Die Verteidigung der Migrationsgesellschaft | LABOR.A® 2025
zuletzt aktualisiert: 9. February 2026
Wie Gewerkschaften die Demokratie schützen
Menschen mit Migrationsgeschichte als Testfeld für autoritäre Entrechtung? Genau mit dieser Warnung startet die Session »Die Verteidigung der Migrationsgesellschaft« – und zeigt, wie Gewerkschaften im aktuellen politischen Klima zu einem der zentralen Schutzräume für demokratische Rechte werden. Die Diskussion entfaltet sich von der Gefahr autoritärer Verschiebungen, über die gelebte Realität einer Migrationsgesellschaft in den Betrieben, bis hin zu einem Arbeitskampf, der die Machtverhältnisse umkehrte – angeführt von jenen, die man am wenigsten erwartete: migrantischen Frauen aus der Reinigung.
Warum jetzt? Migration als demokratische Schlüsselfrage
Neva Löw (Moderation, WSI) eröffnet die Diskussion mit einer prägnanten Einordnung: Der Migrationsdiskurs habe sich europaweit deutlich radikalisiert, gesellschaftliche Grundpositionen seien ins Rutschen geraten. Vor diesem Hintergrund werde Migrationspolitik zunehmend zum Testfeld für autoritäre Entrechtung. Gewerkschaften, so die Leitidee des Panels, werden in diesem Klima zu demokratischen Räumen – Orte, in denen Konflikte ausgetragen, Rechte verteidigt und reale Gegenmacht aufgebaut wird.
»Die Gefahr ist eher die Drohkulisse – und die Disziplinierung, die damit einhergeht.«
Romin Khan (Leiter Referat Migrationspolitik, ver.di Bundesverwaltung) erklärt, warum nicht die Fantasie von Massenabschiebungen das größte Risiko darstellt, sondern die alltägliche Disziplinierungswirkung der Rhetorik. Wer die Rechte von Migrantinnen beschneidet, schwächt damit demokratische Rechte insgesamt.
Er verweist auf zwei Entwicklungen, die besonders folgenreich sind:
Reformen wie die doppelte Staatsangehörigkeit kommen gleichzeitig mit einem hochgefahrenen, rassistischen »Nützlichkeitsdiskurs« – politische Teilhabe wird plötzlich mit »Verwertbarkeit« verknüpft.
Die Forderung, Verwaltungen sollten Gesinnungen prüfen (»importierter Antisemitismus«), öffnet Einfallstore zur Entrechtung.
»Wir haben mehr migrantische Mitglieder, als die CDU überhaupt Mitglieder hat.«
Sükran Budak (Politische Sekretärin, IG Metall – Bereich Migration) wirft einen genaueren Blick auf Gewerkschaften. Die Zahlen überraschen selbst Insider:innen: 24 Prozent der IG-Metall-Mitglieder haben einen Migrationshintergrund, und sie sind in betrieblichen und gewerkschaftlichen Funktionen überdurchschnittlich vertreten. Seit den 1970ern dürfen Menschen unabhängig vom Pass den Betriebsrat wählen und auch dafür kandidieren.
Sükran führt durch Strukturen wie die Bundesmigrationskonferenz und den Bundesmigrationsausschuss und erläutert, warum mehrsprachige Bildungsarbeit – in Polnisch, Arabisch, Englisch, Spanisch – seit Jahrzehnten ein Erfolgsfaktor ist. Und sie macht deutlich, dass Anerkennung nicht nur ein Wort ist: Merch in Landessprachen macht Zugehörigkeit und Wertschätzung sichtbar.
Ein besonders lebendiges Beispiel kommt aus der polnischen Grenzregion: In einem Betrieb haben über 40 Prozent der Belegschaft einen polnischem Hintergrund. Um einen Tarifvertrag zu verhandeln, braucht es genügend organisierte Beschäftigte auch in dieser Gruppe. Es folgen: zwei Jahre Organizing, zwei polnische Kolleginnen im Betriebsrat, ein neuer Tarifvertrag. Kurz: Sichtbare Verbesserungen für alle!
