional berücksichtigt. Die Daten wurden anschließend gewichtet, um repräsentative Aussagen für die Gesamt- und die Erwerbsbevölkerung treffen zu können.

Über die Autor*innen des Working Papers

  • Dr. Andreas Hövermann

    ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt »Soziale Lebenslagen und demokratische Integration« der Hans-Böckler-Stiftung.

  • Prof. Dr. Bettina Kohlrausch

    ist Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

  • Dr. Dorothea Voss

    leitete die Abteilung Forschungsförderung in der Hans-Böckler-Stiftung und ist heute Vorstandsmitglied für Personal und Nachhaltigkeit bei Emschergenossenschaft und Lippeverband.