Der unterschätzte Reichtum: Deutschlands Milliardenvermögen
zuletzt aktualisiert: 19. January 2026
Wir reden viel über Reichtum in Deutschland, aber wir kennen nicht annähernd die ganze Wahrheit. Eine Lücke von mindestens 500 Milliarden Euro klafft in den bekannten Reichenlisten, die oft als Grundlage für politische Debatten dienen. Das ist eines der Kernerkenntnisse des neuen Working Papers »Milliardenvermögen in Deutschland« von Julia Jirmann und Christoph Trautvetter. Die Autor*innen zeigen: Unser Bild von den Superreichen ist von Mythen geprägt und die Datenlage ist mehr als lückenhaft. Zeit, genauer hinzusehen.

Das Wichtigste in Kürze
Massive Lücke: Das Vermögen der Superreichen in Deutschland ist um mindestens 500 bis 1.100 Milliarden Euro höher als bisher angenommen.
Falsches Bild: Anders als oft behauptet, sind Milliardenvermögen nicht immer an ein aktives, familiengeführtes Unternehmen gekoppelt. Fast jedes fünfte Vermögen hat keinen direkten Unternehmensbezug mehr.
Steuern im Sinkflug: Während die Belastung für durchschnittliche Arbeitseinkommen kaum sank, hat sich der Steuersatz auf nicht ausgeschüttete Unternehmensgewinne seit 1996 fast halbiert.
Mehr Transparenz möglich: Ein alternativer, wissenschaftlicher Reichtumsbericht könnte auf Basis öffentlich zugänglicher Unternehmensdaten die Wissenslücken schließen und eine ehrliche Debatte ermöglichen.
Ein blinder Fleck von 500 Milliarden Euro
Wenn über Reichtum und dessen Verteilung in Deutschland diskutiert wird, stützen sich Politik, Forschung und Medien oft auf bekannte Reichenlisten, wie die des Manager Magazins. Doch diese Listen haben eine gewaltige Schwäche: Sie sind unvollständig und unterschätzen das wahre Ausmaß der Vermögen dramatisch. Das zeigt die neue Analyse von Julia Jirmann und Christoph Trautvetter.
Durch den Abgleich verschiedener Quellen und die Analyse öffentlich verfügbarer Daten kommen die Forscher*innen zu einem klaren Ergebnis: Die Vermögenshöhe der Milliardär*innen wird um mindestens 500 Milliarden Euro zu niedrig angesetzt. Zählt man fehlende Milliardenvermögen und die Unterbewertung bestehender Vermögen zusammen, könnte die Lücke sogar bis zu 1,1 Billionen Euro betragen. Diese Zahl allein verändert die Dimension der Debatte über Steuergerechtigkeit und gesellschaftliche Ungleichheit fundamental. Doch die Studie deckt nicht nur verborgene Summen auf, sie räumt auch mit hartnäckigen Mythen auf.
Mythos 1: Die Superreichen sind alle Unternehmer*innen
In der öffentlichen Wahrnehmung, oft befeuert durch die Lobbyarbeit von Organisationen wie der Stiftung Familienunternehmen, wird großer Reichtum fast immer mit aktivem Unternehmertum und der Sicherung von Arbeitsplätzen gleichgesetzt. Die Realität, so zeigt die Analyse, ist deutlich komplexer.
Fast jedes fünfte Milliardenvermögen (18 Prozent) hat gar keine Verbindung mehr zum Ursprungsunternehmen. Der Grund: Das Unternehmen wurde verkauft und die Erlöse am Finanzmarkt reinvestiert. Auch bei den Vermögen, die noch an ein Unternehmen gebunden sind, ist das Bild differenziert:
»Von den verbliebenen ›Familienunternehmen‹ wird nur gut jedes zweite noch durch die Familie gemanagt. Bei der anderen Hälfte beschränkt sich die Rolle der Familie auf die Kontrollgremien oder auf die Rolle als stiller Gesellschafter.«
Der landläufige Unternehmergeist, der oft als Argument gegen eine höhere Besteuerung ins Feld geführt wird, trifft also nur auf einen Teil der Superreichen zu. Die Analyse zeigt zudem: Frauen sind an der Spitze dieser Unternehmen massiv unterrepräsentiert. Nur in 9 von 95 operativ familiengeführten Unternehmen steht eine Frau an der Spitze. Und ein ostdeutsches Milliardärsunternehmen? Das gibt es auch über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht.
