Grünes Licht von der AI: Inklusiver Arbeitsplatz mithilfe Künstlicher Intelligenz?
zuletzt aktualisiert: 16. March 2026
Werkstätten für Menschen mit Behinderung stehen vor einer doppelten Herausforderung: Sie haben einen sozialen Auftrag, müssen aber gleichzeitig am freien Markt bestehen – unter hohem Kosten- und Wettbewerbsdruck. Künstliche Intelligenz könnte hier helfen, Prozesse zu optimieren. Doch wie kann die Technologie in diesem sehr sensiblen Kontext eingesetzt werden? Dieser zentralen Frage stellt sich das Forschungsprojekt »EnAIble: Gestaltung eines inklusiven Arbeitsplatzes mit KI-Assistenz zur Qualitätskontrolle«. In den Wertachtal-Werkstätten in Kaufbeuren untersucht ein interdisziplinäres Team, wie eine KI-Assistenz zur Brücke für mehr Inklusion und Selbstständigkeit bei der Arbeit werden kann – wenn der Mensch im Mittelpunkt steht.

Das Wichtigste in Kürze
Die Lage: In einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung müssen Kleinteile wie Schrauben korrekt in Tüten verpackt werden. Die Qualitätskontrolle ist aufwendig und betont gleichzeitig die Hierarchie- und Kompetenzebenen in der Werkstatt.
Das Ziel: Die Beschäftigten sollen ihre Arbeit selbstständig kontrollieren können, direktes Feedback erhalten und so mehr Selbstbestimmung erleben. Es geht also nicht um Effizienzsteigerung, sondern um »Befähigung«.
Die Lösung: Ein KI-gestützter Prototyp mit Kamera und Ampelsystem prüft die Tütchen. Er gibt den Beschäftigten direktes, visuelles Feedback (grün/orange/rot).
In den Werkstätten der Lebenshilfe in Kaufbeuren herrscht reger Betrieb. Eine der zentralen Aufgaben: Schrauben und Zubehörteile in Plastiktüten verpacken. Eine Arbeit, die Konzentration erfordert und im Wettbewerb mit vollautomatisierten Industriebetrieben steht. Bislang geht jede Tüte auch durch die Hände der Gruppenleitung, also des pädagogischen Personals. Diese Endkontrolle sichert die nötige Qualität, zementiert aber auch eine ungewollte Hierarchie und Abhängigkeit: Beschäftigte führen aus, Fachkräfte kontrollieren. Außerdem bindet der Prozess Kapazitäten beim pädagogischen Personal – Zeit, die für die eigentliche Betreuung und Förderung der Menschen fehlt. Genau hier setzt das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Projekt »EnAIble« der Hochschule Kempten an. Es stellt die Frage:
Wie sieht eine KI-Assistenz aus, die Mitarbeitende befähigt, ihre Qualitätskontrolle selbst durchzuführen und die den Anforderungen im Werkstattumfeld gewachsen ist?
Um diese Frage zu beantworten, haben sich die unterschiedlichen Akteur*innen vor Ort zusammengetan. Auf der einen Seite entwickeln die Informatiker*innen und Ingenieur*innen der Hochschule Kempten den KI-Prototypen. Auf der anderen Seite bringen das pädagogische Personal, die Gruppenleitung (stellvertretend für die Beschäftigten), das Qualitätsmanagement und der Betriebsrat der Wertachtal Werkstätten ihre Expertise ein: für die Bedürfnisse der Beschäftigten und für die wirtschaftliche Notwendigkeit, Arbeitsplätze in einem hochautomatisierten Markt zu sichern.
Der Blick über die Schulter fällt weg
Das technische Setup, das in Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Datenoptimierte Fertigung (IDF) der Hochschule Kempten und den Wertachtal Werkstätten in Kaufbeuren entstand, ist auf den ersten Blick eine klassische Industrie-Lösung. Doch das Ziel ist nicht, möglichst viel zu automatisieren, sondern ein Werkzeug für mehr Unabhängigkeit zu schaffen.
Die Lösung ist ein KI-gestützter Prüfstand für die verpackten Schrauben und Zubehörteile: Die Beschäftigten legen eine fertige Tüte auf eine beleuchtete Fläche, eine Kamera scannt den Inhalt und eine Ampel gibt sofort Rückmeldung. Grün bedeutet »alles korrekt«. Rot heißt »hier stimmt etwas nicht«.

Die Beschäftigten in der Werkstatt können die Qualitätskontrolle nun also einfach selbstständig durchführen. Sie erhalten eine direkte, unmittelbare Rückmeldung zu ihrer Tätigkeit. Die KI-Assistenz macht die Qualitätsanforderung für die Beschäftigten sichtbar und handhabbar (Ampel-System). Die Beschäftigten korrigieren Fehler selbst, bevor die Tüte weitergeht. Sie liefern so ein perfektes Produkt ab. Das macht etwas mit dem Selbstwertgefühl: »Ich kann das alleine.«
Gleichzeitig wird das pädagogische Personal von seiner Kontrollaufgabe entlastet. Die gewonnene Zeit kann direkt in die pädagogische Arbeit fließen – dorthin, wo menschliche Empathie und Unterstützung unersetzlich sind.
