Direkt zum Inhalt

Milliarden für gute Arbeit: Die unterschätzte Bilanz der US-Klimapolitik

zuletzt aktualisiert: 2. June 2026

Der Umbau zur klimaneutralen Wirtschaft erfordert eine aktive Industriestrategie. Dass ein solches Paket historische Investitionen auslösen und gleichzeitig den Arbeitsmarkt stärken kann, zeigt der Report »The Receipts: The Untold and Underappreciated Outcomes of Biden’s Clean Energy Strategy« von Betony Jones und Joe Peck. Er wirft einen Blick auf die US-Klimapolitik der Biden-Regierung der Jahre 2021–2025 – und deckt eine Erfolgsgeschichte auf, die zu wenig erzählt wird.

Ein Arbeiter mit weißem Schutzhelm und Sicherheitsgurt geht eine Metalltreppe im Freien hinab. Im Hintergrund ragt ein großes Windrad vor blauem Himmel in die Höhe. Abstrakte Liniengrafiken legen sich wie ein Datendiagramm über das Bild.
Hinter abstrakten Wirtschaftsdaten zur Energiewende verbergen sich handfeste Perspektiven: Der gezielte Ausbau von Zukunftstechnologien schafft sichere Beschäftigung in den Regionen.IMAGO / VectorFusionArt

Das Wichtigste in Kürze

  • Aktive Industriepolitik in den USA führte zwischen 2021 und 2025 zu einem historischen Boom privater Investitionen in saubere Energien.

  • Der Staat knüpfte Fördermilliarden konsequent an Arbeits- und Sozialstandards, was zu einem massiven Anstieg gewerkschaftlicher Mitbestimmung und guter Jobs führte.

  • Zeitraubende Bauphasen und mangelnde politische Kommunikation führten jedoch dazu, dass diese greifbaren wirtschaftlichen Erfolge in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden.

  • Seit dem Regierungswechsel 2025 bedrohen die Abkehr von der aktiven Industriestrategie Joe Bidens und enorme Planungsunsicherheit die Erfolge im US-amerikanischen Energiesektor.

Der Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft ist ein gigantischer Kraftakt. Er gelingt nur, wenn Klimaschutz, wirtschaftliche Stärke und soziale Gerechtigkeit Hand in Hand gehen. Die USA haben in den Jahren 2021 bis 2025 gezeigt, wie dieser Dreiklang in der Praxis aussehen kann: durch eine aktive staatliche Industriepolitik. Mit dem Inflation Reduction Act (IRA) und massiven Infrastrukturgesetzen erlebte das Land ein historisches Investitionsprogramm.

Die Ergebnisse dieses Programms waren gewaltig. Fabriken schossen aus dem Boden, der Ausbau sauberer Energien beschleunigte sich rasant, und auf dem Arbeitsmarkt entstanden zehntausende gut bezahlte Jobs. Dennoch gilt diese Strategie im Nachhinein oft als gescheitert. Wie passt das zusammen? Die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie blickt hinter die Kulissen. Sie liefert die Zahlen und Fakten zu einem Transformations-Paket, dessen beeindruckende Erfolge in der öffentlichen Wahrnehmung schlichtweg untergingen.

Der historische Investitionsboom

Die US-Klimapolitik der damaligen Regierung war keine reine Umweltmaßnahme. Sie war eine tiefgreifende wirtschaftliche Intervention. Der Staat nahm viel Geld in die Hand, schuf steuerliche Anreize und gab dem Markt eine klare Richtung vor. Diese Strategie überzeugte Investoren. Das Ziel, eine heimische Lieferkette für saubere Energien aufzubauen, mobilisierte privates Kapital in historischem Ausmaß. Die angekündigten Investitionen in die Fertigung, den Ausbau und die Dekarbonisierung von grünen Technologien stiegen nach der Verabschiedung des IRA massiv an. Die staatlichen Anreize schafften Vertrauen in die Zukunft.

