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Die Workaholic-Falle: Wenn Arbeit krank macht, aber niemand fehlt

zuletzt aktualisiert: 19. January 2026

Sie sind oft die Ersten, die kommen, und die Letzten, die gehen. Sie können auch in der Freizeit nicht abschalten und fühlen sich getrieben, immer mehr zu leisten. Fast jede*r zehnte Erwerbstätige in Deutschland arbeitet suchthaft. Das hat gravierende Folgen für die Gesundheit – allerdings nicht unbedingt für die Fehlzeitenstatistik. Die Study »Suchthaftes Arbeiten und Gesundheit« von Beatrice van Berk, Christian Ebner und Daniela Rohrbach-Schmidt zeigt einen beunruhigenden Zusammenhang: Wer nicht von der Arbeit lassen kann, ist nachweislich kränker, ignoriert die eigenen Symptome aber häufiger.

Eine junge Frau sitzt im Halbdunkel an einem Schreibtisch und tippt konzentriert auf ihrem Laptop.
Immer und überall im Arbeitsmodus. Suchthaftes Arbeiten bedeutet, dem inneren Zwang zur Leistung nicht entkommen zu können – mit gravierenden Folgen für die Gesundheit.IMAGO / Zoonar

Das Wichtigste in Kürze: Die Workaholic-Falle

  • Weit verbreitet: Rund 10 % der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten suchthaft – also exzessiv und zwanghaft zugleich.

  • Messbar kränker: Betroffene schätzen ihre Gesundheit deutlich schlechter ein und leiden unter fast doppelt so vielen psychosomatischen Beschwerden wie andere.

  • Gefährlicher Präsentismus: Obwohl sie kränker sind, melden sie sich seltener krank und lassen ihre Beschwerden seltener ärztlich behandeln.

  • Systemisches Problem: Suchthaftes Arbeiten ist keine reine Privatsache, sondern gefährdet die langfristige Arbeitsfähigkeit und hat Folgen für Betriebe und Gesellschaft.

Die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen zusehends, Arbeitsprozesse beschleunigen sich, und der Druck steigt. In dieser modernen Arbeitswelt wird ein Phänomen immer verbreiteter, das die Wissenschaft als »suchthaftes Arbeiten« bezeichnet. Dahinter steckt mehr als nur ein hohes Engagement für die Arbeit oder lange Arbeitszeiten.

Was bedeutet suchthaftes Arbeiten wirklich?

Die Studie definiert suchthaftes Arbeiten als eine Kombination aus zwei Dimensionen: exzessivem und zwanghaftem Arbeiten.

  • Exzessiv arbeiten bedeutet, dass jemand sehr viel und lange arbeitet, oft mehr Zeit mit dem Job als mit Freund*innen oder Hobbys verbringt und das Gefühl hat, in einem ständigen Wettlauf mit der Zeit zu sein. Es ist die sichtbare Verhaltenskomponente.

  • Zwanghaft arbeiten beschreibt den inneren Antrieb. Betroffene spüren einen Drang, hart zu arbeiten, selbst wenn es keinen Spaß macht. Sie können schwer entspannen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich eine Auszeit nehmen. Dies ist die unsichtbare, kognitive Komponente.

Erst wenn beide Aspekte zusammenkommen, sprechen die Forschenden von suchthaftem Arbeiten. Mit einem Anteil von rund 10 % unter den Erwerbstätigen in Deutschland ist dies längst kein Randphänomen mehr.

»Die Betroffenen arbeiten nicht nur sehr lange und intensiv, sondern haben auch das dauerhafte Bedürfnis zu arbeiten, können in der Freizeit nicht entspannen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich freinehmen.«
aus der Zusammenfassung der Studie »Suchthaftes Arbeiten und Gesundheit«

Körper und Psyche am Limit

Die Analyse von Daten über 8.000 Erwerbstätiger zeichnet ein klares Bild: Suchthaftes Arbeiten steht in direktem Zusammenhang mit einer schlechteren Gesundheit. Der Anteil derjenigen, die ihren Gesundheitszustand als »weniger gut« oder »schlecht« einschätzen, ist bei suchthaft Arbeitenden mit 28 % doppelt so hoch wie bei »gelassen« Arbeitenden (14 %).

Besonders alarmierend sind die Befunde zu psychosomatischen Beschwerden, die oft als Vorboten für Burnout oder Depressionen gelten.

  • Müdigkeit und Erschöpfung: 68 % der suchthaft Arbeitenden leiden unter Müdigkeit, 47 % unter emotionaler Erschöpfung. Bei gelassen Arbeitenden sind die Werte mit 44 % bzw. 21 % deutlich niedriger.

  • Schlafstörungen: 47 % der Betroffenen berichten von Schlafstörungen – fast doppelt so viele wie in der Vergleichsgruppe (25 %).

  • Niedergeschlagenheit: Der Anteil derer, die unter Niedergeschlagenheit leiden, ist mit 40 % bei suchthaft Arbeitenden mehr als doppelt so hoch wie bei gelassen Arbeitenden (17 %).

Aber nicht nur die Psyche leidet. Die Studie zeigt erstmals für Deutschland auch einen klaren Zusammenhang mit körperlichen Problemen. Suchthaft Arbeitende berichten signifikant häufiger von Muskel-Skelett-Beschwerden wie Nackenschmerzen (61 % vs. 45 %) oder Schmerzen in den Armen und Händen.

