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Der Deal mit der Datenbrille: Weniger Stress für mehr Kontrolle?

zuletzt aktualisiert: 19. January 2026

Digitale Assistenzsysteme wie Datenbrillen oder Smartwatches werden zu Symbolen der Industrie 4.0. Sie versprechen, die Arbeit in Fertigung und Logistik einfacher und effizienter zu machen, bergen aber auch das Risiko einer lückenlosen Überwachung. Die Study »Die Vermessung der Arbeitswelt« von Martin Krzywdzinski, Sabine Pfeiffer, Maren Evers und Christine Gerber kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Viele Beschäftigte stehen den neuen Technologien offen gegenüber. Ihre Akzeptanz ist jedoch an klare Bedingungen geknüpft: Datensicherheit, Mitbestimmung und ein spürbarer Nutzen für die eigene Arbeit.

Mädchen steht in einem Wohnzimmer und trägt eine KI-Brille.
Digitale Anweisungen direkt im Blickfeld: Wearables sollen die Arbeit in Logistik und Fertigung unterstützen. Die Technologie wirft jedoch auch grundlegende Fragen zum Datenschutz und zur Autonomie der Beschäftigten auf.IMAGO / Zoonar

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Dilemma: Wearables wie Smartwatches oder Datenbrillen können die Arbeit erleichtern, ermöglichen aber auch eine neue Qualität der Überwachung.

  • Die Überraschung: Beschäftigte lehnen diese Technologien nicht pauschal ab, sondern zeigen eine hohe Akzeptanz – wenn die Bedingungen stimmen.

  • Das Warum: In Arbeitsbereichen mit hohem Zeit- und Leistungsdruck können Wearables Stress reduzieren, Fehler vermeiden und so den Arbeitsalltag tatsächlich entlasten.

  • Die Bedingung: Die Zustimmung ist an klare Regeln geknüpft. Datensouveränität und ein Ausschluss der Leistungs- und Verhaltenskontrolle, oft durch Betriebsräte ausgehandelt, sind entscheidend.

Sie sind längst mehr als nur Gadgets für den privaten Gebrauch: Wearables – am Körper getragene Computersysteme wie Datenbrillen, Smartwatches oder intelligente Handschuhe – halten Einzug in die Arbeitswelt. In der Logistik leiten sie Kommissionierer*innen durch riesige Lagerhallen, in der Fertigung unterstützen sie Fachkräfte bei der Wartung komplexer Maschinen. Sie sollen die Beschäftigten vernetzen, Informationen in Echtzeit liefern und das Arbeiten mit freien Händen ermöglichen.

Doch diese neuen Technologien werfen zentrale Fragen auf: Führen sie zu einer besseren Arbeitsqualität oder vor allem zu Rationalisierung und verdichteter Arbeit? Und was passiert mit den Daten, die dabei unweigerlich anfallen – über jeden Schritt, jede Bewegung, vielleicht sogar über Puls und Anstrengung? Die Studie »Die Vermessung der Arbeitswelt« zeigt, dass die Realität komplexer ist als die oft gezeichneten Bilder von Utopie oder Dystopie.

Überraschend positiv: Wenn Technik den Stress mindert

Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse der Studie ist die relativ hohe Akzeptanz der Wearable-Technologien unter den Beschäftigten. Selbst in stark standardisierten Prozessen werden die digitalen Helfer oft positiv aufgenommen. Der Grund dafür ist so simpel wie entlarvend: In vielen Betrieben herrschen hoher Zeitdruck und eine enorme Arbeitsintensität. Fehler führen hier zu zusätzlichem Stress. Digitale Assistenzsysteme, die Beschäftigte engmaschig durch Prozesse führen, können genau hier ansetzen. Sie reduzieren die Fehlerquote, machen Arbeitsprozesse flüssiger und senken so das Stressniveau der Mitarbeitenden.

»Wenn Sie von positivem Stress sprechen wollen – nicht hier. Ne, das war eine Belastung, das war eine enorme Belastung. Also wir haben am Tag, wenn ich bedenke, 400 Kunden vielleicht verladen. Das war Stress, das war richtig Stress.«
Ein Kommissionierer über den Arbeitsalltag vor der Einführung eines digitalen Assistenzsystems

Die Technologie wird in diesem Kontext nicht als Überwachungsinstrument wahrgenommen, sondern als Entlastung in einem ohnehin stark belastenden Arbeitsumfeld. Wenn ein System die Verantwortung für die Routenplanung übernimmt oder das ständige Hantieren mit schweren Handscannern überflüssig macht, ist das für viele ein direkter, spürbarer Vorteil.

Keine Akzeptanz ohne Regeln: Die Macht der Mitbestimmung

Diese grundsätzliche Offenheit bedeutet jedoch keinen Freifahrtschein für die Datensammlung. Die Studie zeigt ebenso deutlich: Die Akzeptanz ist an sehr klare und hohe Ansprüche geknüpft. Beschäftigte sind nur dann bereit, ihre Bewegungen, körperlichen Zustände oder gar Emotionen messen zu lassen, wenn sie die Kontrolle über die Daten behalten und die Technologie einen klaren Nutzen für ihre Arbeit hat – vor allem Entlastung und Erleichterung.

