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Digitale Unabhängigkeit braucht Open-Source-Software. Und Förderprogramme.

zuletzt aktualisiert: 20. January 2026

Freie Software ist das Rückgrat der digitalen Infrastruktur. Eine Gesellschaft, die sich nicht von einzelnen Konzernen und undurchschaubaren Technologien aus anderen Ländern abhängig machen will, sollte ihre Entwicklung unterstützen. Doch dieses offene, gemeinschaftliche Modell der Technologieentwicklung ist bedroht, zeigen Forscher im Working Paper »Organizing Public Support for Open Digital Infrastructure«.

Nahaufnahme von bunten Code-Befehlen auf einem schwarzen Hintergrund.
Millionen Zeilen Code bilden das unsichtbare Fundament unserer digitalen Welt – doch wer kümmert sich um die Instandhaltung?IMAGO / Zoonar

Ohne Open Source steht die digitale Welt still. Doch das Fundament, auf dem unsere moderne Infrastruktur ruht, ist brüchig. Das Working Paper »Organizing Public Support for Open Digital Infrastructure« von René Lührsen, Maximilian Heimstädt und Thomas Gegenhuber analysiert nicht nur die Risiken, sondern zeigt vor allem, wie der Staat diese digitalen Gemeingüter nachhaltig stärken kann – ohne ihre Unabhängigkeit zu gefährden.

Offener Programmcode bildet den Großteil praktisch aller digitalen Anwendungen. Er wird von Gemeinschaften von Programmierer*innen überall auf der Welt entwickelt und gepflegt. Obwohl der wirtschaftliche Wert dieser Arbeit auf das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsprodukts geschätzt wird, muss niemand Gebühren für die Nutzung zu zahlen. Und niemand kann andere an der Nutzung des Programmcodes hindern.

  • 8,8 Billionen US-Dollar

    Auf diesen enormen Wert wird der weltweite Nutzen von Open-Source-Software geschätzt.

  • 97 Prozent

    So hoch ist der Anteil von kommerziellem Code, der Open-Source-Komponenten enthält – ohne sie steht die Wirtschaft still.

  • 600+ Start-ups

    So viele neue Unternehmen könnten allein in der EU entstehen, wenn die aktive Beteiligung an der Code-Entwicklung (Contributions) um nur 10 Prozent zunehmen würde.

Das Allmende-Dilemma im digitalen Raum

Das Modell der »Open Digital Infrastructure« (ODI) ist Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Da der Code frei verfügbar ist, bauen Start-ups wie Tech-Giganten ihre Geschäftsmodelle darauf auf, investieren aber oft nicht in die Pflege und Weiterentwicklung zurück. Das Ergebnis ist das klassische »Allmende-Problem«: Alle nutzen die Wiese, doch niemand hilft dabei, den Boden zu pflegen oder sie aktiv weiter zu bepflanzen.

Kritische Sicherheitslücken wie »Log4Shell« im Jahr 2021 haben gezeigt, wie gefährlich das ist. Ein Fehler in einem kleinen, unscheinbaren Protokoll gefährdete weltweit IT-Systeme, während die Wartung an einer Handvoll oft unbezahlter Freiwilliger hing.

»Unsere moderne Gesellschaft – von Krankenhäusern über Aktienmärkte bis hin zu Zeitungen und sozialen Medien – basiert auf Software. Aber wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass die Werkzeuge, die wir zur Erstellung von Software verwenden, unter der Nachfrage zusammenbrechen.«
Nadia Eghbal über den Zustand der digitalen Infrastruktur

Um dieses Marktversagen zu korrigieren, wurde in Deutschland die Sovereign Tech Agency (STA) ins Leben gerufen. Als Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) und finanziert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, fließt hier seit 2022 öffentliches Geld in die Wartung und Weiterentwicklung von Code.

Doch wie kann eine Behörde eine dezentrale, oft informell organisierte Open-Source-Community fördern, ohne sie zu erdrücken? In der Studie werden drei zentrale Spannungsfelder identifiziert, die ausbalanciert werden müssen:

  • Sichtbarkeit: Politik tut sich oft schwer, den Wert von Dingen zu erkennen, die nicht anfassbar sind. Während der öffentliche Charakter von Straßen oder Wasserleitungen unumstritten ist, wird Software-Code oft nicht als vergleichbares öffentliches Gut wahrgenommen. Die STA muss daher ständige Übersetzungsarbeit leisten, um Ministerien zu erklären, warum ein unsichtbares Multimedia-Framework wie GStreamer für das Funktionieren der Gesellschaft genauso kritisch ist wie eine neue Autobahnbrücke.