Öfter krank, aber seltener krankgemeldet: Ein gefährlicher Widerspruch

Der wohl brisanteste Befund der Studie liegt im Umgang mit diesen Beschwerden. Man könnte annehmen, wer mehr leidet, sucht auch mehr Hilfe. Doch das Gegenteil ist der Fall. Suchthaft Arbeitende scheinen ihre Gesundheit systematisch zu ignorieren.

30 % von ihnen geben an, mehr als sechs gesundheitliche Beschwerden zu haben, für die sie keine medizinische Hilfe in Anspruch genommen haben. Bei den gelassen Arbeitenden sind es nur 15 %. Selbst wenn man nur diejenigen betrachtet, die gar keine ärztliche Hilfe in Anspruch nahmen, zeigt sich: Suchthaft Arbeitende ertragen im Schnitt 5,5 unbehandelte Beschwerden, gelassen Arbeitende nur 3,5.

Dieser Trend gipfelt im Phänomen des Präsentismus – dem Arbeiten trotz Krankheit. Trotz ihres schlechteren Gesundheitszustands berichten 45 % der suchthaft Arbeitenden, im letzten Jahr keinen einzigen Tag krankheitsbedingt gefehlt zu haben. Bei den gesünderen, gelassen Arbeitenden sind es nur 36 %. Die suchthaft Arbeitenden schleppen sich zur Arbeit, riskieren eine Verschlimmerung ihrer Symptome und gefährden ihre langfristige Arbeitsfähigkeit.

  • Doppeltes Risiko

    Suchthaft Arbeitende bewerten ihre Gesundheit doppelt so häufig als »schlecht« oder »weniger gut« wie andere Beschäftigte (28 % vs. 14 %).

  • Stille Leiden

    30 % der suchthaft Arbeitenden haben mehr als sechs unbehandelte gesundheitliche Beschwerden – das sind doppelt so viele wie bei gelassen Arbeitenden.

  • Immer im Dienst

    Obwohl sie kränker sind, haben 45 % der suchthaft Arbeitenden im letzten Jahr an keinem einzigen Tag krankheitsbedingt gefehlt.

Eine Frage der Kultur, nicht nur der Persönlichkeit

Suchthaftes Arbeiten ist damit mehr als ein individuelles Problem. Es ist ein Alarmsignal für eine Arbeitskultur, die ständige Verfügbarkeit und grenzenlose Leistung honoriert. Wie die Studie andeutet, ist dieses Verhalten nicht nur auf eine »Suchtpersönlichkeit« zurückzuführen, sondern wird auch durch betriebliche Faktoren wie eine kompetitive Atmosphäre oder fehlende Schutzmechanismen gefördert.

»Nicht nur aus Perspektive der Betroffenen, sondern auch für Betriebe und die Gesellschaft ist suchthaftes Arbeiten problematisch.«
aus dem Fazit der Studie »Suchthaftes Arbeiten und Gesundheit«

Für Unternehmen kann sich diese Kultur als Bumerang erweisen. Kurzfristig mag die hohe Anwesenheit produktiv wirken, doch langfristig drohen schwerwiegende Folgen: längere Ausfälle durch Burnout, der Verlust von Fachkräften und ein Sinken der Innovationskraft. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ist die Prävention von suchthaftem Arbeiten eine ökonomische Notwendigkeit.

Die Studie macht deutlich: Das Gespräch über gesunde Arbeit muss neu geführt werden. Es braucht Betriebskulturen, in denen Abschalten und Regeneration nicht als Schwäche, sondern als Voraussetzung für nachhaltige Leistung gelten. Dazu gehören klare Regeln zu Arbeitszeiten, Erreichbarkeit und der Ausgleich von Überstunden – gestützt durch eine starke betriebliche Mitbestimmung. Denn wer für die Arbeit brennt, soll daran nicht verbrennen.

FAQ: Suchthaftes Arbeiten

Über die Methodik

Die Ergebnisse basieren auf Daten der »BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2018« und einer zugehörigen Zusatzbefragung zu »Persönlichkeitseigenschaften und Erwerbstätigkeit«. Insgesamt wurden 8.006 Erwerbstätige ab 15 Jahren mit einer Regelarbeitszeit von mindestens zehn Stunden pro Woche befragt. Die Interviews wurden zwischen Oktober 2017 und Mai 2018 telefonisch (CATI) durchgeführt. Um suchthaftes Arbeiten zu messen, wurde die international etablierte »Dutch Work Addiction Scale« (DUWAS) in einer Kurzversion mit zehn Fragen genutzt. Die Daten wurden gewichtet, um repräsentative Ergebnisse für Kernerwerbstätige in Deutschland zu gewährleisten.

Über die Autor*innen der Studie

  • Beatrice van Berk

    ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsdatenzentrum des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Ihre Forschungsinteressen liegen im Themenfeld »Erwerbsarbeit, Gesundheit und Belastung«.

  • Christian Ebner

    ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt »Arbeit und Organisation« an der TU Braunschweig. Seine Schwerpunkte liegen in der Forschung zu Berufen, sozialer Ungleichheit und suchthaftem Arbeiten.

  • Daniela Rohrbach-Schmidt

    ist Postdoc im Forschungsdatenzentrum im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Sie forscht dort zu Berufen und sozialer Ungleichheit.