»The climate industrial strategy was extraordinarily effective in crowding in private-sector investment—that is, leveraging public capital to attract, rather than displace, more private capital.«
Betony Jones und Joe Peck über die enorme Anziehungskraft robuster staatlicher Förderungen für die Privatwirtschaft.

Keine Blankoschecks für Konzerne

Der entscheidende Unterschied zu früheren Wirtschaftsprogrammen lag in den strengen Förderbedingungen. Die Politik verteilte keine Blankoschecks. Wer Steuergutschriften oder Kredite in Millionenhöhe wollte, musste im Gegenzug hohe Standards beim Ausbau der Werke garantieren und nachweisen, dass »gute Jobs« entstehen – also Arbeitsplätze mit fairen Löhnen, sicheren Ausbildungsbedingungen und gewerkschaftlicher Mitbestimmung.

Dazu zählte das sogenannte Davis-Bacon-Gesetz, das die Zahlung von ortsüblichen, fairen Löhnen auf staatlich geförderten Baustellen zwingend vorschrieb. Gleichzeitig verlangte das Energieministerium detaillierte Pläne – sogenannte Community Benefits Plans. Unternehmen mussten belegen, wie sie mit lokalen Akteur*innen und Gewerkschaften kooperieren wollen, um Ausbeutung zu verhindern und die Region am Wohlstand zu beteiligen. Wer Ausbildungsplätze anbot und geprüfte ortsübliche Löhne zahlte, erhielt bis zu fünfmal höhere Steuergutschriften.

Die Erfolge in Zahlen

Die Kombination aus grünem Wachstum und harten sozialen Regeln zahlte sich wirtschaftlich messbar aus. Die Studie liefert dazu verblüffende Fakten aus dem US-Arbeitsmarkt:

  • Fast 60 Milliarden Dollar

    Auf diese Rekordsumme stiegen die tatsächlichen Investitionen (nach Baustart) in Fabriken für saubere Energien im Jahr 2023 an – gegenüber weniger als 5 Milliarden Dollar im Jahr 2019.

  • 9,5 Prozent

    So hoch war das Beschäftigungswachstum in der Produktion für saubere Energien.

  • 13 Prozent

    Um diesen Wert wuchs die Zahl der Beschäftigten im gesamten Baugewerbe in den USA zwischen Anfang 2021 und 2025.

  • Bis zu 27 Prozent

    Um diesen Wert stiegen zwischen 2021 und 2025 die Einstiegslöhne für Auszubildende, die an staatlich subventionierten Bau- und Energieprojekten mitarbeiteten. Junge Menschen erhielten so Zugang zu gut bezahlten Karrieren.

  • 40 Prozent

    Diesen Lohnaufschlag erhielten Bauarbeiter*innen durch die Durchsetzung von Mindestlohn-Standards bei staatlich geförderten Energieprojekten im Vergleich zur branchenüblichen Entlohnung.

  • 74 Prozent

    So hoch war der Anteil der großen staatlichen Energieförderungen, der vertraglich an formelle Vereinbarungen mit Gewerkschaften oder lokalen Gemeinden gebunden war.

Das Problem der unterschätzten Erfolge

Wenn diese aktive Industriepolitik so erfolgreich war, warum führte sie nicht zu politischen Erfolgen, warum verlor sie an Rückhalt? Die Studie benennt hierfür ein zentrales Problem: Zeit. Große Industrieprojekte entstehen nicht über Nacht. Zwischen der politischen Entscheidung, dem ersten Spatenstich für eine Fabrik und der tatsächlichen Produktion vergehen Monate bis Jahre.

Viele Fabriken befanden sich 2024 noch im Bau. Die Menschen sahen zwar Baustellen, aber die eigentlichen, dauerhaften Produktionsjobs in der neuen grünen Industrie waren noch gar nicht greifbar. Die positiven Wirtschaftsdaten verbargen sich in Statistiken für gewerbliches Bauen und Ingenieurdienstleistungen, nicht sofort in der klassischen Industrieproduktion.

