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Standortgarantie statt Zukunftsangst: Wie Beschäftigte vom Klimaschutz profitieren

zuletzt aktualisiert: 29. May 2026

Die Dekarbonisierung der Wirtschaft ist ein gigantischer Umbauprozess. Oft wird dabei über Technik und Investitionen gesprochen, doch eine zentrale Ressource wird unterschätzt: das Wissen und der Einfluss der Beschäftigten. Das Working Paper »Betriebliche Mitbestimmung der nachhaltigen Transformation« von Valentin Espert, Lisa Kolde und Johannes Venjakob zeigt, dass Klimaschutz im Betrieb weit mehr ist als Mülltrennung. Die Studie untersucht die Rohstoffgewinnung und das Verarbeitende Gewerbe. Anhand von acht Fallbeispielen aus Industrie, Forst- und Wasserwirtschaft belegt sie: Es geht um Jobsicherheit, Gesundheit und bares Geld.

Eine Frau mit orangefarbenem Basecap und kariertem Hemd steht bei Sonnenschein im Freien vor einer Reihe von Solarmodulen. Sie hält ein Tablet in der einen Hand und berührt mit der anderen prüfend die Oberfläche eines Panels.
Anpacken statt abwarten: Das Erfahrungswissen der Belegschaft ist bei der Einführung neuer Technologien oft der entscheidende Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung im Arbeitsalltag.IMAGO / Depositphotos
  • Gut ein Fünftel

    der deutschen Treibhausgasemissionen stammen aus der Industrie – Stahl, Zement und Chemie sind dabei die größten Quellen.

  • Rund ein Viertel

    aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten in der Industrie. Ihr Arbeitsalltag wird sich durch neue, klimafreundlichere Prozesse massiv verändern.

  • 2,5 Prozent

    des gesamten deutschen CO₂-Ausstoßes entfallen allein auf die Stahlproduktion von Thyssenkrupp – das zeigt den enormen Hebel einzelner Standorte.

  • Mehrere Milliarden Euro

    kostet dort allein der Bau der ersten Anlage für grünen Stahl. Eine Summe, die ohne staatliche Förderung kaum zu stemmen ist.

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum: Klimaschutz ist allein Sache der Geschäftsführung oder der Politik, während sich der Betriebsrat um die Dienstpläne und Urlaubsanträge kümmert. Dass diese Trennung längst überholt ist und eine rein passive Haltung sogar gefährlich für Unternehmensstandorte sein kann, belegt eine aktuelle Untersuchung. Die Autor*innen haben tief in die Praxis geschaut – von der Stahlhütte im Ruhrgebiet bis zum Forstbetrieb in NRW.

Das Ergebnis der Analyse ist eindeutig: Wo Beschäftigte aktiv mitreden, wird die Transformation oft erst sozial tragfähig und praktisch umsetzbar. Werden die »grünen Innovationen« gemeinsam gestaltet, entstehen handfeste Vorteile für die Belegschaft, die weit über das gute Gewissen hinausgehen.

Standort-Sicherung durch Stroh statt Holz

Wie existenzielle Sorgen durch nachhaltige Innovationen gelindert werden können, zeigt das Beispiel des Hygieneartikel-Herstellers Essity in Mannheim. Hier stand die Zukunftsfähigkeit des Standorts auf dem Spiel. Das Management plante eine neuartige Anlage, die Zellstoff aus Stroh statt aus Holz gewinnt – ein Verfahren, das Ressourcen schont, CO₂ spart und ein landwirtschaftliches Restprodukt nutzt.

Doch der Bau in Deutschland war teurer und bürokratischer als im Ausland. Dass die Anlage heute in Mannheim steht, ist auch dem massiven Einsatz der Arbeitnehmervertretung zu verdanken. Der Betriebsrat und der Konzernbetriebsrat machten sich im Aufsichtsrat stark für die Investition. Ihr Argument: die hohe Fachkompetenz der Belegschaft vor Ort und die Tradition der Zellstoffproduktion. Das Ergebnis ist nicht nur eine ökologische Innovation, sondern eine »Zusage an die Zukunft des Standorts« für rund 2000 Beschäftigte. Ohne das Engagement der Mitbestimmung wäre diese Investition womöglich ins Ausland geflossen.

