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Die Unverzichtbaren. Beschäftigte in un- und angelernten Berufen und ihr Blick auf Demokratie, Klimaschutz und Digitalisierung | LABOR.A® 2025

zuletzt aktualisiert: 22. January 2026

Wenn andere schlafen, beginnt ihre Arbeit. Gereinigt wird nachts, geliefert frühmorgens, gepflegt rund um die Uhr. Alles funktioniert – und bleibt unsichtbar. Genau hier setzt der Impuls »Die Unverzichtbaren« von Johanna Siebert (Das Progressive Zentrum) an. Der Vortrag und die begleitende Studie rücken jene in den Mittelpunkt, ohne die unsere Gesellschaft nicht läuft: Menschen in der Basisarbeit.

Zuerst kommen diejenigen zu Wort, um die es geht. Güven Ciftci beschreibt, wie seine Arbeit als Reinigungskraft dafür sorgt, dass morgens alles glänzt – während niemand sieht, wer das möglich macht. Altenpflegerin Cynthia Würpel wehrt sich gegen die Abwertung nicht-akademischer Berufe. Und Postzusteller Khaleel Al Bodach erzählt, wie sehr Arbeit Identität sein kann, gerade dann, wenn der Start in Deutschland unter schwierigen Bedingungen beginnt.

»Wenn andere schlafen, gehen wir arbeiten.«
Güven Ciftci, Reinigungskraft

Was Basisarbeit bedeutet

Erst danach setzt Johanna Siebert den Rahmen und erklärt, was unter Basisarbeit verstanden wird: Tätigkeiten ohne formale Qualifikation, ohne Ausbildung oder Studium – die dennoch zentral für das Funktionieren der Gesellschaft sind. Rund acht Millionen Menschen, etwa ein Fünftel aller Beschäftigten, arbeiten in diesen Bereichen.

Die Studie zum Projekt, aus dem Johanna Siebert berichtet, basiert auf 39 qualitativen Gesprächen sowie einer quantitativen Befragung. Sie fragt nach Arbeitsbedingungen, Belastungen und danach, wie Basisarbeitende Digitalisierung, Demografie und ökologische Transformation erleben.

Deutlich wird dabei die große Spannweite innerhalb der Basisarbeit: von industrieller Produktion bis zu Reinigung, Logistik und personenbezogenen Dienstleistungen. Entscheidend sind die unterschiedlichen Strukturen. Während altindustrielle Produktionsbereiche häufig tariflich und betrieblich stärker abgesichert sind, arbeiten viele Beschäftigte in Dienstleistungsbereichen unter deutlich instabileren Bedingungen.

Belastung und Stolz

In der zweiten Hälfte des Impulses rücken zentrale Befunde der Studie in den Fokus: Basisarbeit bedeutet niedrigere Löhne, unregelmäßige Arbeitszeiten, Nacht- und Schichtarbeit, hohe körperliche Beanspruchung. Über ein Drittel der Beschäftigten ist unsicher, ob ihre Arbeit bis zur Rente durchzuhalten ist, mehr als die Hälfte fürchtet eine nicht ausreichende Altersversorgung. Gleichzeitig haben nur 42 Prozent Zugang zu betrieblicher Weiterbildung – gegenüber 70 Prozent in qualifizierten Berufen.

Überraschend ist ein anderes Ergebnis: Gut 20 Prozent der Basisarbeitenden sind 60 Jahre oder älter. Basisarbeit ist für viele kein Übergang, sondern ein dauerhafter Zustand bis ins hohe Erwerbsalter.

Neben den Belastungen kommen auch die Motive und Haltungen der Beschäftigten zur Sprache: Viele Basisarbeitende üben ihre Tätigkeit bewusst aus. Sie schätzen körperliche Arbeit, den direkten Kontakt mit Menschen und das sichtbare Ergebnis am Ende des Tages. Stolz und Belastung stehen dabei nebeneinander.

Von der Arbeitsrealität zur Demokratiefrage

»Demokratiesicherung bedeutet Entprekarisierung in der Basisarbeit und darüber hinaus.«
Johanna Siebert, Das Progressive Zentrum

Als es um gesellschaftliche Transformation geht, berichtet Johanna Siebert, dass Digitalisierung, Klimaschutz und demografischer Wandel von vielen Basisarbeitenden als fern erlebt werden. Es fehlen Zeit, Mitsprache, Weiterbildung und finanzielle Spielräume. Rund ein Fünftel rechnet damit, in Krisen als Erste gehen zu müssen. Gleichzeitig beschreiben sich viele als anpassungsfähig – als Menschen, die tagtäglich mit körperlichen und organisatorischen Anforderungen umgehen.

Die zentrale Aussage der Studie: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen erlebter Sicherheit, Mitbestimmung und Solidarität im Arbeitsalltag – und einer höheren Offenheit gegenüber Demokratie, Digitalisierung und Klimaschutz. Gute, sichere und mitbestimmte Arbeit wirkt damit weit über den Betrieb hinaus.

Ausblick: Zuhören als Voraussetzung

Am Ende richtet der Impuls den Blick nach vorn: Die Anliegen von Basisarbeitenden sollen gemeinsam mit Sozialpartnern, Wissenschaft, Unternehmen und Gewerkschaften weiterbearbeitet werden.

»Gute, sichere und mitbestimmte Arbeit ist gut für unsere Demokratie und die Transformation.«
Johanna Siebert, Das Progressive Zentrum

Warum dieses Video sehenswert ist

  • Weil es zeigt, was Basisarbeit konkret bedeutet und warum sie für eine funktionierende Gesellschaft unverzichtbar ist.

  • Weil es sichtbar macht, dass viele Beschäftigte ihre Arbeit ernst nehmen und wertschätzen, sich zugleich aber als leicht austauschbar erleben.

  • Weil nachvollziehbar wird, wie Arbeitsbedingungen und politische Haltung zusammenhängen.

Und weil es unterstreicht: Die Frage, wie wir arbeiten, entscheidet mit darüber, wie stabil demokratische Gesellschaften sind.

Über dieses Video

Der Impuls »Die Unverzichtbaren. Beschäftigte in un- und angelernten Berufen und ihr Blick auf Demokratie, Klimaschutz und Digitalisierung« fand am 01.10.2025 auf der LABOR.A® statt.

Speakerin:

Johanna Siebert, Das Progressive Zentrum

Die LABOR.A® ist die hybride Plattformkonferenz der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema »Arbeit der Zukunft«.