500 Mrd. €
So viel beträgt die Lücke in den deutschen Reichenlisten mindestens. Das Vermögen der Superreichen ist damit weit höher als bekannt.
Ohne Unternehmen: 1 von 5
Fast jedes fünfte Milliardenvermögen hat keine Verbindung oder keine Verbindung mehr zu einem operativen Unternehmen. Reichtum bedeutet nicht automatisch Unternehmertum.
Westdeutschland only
Ein ostdeutsches Milliardärsunternehmen gibt es auch über dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung zumindest laut den Daten nicht.
Steuerentlastung nur für Unternehmen
Neben der Aussetzung der Vermögensteuer hat sich der Steuersatz auf nicht ausgeschüttete Gewinne seit 1996 in etwa halbiert, während die Entlastung für Arbeitseinkommen in derselben Zeit sehr gering war.
9 % Frauen an der Spitze
In weniger als 1 von 10 der Milliarden-Unternehmen, die operativ noch von Familienmitgliedern geführt werden, stehen Frauen an der Spitze.
Mythos 2: Die Reichen zahlen schon genug Steuern
Ein weiteres zentrales Argument gegen eine Vermögensteuer oder höhere Erbschaftsteuern ist die angebliche Belastung, die Vermögende bereits schultern. Die Studie zeichnet hier ein gegenteiliges Bild und dokumentiert einen drastischen Rückgang der Besteuerung in den letzten drei Jahrzehnten.
Am deutlichsten wird dies bei den Unternehmensgewinnen, die nicht an die Eigentümer*innen ausgeschüttet, sondern im Unternehmen behalten werden (Thesaurierung).
1996 lag der Steuersatz auf solche Gewinne noch bei rund 57 Prozent, zusätzlich zur damals noch existierenden Vermögensteuer.
2022 betrug der Satz im Durchschnitt nur noch unter 30 Prozent.
Diese steuerliche Begünstigung wurde politisch damit begründet, Re-Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu fördern. Die Analyse zeigt jedoch, dass thesaurierte Gewinne nicht zwangsläufig in den Betrieb fließen. Sie können auch in Beteiligungsgesellschaften verschoben, für Finanzanlagen oder Unternehmenszukäufe im Ausland genutzt werden – oft ohne direkten Bezug zu neuen Arbeitsplätzen in Deutschland.
Währenddessen ist die Steuer- und Abgabenlast für ein durchschnittliches Arbeitseinkommen im selben Zeitraum kaum gesunken. Die Schere zwischen der Besteuerung von Arbeit und sehr großem Vermögen ist also immer weiter auseinandergegangen.
Für einen ehrlichen Blick auf Reichtum
Mythen und Wissenslücken über Milliardenvermögen verhindern eine informierte Debatte über die gesellschaftliche Rolle großer Vermögen – und eine faire Besteuerung. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung wird dieser Gruppe nicht gerecht und »Reichenlisten« dienen journalistischen Zwecken.
Julia Jirmann und Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit schlagen daher einen »alternativen Reichtumsbericht« vor. Mit dem Working Paper zeigen sie, dass die dafür notwendigen Daten zum großen Teil öffentlich zugänglich sind, denn nur ein kleiner Teil der Milliardärsunternehmen nutzt gesetzliche Ausnahmen zur Berichtspflicht.
FAQ: Fragen und Antworten zu Deutschlands Superreichen
Über die Methodik
Das Working Paper von Jirmann und Trautvetter basiert auf einer umfassenden Analyse und einem Abgleich bestehender Reichenlisten, insbesondere der des Manager Magazins und von Forbes für das Jahr 2023. Diese Listen wurden um fehlende Vermögen ergänzt, die durch Recherchen in öffentlich zugänglichen Quellen (z. B. Geschäftsberichte, Beteiligungsdaten) identifiziert wurden. Die Autor*innen bereinigten den so entstandenen Datensatz, um eine konsistente Grundlage für wissenschaftliche Analysen zu schaffen. Die Schätzung der tatsächlichen Vermögenshöhe beruht auf Hochrechnungen, die sich aus dem Vergleich der Listen, der Analyse von Ausschüttungsquoten und Fallstudien zur Unternehmensbewertung ergeben.