Lokale Weitsicht schlägt Outsourcing

Dass starke Mitbestimmung Unternehmen widerstandsfähiger gegen globale Krisen macht, beweist der Solartechnik-Hersteller SMA Solar. Schon früh setzte sich der Betriebsrat dafür ein, die Vorproduktion nicht nach Fernost zu verlagern, sondern die Lieferketten kurz, transparent und lokal zu halten. Was damals vielleicht wie ein bremsender Faktor oder ein unnötiger Kostenpunkt wirkte, erwies sich in den globalen Lieferkrisen ab 2022 als Glücksfall.

Während andere Unternehmen auf Teile warteten, konnte SMA weiter produzieren. Hier hat der Betriebsrat nicht nur Arbeitsplätze gesichert, sondern durch den Fokus auf faire und lokale Lieferketten das Geschäftsmodell stabilisiert. Der Betriebsrat erkannte früh: Eine faire Lieferkette ist nicht nur ethisch geboten, sondern ökonomisch klug.

Geldwerte Vorteile: Wenn der Dienstwagen elektrisch wird

Wenn Betriebsräte die Details aushandeln, können Klimaschutzmaßnahmen im Betrieb auch finanzielle Entlastung für die Beschäftigten bringen. Beim Dienstleister SPIE Efficient Facilities etwa stellt das Unternehmen die Flotte auf E-Mobilität um. Der Betriebsrat sorgte dafür, dass Servicemonteure, die den Dienstwagen zu Hause laden, die Stromkosten erstattet bekommen. Zudem setzte er sich für Ladesäulen an den Standorten ein, um Arbeitszeiten effizient zu nutzen.

Ähnlich beim Automobilzulieferer Hanon Systems in Kerpen: Auch hier initiierte der Betriebsrat Ladesäulen und Abrechnungssysteme. Doch Klimaschutz bedeutet nicht nur Hightech: Für Fahrradpendler wurden Duschen installiert – eine kleine, aber effektive Maßnahme, die den Arbeitsweg für viele angenehmer macht und den Umstieg vom Auto erleichtert.

»Man muss greifbar machen, dass die eigentliche Bedrohung ist, sich nicht nachhaltig aufzustellen.«
Ein Gewerkschaftsmitglied über die Notwendigkeit, Klimaschutz als Mittel zur Beschäftigungssicherung zu verstehen.

Hitzefrei und Zeckenschutz: Gesundheit im Klimawandel

Die ökologische Transformation bedeutet nicht nur neue Produkte, sondern auch veränderte Arbeitsbedingungen durch den Klimawandel selbst. Besonders drastisch zeigt sich das in der Bau- und Forstwirtschaft, wo der Arbeitsschutz neu gedacht werden muss. Drei Beispiele:

  • Im Wald: Beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW kämpfen die Beschäftigten mit den direkten Folgen der Erderwärmung: mehr Hitze, mehr Stürme und eine Zunahme von Schädlingen. Der Personalrat initiierte hier Kampagnen, damit Borreliose als Berufskrankheit anerkannt wird – die Krankheit nimmt durch die Verbreitung von Zecken zu. Zudem setzte er bessere Schutzkleidung sowie flexiblere Arbeitszeiten bei Hitzewellen durch.

  • Auf dem Bau: Auch beim Bauunternehmen Max Bögl rückte der Betriebsrat den Gesundheitsschutz in den Fokus, denn Klimaanpassung bedeutet hier ganz konkret den Schutz vor extremer Witterung. Die Studie nennt für die Branche Maßnahmen wie die Ausgabe von Leichtarbeitskleidung, die Verteilung von Sonnencreme und Getränken auf den Baustellen sowie flexible Arbeitszeiten, um der Mittagshitze zu entgehen.