Hier kommt die entscheidende Rolle der betrieblichen Mitbestimmung ins Spiel. In den untersuchten Unternehmen, die alle über Betriebsräte verfügen, wurde die Nutzung von Wearable-Daten für individuelle Verhaltens- und Leistungskontrolle in Betriebsvereinbarungen konsequent ausgeschlossen. Diese ausgehandelten Regeln schaffen erst den sicheren Rahmen, in dem die positiven Potenziale der Technologie überhaupt genutzt werden können, ohne die Tür zur Totalüberwachung aufzustoßen. Die Managementstrategien in den Fallstudien zielten primär auf Effizienzsteigerung, nicht auf die Kontrolle der Beschäftigten.

»Und bei uns wird es auch gelebt. Selbst wenn man diese Daten erheben könnte, wenn das technisch möglich wäre… Es gibt ja auch technische Daten, die man nicht abwehren kann, wo man sagt, ok, das wird erhoben. Da kann man nichts gegen tun. Selbst dann werden die niemals ausgewertet oder niemals gegen Dich verwendet. Das ist immer so in jeder Betriebsvereinbarung.«
Ein Betriebsrat aus der Handelslogistik über die Wirkmacht von Betriebsvereinbarungen

Die Aushandlungsprozesse zeigen, dass Wearables nicht einfach nur technische Werkzeuge sind. Sie sind soziale Technologien, deren Einsatz in der stark regulierten »Verhandlungsarena Betrieb« gestaltet wird – und gestaltet werden muss.

  • Fast 2/3 sind offen für Neues

    Nur rund ein Drittel der befragten Beschäftigten hat grundsätzliche Bedenken gegen die Erfassung von Körperdaten am Arbeitsplatz. Die Mehrheit ist unter bestimmten Bedingungen zur Akzeptanz bereit.

  • 50 % sagen »vielleicht«

    Selbst bei der heiklen Erfassung von Emotionen ist die Hälfte der Befragten kompromissbereit – kann sich dies aber nur unter klar definierten Bedingungen vorstellen

  • 8,6 von 10 Punkten

    Auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten Beschäftigte die Wichtigkeit, die Hoheit über ihre Emotions-Daten zu behalten, mit einem Median von 8,6. Ein klares Votum für Datensouveränität.

  • 7,5 von 10 Punkten

    Der größte Nutzen, den sich Beschäftigte von der Erfassung ihrer Körperdaten versprechen, ist die Unterstützung der eigenen Gesundheit. Dieses Kriterium erreicht den höchsten Mittelwert in der Befragung.

Ein klares Votum: Ja, aber nur zu unseren Bedingungen

Die Ergebnisse der Fallstudien werden durch eine quantitative Online-Befragung von über 1.000 Beschäftigten untermauert. Auch hier zeigt sich: Nur eine Minderheit hegt grundsätzliche Bedenken. Die große Mehrheit ist kompromissbereit.

Die Bedingungen dafür sind jedoch unmissverständlich. Die Befragung ergab, dass der Schutz der eigenen Daten und die Hoheit darüber extrem wichtig sind. Die Kompromissbereitschaft ist nur dann gegeben, wenn ein positiver Nutzen für die eigene Arbeit entsteht. Am wichtigsten ist den Beschäftigten dabei die Unterstützung für ihre Gesundheit und Sicherheit sowie die Reduzierung von Belastungen.

Die Studie sendet damit ein klares Signal an das Management und die Politik: Eine menschenzentrierte Gestaltung der digitalen Arbeitswelt ist möglich. Sie ist aber kein Selbstläufer, sondern das Ergebnis von Aushandlungsprozessen. Technologien wie Wearables sind gestaltbar. Ob sie zu mehr Kontrolle oder zu besserer Arbeit führen, hängt davon ab, ob Beschäftigte und ihre Interessenvertretungen die Macht haben, die Spielregeln mitzubestimmen. Ohne starke Mitbestimmung, so legt es die Studie nahe, könnten die dystopischen Szenarien schnell Realität werden.

FAQ: Die häufigsten Fragen zu Wearables am Arbeitsplatz

Über die Methodik

Die Analyse beruht auf einem Mix aus qualitativen und quantitativen Methoden. Der qualitative Teil umfasste 16 Experteninterviews mit Technologieentwickler*innen sowie 16 Fallstudien in Unternehmen aus Logistik und Fertigung, bei denen insgesamt 48 Interviews mit Management, Betriebsräten und Beschäftigten geführt wurden. Ergänzt wurde dies durch eine quantitative, repräsentative Online-Befragung von über 1.000 Beschäftigten aus unterschiedlichen Berufen, in deren Tätigkeit körperliche Bewegung eine Rolle spielt.

Über die Autor*innen der Studie

  • Martin Krzywdzinski

    ist 2022 Professor für Internationale Arbeitsbeziehungen an der Helmut-Schmidt-Universität Berlin und Direktor am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft. Er forscht zum Wandel von Arbeit im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung.

  • Sabine Pfeiffer

    ist 2022 Professorin für Soziologie (Technik – Arbeit – Gesellschaft) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Als Arbeitssoziologin forscht sie seit vielen Jahren zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt.

  • Maren Evers

    studierte Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt »Zukunft der Arbeit« an der TU Braunschweig und war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Wearable Computing in Fertigung und Logistik« am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

  • Christine Gerber

    studierte Liberal Arts and Sciences und Internationale Beziehungen. 2022 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am WZB in der Forschungsgruppe Globalisierung, Arbeit und Produktion und war ebenfalls im Projekt »Wearable Computing in Fertigung und Logistik« tätig.