Es ist immer herausfordernd, wirtschaftliche Veränderungen eindeutig politischen Interventionen zuzuordnen. Die zeitliche Verzögerung zwischen den industriepolitischen Maßnahmen und im Alltag spürbaren Effekten erschwerte zusätzlich, Erfolge der Biden-Politik wahrzunehmen und zu erzählen.

»Policies take time to translate into results that appear in economic data.«
Betony Jones und Joe Peck über die zeitliche Verzögerung von industriepolitischen Maßnahmen.

Sicherheit durch starke gesellschaftliche Bündnisse

Seit dem Regierungswechsel 2025 werden in den USA viele Vorgaben der progressiven Industriestrategie unter Joe Biden zurückgenommen. Gelder werden gekürzt, soziale Klauseln gestrichen. Diese politische Sprunghaftigkeit hat fatale wirtschaftliche Folgen – und sie zeigt die Bedeutung starker Netzwerke vor Ort, die staatliche Subventionen absichern können. Ein dauerhafter Klimaschutz hängt demnach nicht nur von Finanzmitteln ab, sondern vor allem auch von gut organisierten Bündnissen, die diesen Wandel gestalten und langfristig verteidigen können:

»Durable climate progress depends not only on capital investment but on organized constituencies capable of shaping and sustaining it.«
Betony Jones und Joe Peck über die gesellschaftlichen Voraussetzungen für erfolgreiche Klimapolitik.

Gute Gesetze allein reichen nicht aus. Es braucht etablierte Gewerkschaften, verlässliche Ausbildungsstrukturen und engagierte Netzwerke in den Kommunen. Wenn all diese Akteur*innen zusammenarbeiten, entsteht eine weitsichtige Industriepolitik. Eine Politik, die nicht nur das Klima schützt, sondern den Wohlstand in der Region hält und fair verteilt.

Vertiefung: Impulse für den Wandel in Europa?

Wie sich grüne Wirtschaft, aktive Industriepolitik und gute Arbeit auch in Europa erfolgreich zusammendenken lassen, bleibt eine der drängendsten Fragen unserer Zeit. Wer nach tiefergehenden Lösungsansätzen und Debatten sucht, findet diese im Panel-Gespräch auf der LABOR.A® 2025. Dort diskutiert die Studienautorin Betony Jones mit dem Wirtschaftsprofessor Sebastian Dullien die Lektionen aus den USA für europäische Perspektiven darauf, wie Klimapolitik den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann.

Fragen und Antworten zum Inflation Reduction Act (IRA) und der US-Klimapolitik 2021–2025

Dieser Text basiert auf:

Jones, Betony / Peck, Joe (2026): The Receipts. The Untold and Underappreciated Outcomes of Biden’s Clean Energy Strategy. Report Nr. k. A., The Roosevelt Institute, 72.

Über die Methodik

Die Autor*innen werten eine Vielzahl von Regierungs- und Drittanbieterdaten aus, darunter Arbeitsmarktdaten des Bureau of Labor Statistics (BLS), zertifizierte Gehaltsdaten des Energieministeriums (DOE) sowie den Clean Investment Monitor. Ergänzt wird die detaillierte quantitative Analyse durch 14 leitfadengestützte Interviews mit Führungskräften aus der US-Privatwirtschaft, deren Unternehmen zwischen 2021 und 2025 Fördergelder für grüne Energieprojekte erhalten haben.

Über die Autor*innen

  • Betony Jones

    ist 2026 Senior Fellow am Roosevelt Institute und Senior Policy Research Advisor am UC Berkeley Labor Center. Zuvor war sie als Direktorin des Office of Energy Jobs im US-Energieministerium während Joe Bidens Präsidentschaft maßgeblich für die Umsetzung der Regierungsstrategie für gute Arbeit zuständig.

  • Joe Peck

    ist 2026 Fellow am Roosevelt Institute, Research Associate am Productivity Institute und Fellow am Institute for the Future of Work in London. Seine Forschung konzentriert sich darauf, wie Regierungen die wirtschaftliche Mobilität von Arbeitnehmer*innen verbessern können.