  • Im Büro: Selbst in der Verwaltung spielt das Thema eine Rolle. Bei SMA Solar gibt es eine Betriebsvereinbarung zur CO₂-neutralen Klimatisierung, damit die Arbeit in den Büros und Fertigungshallen auch in heißen Sommern erträglich bleibt.

Der gesetzliche Hebel: Was § 89 BetrVG leistet

Trotz der Erfolge ist die »grüne Mitbestimmung« kein Selbstläufer. Oft fehlen Betriebsräten die zeitlichen Ressourcen, um sich neben dem Tagesgeschäft in komplexe technologische Themen wie die Wasserstoff-Strategien der Stahlindustrie einzuarbeiten. Zudem beklagen viele Gremien eine unsichere Rechtslage. Dabei bietet das Betriebsverfassungsgesetz durchaus Ansatzpunkte.

Zentral ist hier der § 89 BetrVG. Er verpflichtet den Arbeitgeber, den Betriebsrat über alle Belange des betrieblichen Umweltschutzes zu informieren. Dazu gehören Maßnahmen, die dem Umweltschutz dienen, wie neue Filteranlagen, Energiesparmaßnahmen oder Recyclingkonzepte. Der Paragraf gibt dem Betriebsrat zwar kein hartes Vetorecht (wie bei sozialen Angelegenheiten), aber er verankert die ökologische Transformation als offizielle Aufgabe der Arbeitnehmervertretung. Betriebsräte müssen bei Planungen gehört werden und können Vorschläge einbringen – ein Hebel, den viele Gremien noch stärker nutzen könnten.

Ein starkes Beispiel für das Gelingen dieser Allianz liefert die Stahlindustrie: Bei Thyssenkrupp Steel traten Betriebsrat und Vorstand gemeinsam unter dem Motto »Mit einer Stimme« auf. Ihr Ziel war es, die milliardenschweren politischen Fördergelder zu sichern, die für die Umstellung auf die grüne Stahlproduktion notwendig sind. Hier wurde der Betriebsrat zum strategischen Partner, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

Das übergeordnete Fazit der Studie macht Mut: Wer die Transformation nur von oben herab diktiert, verliert Potenziale. Wer die Belegschaft einbindet, gewinnt nicht nur Akzeptanz, sondern oft auch die besseren Lösungen.

Podcast-Tipp

Fragen und Antworten zum Thema Mitbestimmung und Klimaschutz

Über die Methodik

Das Forschungsprojekt basiert auf einer qualitativen Analyse. Zunächst wurde eine Sekundärdatenanalyse (Desk Research) durchgeführt, um geeignete Fallbeispiele zu identifizieren. Kern der Studie sind acht vertiefende Fallstudien in Unternehmen aus dem primären und sekundären Sektor (also der Rohstoffgewinnung sowie dem Verarbeitenden Gewerbe). Hierfür führten die Forschenden 13 leitfadengestützte Tiefeninterviews mit Betriebsrät*innen, Arbeitsdirektor*innen und Personaler*innen. Ergänzt wurde dies durch Interviews mit Gewerkschaftsvertreter*innen (IG Metall, IG BCE, IG BAU) und eine validierende Gruppendiskussion.

Über die Autor*innen

  • Dr. Valentin Espert

    ist 2025 Researcher im Forschungsbereich Strukturwandel und Innovation am Wuppertal Institut. Sein Schwerpunkt liegt auf der Governance von Transformationen.

  • Lisa Kolde

    arbeitet 2025 als Researcherin im selben Forschungsbereich. Sie fokussiert sich auf die Industrietransformation in Kohleregionen und Akzeptanzfragen.

  • Dr. Johannes Venjakob

    ist 2025 Co-Leiter des Forschungsbereichs Strukturwandel und Innovation am Wuppertal Institut und forscht zu gesellschaftlichen Implikationen der Energie- und Industriewende.