Der Klimax: Der 48-tägige CFM-Streik
Ongoo Buyanjargal (betriebliche Organizerin) erzählt eine bewegende Geschichte ihrer eigenen Arbeit mit der Belegschaft einer ausgelagerten Tochter des Berliner Charité-Krankenhauses. Löhne 500 bis 800 Euro unter TVöD, ein Berliner Kürzungshaushalt von über 3 Milliarden Euro – und ein Betrieb, in dem sich alle einig sind: Die Reinigung streikt nie. Zu viel Angst. Zu wenig Deutsch.
Ongoo Buyanjargal beschreibt, was dann passiert ist – und wie diese Annahme Schritt für Schritt zerlegt wurde. Eine türkischsprachige Organizerin, Übersetzungen, mehrsprachige Videos, Einbindung in Tarifkommission und Streikleitung – aus einer Gruppe, die als „zu schwach“ galt, wird ein Motor. Am ersten Streiktag stehen über 700 Menschen draußen, mehr als doppelt so viele wie je zuvor. Eine Reinigungskraft hält ihre erste Rede vor den Kolleg*innen und weiteren 6.000 BVG-Beschäftigten, die ebenfalls streiken. Der Saal kippt vor Energie.
Der eigentliche Wendepunkt kommt in Woche drei: Der finanzielle Druck steigt zuerst bei den Reinigungskräften. Doch weil sie echte Entscheidungsmacht haben, entscheiden sie selbst: Wir bleiben draußen! Dieser Moment verändert alles: Die gut organisierten Handwerker orientieren sich an den Reinigungskräften und streiken genau deshalb weiter mit. Die vermeintlich Schwächsten werden zum Durchhalte-Anker für die Stärkeren – eine bemerkenswerte Machtumkehr.
»Der Weg der Hoffnung ist nicht der Weg der Spaltung, sondern der gemeinsame Kampf.«
Im Schlussblock der Session laufen die Fäden wieder zusammen. Sükran Budak verweist auf die Leipziger Autoritarismus-Studie, nach der Menschen weniger anfällig für autoritäre Strömungen sind, wenn sie beteiligt werden. Genau darin liegt eine besondere Stärke der Gewerkschaften – ihre Beteiligungsinstrumente ermächtigen Beschäftigte und wirken antiautoritären Dynamiken aktiv entgegen.
Ongoo Buyanjargal betont aus der betrieblichen Praxis heraus, dass gemeinsam errungene Erfolge die wichtigste Ressource gegen Spaltung sind. Wo Kolleg*innen miteinander kämpfen, schwindet die Anfälligkeit für autoritäre Deutungen.
Romin Khan warnt, dass Solidarität nicht an »Verwertbarkeit« gekoppelt werden darf. Gewerkschaftliche Gegenmacht funktioniert nur, wenn Rechte und Teilhabe nicht an ökonomische Nützlichkeit gebunden werden.
Warum man dieses Video sehen sollte
Die Session macht die Risiken deutlich, liefert aber auch Werkzeuge für die Praxis – und Hoffnung. Die Beispiele zeigen, wie progressiv Gewerkschaften längst arbeiten – und was passiert, wenn Teilhabe ernstgemeint wird. Wer verstehen will, wie demokratische Räume in einer polarisierten Gesellschaft verteidigt werden können, findet hier konkrete Erfahrungen.
Und die Session macht sichtbar, wie Beschäftigte mit Migrationsgeschichte die Machtverhältnisse in einem Großbetrieb verändert haben.
Über dieses Video
Die Session »Die Verteidigung der Migrationsgesellschaft« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.
Speaker*innen:
Romin Khan, ver.di Bundesverwaltung
Ongoo Buyanjargal, betriebliche Organizerin
Sükran Budak, IG Metall Vorstand
Moderation: Neva Löw, WSI in der Hans-Böckler-Stiftung
Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.