»Es muss gewährleistet sein, dass der Mensch, der das jetzt macht, nicht zum Anhängsel der KI wird.«
Von der Idee zum Prototyp: Partizipation als Schlüssel
Der Weg zum funktionierenden Prototyp war voller technischer Herausforderungen. Ein zentrales Problem: Die durchsichtigen Plastiktüten reflektieren das Licht. Ein Blitzlicht kann aber für Menschen mit Epilepsie gefährlich sein. Das Team entwickelte daher ein spezielles Beleuchtungssystem, das Reflexionen vermeidet. Eine weitere Hürde waren überlagerte Unterlegscheiben. Die Lösung: Eine kleine Rüttelplatte schüttelt die Tüte sanft durch, sodass alle Teile für die Kamera sichtbar werden.
Bei aller Technik stellt sich aber die entscheidende Frage: Wird der Mensch hier nicht zum »Anhängsel der KI«? Diese Sorge nehmen die Projektverantwortlichen sehr ernst. Deshalb wurde von Anfang an der Betriebsrat in die Entwicklung einbezogen. Und auch der Bau des Prototyps war Teamarbeit: Die Plexiglas-Verkleidung wurde direkt in den Werkstätten gefertigt.
Rote Linien: Was die KI-Assistenz nicht darf
Das Projekt zeigt, was der Einsatz einer KI-Assistenz leisten kann, aber auch, was er nicht tun sollte. Das Projektteam hat hier klare Grenzen definiert, um Entfremdung und Druck zu verhindern:
Keine Leistungsüberwachung: Das System speichert keine personengebundenen Leistungsdaten. Es gibt kein »Tracking« der Arbeitsgeschwindigkeit.
Kein Taktgeber: Die Maschine wartet auf den Menschen, nicht umgekehrt. Der Rhythmus bleibt individuell.
Kein Ersatz: Die KI übernimmt nur den mechanischen Teil der Qualitätsprüfung. Sie ersetzt weder die soziale Komponente der Arbeit noch den Arbeitsplatz an sich.
Und als Nächstes: Der KI-Assistent, der mitlernt
EnAIble ist der Startpunkt für einen Lernprozess. Denn die wahren Herausforderungen beginnen erst im laufenden Betrieb: Bleibt das Gefühl der Selbstwirksamkeit bei den Beschäftigten? Und gelingt es den Fachkräften wirklich, die gewonnene Zeit für mehr Mentoring zu nutzen?
Die Vision der Forschenden geht indes weit über den aktuellen Prototyp hinaus. Künftig soll das pädagogische Personal in der Lage sein, dem System neue Aufgaben beizubringen – ganz ohne Programmierkenntnisse. Gleichzeitig soll der physische Aufbau noch inklusiver und barrierefreier gestaltet werden. Im nächsten Schritt werden zudem Lernkonzepte entwickelt, die sicherstellen, dass die Beschäftigten die KI nicht nur bedienen, sondern ihre Funktionsweise verstehen und den Prozess mitgestalten.
Letztendlich ist das Ziel, die gewonnenen Erkenntnisse übertragbar zu machen – für Folgeprojekte in den Wertachtal-Werkstätten, aber auch als Blaupause für andere Einrichtungen, die Technologie im Sinne eines inklusiven Arbeitsplatzes einsetzen wollen.
Fragen und Antworten zum Thema »EnAIble« und KI-Assistenz in Werkstätten für Menschen mit Behinderung
Dieser Text basiert auf:
Materialien aus dem Forschungsprojekt »EnAIble: Gestaltung eines inklusiven Arbeitsplatzes. Mit KI-Assistenz zur Qualitätskontrolle«
Gespräch mit Dr. Manuela Maschke und Arne Münkel, die das Projekt in der »Förderlinie Transformation« der Hans-Böckler-Stiftung begleiten, für arbeit-der-zukunft.de
Über die Methodik
Die Entwicklung des KI-Prüfstands erfolgte in einem partizipativen und iterativen Prozess. Forscher*innen der Hochschule Kempten arbeiteten eng mit den Verantwortlichen und Beschäftigten der Wertachtal-Werkstätten zusammen. In mehreren Schleifen wurde der Prototyp in Rücksprache mit dem Betriebsrat und den späteren Nutzer*innen entworfen, gebaut und getestet, um eine hohe Funktionalität, geringes Gefahrenpotenzial und eine hohe Akzeptanz sicherzustellen.
Das Team des Forschungsprojekts
Verantwortlich für die wissenschaftliche Begleitung und technische Entwicklung des Projekts ist ein Team des Instituts für Datenoptimierte Fertigung (IDF) der Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten. Beteiligt waren Anja Hofmann und Prof. Dr. Frank Schirmeier sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter Thomas Jung und Benedikt Müller. Gemeinsam entwickelten sie den Prototypen in enger Zusammenarbeit mit den Praxispartnern der Wertachtal-Werkstätten.