  • Anpassung: Staatliche Förderung ist oft starr und formalisiert, Open-Source-Arbeit basiert auf fluiden Strukturen, in denen Programmierende zusammenfinden. Die STA verpflichtet sich den Prinzipien der Open-Source-Community, probiert flexiblere Fördermodelle aus und versucht so, die verschiedenen Welten zusammenzubringen.

  • Autonomie: Die Abhängigkeit von staatlicher Förderung ist ein sensibles Thema in der Open-Source-Arbeit, die auf dezentrale Strukturen ihrer Community setzt. Die Analyse zeigt die Herausforderung der STA: finanzielle Unterstützung leisten, ohne strukturelle Abhängigkeit zu schaffen.

  • 19,5 Millionen Euro

    So hoch war das Budget der STA im Jahr 2024 – ein deutlicher Anstieg gegenüber den rund 2,6 Millionen Euro zum Start im Jahr 2022.

  • 50.000 Euro

    Das ist die Mindestsumme, die Projekte über den »Sovereign Tech Fund« beantragen können.

  • 30+ Projekte

    In so viele kritische Infrastruktur-Komponenten investiert der »Sovereign Tech Fund« bereits strategisch.

Drei Wege, wie das Geld ankommt

Die STA nutzt verschiedene Förderinstrumente, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Entwickler-Szene gerecht zu werden:

  1. The Fund: Das Hauptinstrument investiert direkt in die Wartung und Entwicklung etablierter Projekte (wie GNOME oder Log4j).

  2. Resilience: Hier werden externe Dienstleister beauftragt, Sicherheitslücken zu suchen (sogenannte Bug-Bounties, also Prämien für gefundene Fehler) oder Code-Audits (Sicherheitsüberprüfungen) durchzuführen.

  3. Fellowship: Dieses Programm bezahlt die Hauptverantwortlichen für ein Software-Projekt direkt, damit sie sich auf ihre Arbeit an kritischem Code konzentrieren können, statt dies nur in ihrer Freizeit zu tun.

Mehr als nur Geld: Anerkennung und Stabilität

Die Wirkung dieser Förderung geht weit über den reinen Geldwert hinaus. Für viele Programmierende bedeutet die Finanzierung eine wichtige Anerkennung ihrer Arbeit.

»Mein Partner sagte immer: ›Du könntest im Consulting mehr verdienen als mit Open Source.‹ Jetzt haben diese Kommentare aufgehört. […] Die Leute respektieren unbezahlte Arbeit nicht. Die Finanzierung durch die STA hat das geändert.«
Ein Entwickler über die persönliche Bedeutung der Förderung

Die Mittel erlauben es Projekten, Vollzeit-Entwickler*innen einzustellen und endlich unbeliebte, aber kritische Aufgaben wie Dokumentation oder die Umstellung auf modernere Programmiersprachen wie Rust anzugehen, die viele klassische Einfallstore für Hacker technisch unmöglich machen. Ohne diese Unterstützung stünden manche Projekte vor dem Aus: »Ohne die STA hätten wir einen Plan B gebraucht, aber ich weiß nicht, was das gewesen wäre«, so ein Projektverantwortlicher.

Letztlich geht es bei dieser Förderung nicht um einen »Digitalen Nationalismus«, sondern darum, eine echte Alternative zu den Monopolen von Big Tech und techno-autoritären Regimen zu schaffen. Eine offene, demokratische digitale Gesellschaft braucht ein stabiles Fundament, auf das wir uns alle verlassen können – und das wir gemeinsam pflegen müssen.

Podcastfolge »Digitale Souveränität der EU: Machbar oder unrealistisch?«

Fragen und Antworten zum Thema Digitale Souveränität und Open Source

Über die Autoren des Working Papers

  • René Lührsen

    ist 2025 Doktorand am Institut für Management und Organisation der Leuphana Universität Lüneburg und wird durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Organisationsforschung, insbesondere auf digitalen Phänomenen und ihrer Rolle bei der Förderung von Zusammenarbeit und kollektivem Handeln zum Wohle der Allgemeinheit.

  • Univ. Prof. Dr. Maximilian Heimstädt

    hat 2025 die Professur für Betriebswirtschaftslehre (Digital Governance und Service Design) an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr in Hamburg. Eine seiner Forschungsinteressen ist die Organisation digitaler öffentlicher Güter.

  • Prof. Dr. Thomas Gegenhuber

    ist 2025 freigestellter Professor an der Johannes Kepler Universität Linz und Stadtrat für Wirtschaft und Innovation in Linz. Seine Forschungsschwerpunkte sind digitale Transformation, offene Innovation und die Rolle von Organisationen im gesellschaftlichen Wandel.