Direkt zum Inhalt

Geschlechtergerechte sozial-ökologische Transformation auf dem Arbeitsmarkt geht anders | LABOR.A® 2025

zuletzt aktualisiert: 3. March 2026

Klimapolitik wird oft als technisches Modernisierungsprojekt verhandelt. Dieses Panel macht bewusst, dass es um mehr geht: Gleichstellung, Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt und die Bewertung von Arbeit. Ausgehend vom aktuellen Gleichstellungsbericht zeigt die Diskussion, dass durch den Klimawandel notwendige Veränderungen, wie der Wechsel von fossilen Energieträgern zu erneuerbaren Energien, tief in Beschäftigungsstrukturen eingreifen. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass diese Veränderungen Ungleichheiten verschärfen können, wenn soziale und gleichstellungsrelevante Aspekte vernachlässigt werden.

Bereits zu Beginn wird klar: Wer Transformation ausschließlich über Industriepolitik und Technologie organisiert, blendet große Teile des Arbeitsmarkts aus – insbesondere dienstleistungsorientierte, stark von Frauen geprägte Bereiche.

Wenn Technik den Arbeitsmarkt neu sortiert

Zeynep Nettekoven (Europäische Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main) macht die Risiken am Beispiel der Autoindustrie sichtbar. Elektrifizierung verändert Tätigkeitsprofile – doch das sorgt nicht unbedingt für mehr Gerechtigkeit. Horizontale Segregation, MINT-Lücken und Automatisierungsdruck wirken zusammen.

Gleichzeitig steigt der Druck auf Tätigkeiten, in denen Frauen häufiger arbeiten. Transformation wirkt hier nicht neutral, sondern folgt bestehenden Macht- und Rollenmustern.

Gleichstellung in der Transformation mitdenken

Stefanie Geyer (IG Metall) beschreibt die Folgen aus gewerkschaftlicher Perspektive. Der Strukturwandel trifft Beschäftigte nicht gleichmäßig. In Umbruchphasen geraten Gleichstellungsfortschritte besonders schnell unter Druck – vor allem dort, wo Arbeitsplätze abgebaut werden.

Deutlich wird: Klassische Gleichstellungsinstrumente bleiben notwendig, reichen aber allein nicht aus. Entscheidend ist, ob Gleichstellung verbindlich in Transformationsstrategien eingebaut wird.

»Es geht darum, Geld für Investitionen an die soziale Zielerreichung zu koppeln.«
Dorothea Voss, Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ)

Dienstleistungen und Green Skills

Dorothea Voss vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) legt den Fokus auf den Dienstleistungssektor. Der Großteil der Beschäftigten arbeitet heute in Bereichen, die für soziale Infrastruktur und Nachhaltigkeit zentral sind – jedoch politisch oft nicht als Teil der Transformation verstanden werden.

Ein überraschender Befund:

»Frauen haben einen höheren Green Skill Index als Männer.«
Dorothea Voss, Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ)

Frauen arbeiten besonders häufig im Dienstleistungssektor. Obwohl viele Berufe in diesem Sektor zum Klimaschutz beitragen, sind sie nach wie vor systematisch schlechter sichtbar, bewertet und abgesichert. Transformation bedeutet hier nicht Technologiewechsel, sondern Aufwertung bestehender Arbeit.

Soziale Konditionierung statt falscher Gegensätze

Teil der Debatte ist auch die Frage der politischen Steuerung. Investitionen in Klimaschutz entfalten nur dann gesellschaftliche Wirkung, wenn sie an soziale Kriterien gebunden werden. Gleichstellung darf kein nachträglicher Reparaturbetrieb sein, sondern muss Teil der Förderlogik werden.

Zugleich spricht sich das Panel gegen einen vermeintlichen Gegensatz zwischen Industrie- und Dienstleistungsarbeit aus. Konflikte verlaufen nicht zwischen Sektoren, sondern entlang sozialer Standards und fairer Verteilung.

Arbeit sichtbar machen – auch jenseits des Marktes

In der Diskussion mit dem Publikum wird ein Akzent auf haushaltsnahe Dienstleistungen gesetzt. Millionen Beschäftigte – überwiegend Frauen – arbeiten hier illegalisiert und ohne soziale Absicherung. Vorgeschlagen werden regulierte Gutscheinmodelle, die Arbeit aus der Grauzone holen und Standards sichern.

Transformation zeigt sich hier nicht in neuen Technologien, sondern darin, Arbeit überhaupt als Arbeit anzuerkennen.

Transformation braucht einen handlungsfähigen Staat

In der Schlussrunde werden die politischen Konsequenzen formuliert. Alle Beiträge wenden sich gegen das Narrativ des pauschalen Bürokratieabbaus. Gefordert wird ein aktiver Staat, der Klimapolitik, Industriepolitik und Gleichstellung konsequent zusammendenkt.

»Was wir brauchen, ist ein aktiver Staat – nicht weniger Staat.«
Stefanie Geyer, IG Metall

Warum dieses Video sehenswert ist

Die Session zeigt, warum eine sozial-ökologische Transformation ohne Geschlechtergerechtigkeit scheitern würde. Es macht sichtbar, wo Klimapolitik neue Ungleichheiten produziert – und welche politischen Hebel nötig sind, um Arbeit, Gleichstellung und Klimaschutz zusammenzuführen.

Über dieses Video

Die Session »Geschlechtergerechte sozial-ökologische Transformation auf dem Arbeitsmarkt geht anders« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.

Speaker*innen:

Dorothea Voss, Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ)

Zeynep Nettekoven, Europäische Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt am Main

Stefanie Geyer, IG Metall

Moderation:

Ulrike Spangenberg, Bundesstiftung Gleichstellung

Anna Torgovnik, Bundesstiftung Gleichstellung

Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.