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Jobwende im Ländle: Energiewende bringt Jobs, aber wer macht sie?

zuletzt aktualisiert: 29. May 2026

Die Energiewende ist beschlossene Sache, doch wer montiert die Wärmepumpen und steuert die smarten Stromnetze? Das Working Paper »Energiewende in Baden-Württemberg: Neue Herausforderungen für Beschäftigung, Fachkräfte und Qualifizierung« zeigt: Der Umbau zur Klimaneutralität schafft massiv Arbeitsplätze, trifft aber auf einen leergefegten Arbeitsmarkt. Eine Analyse darüber, wie aus dem Fachkräftemangel kein Bremsklotz für die Zukunft wird.

Kurz und knapp:

  • Jobwunder: Bis 2030 entstehen in Baden-Württemberg durch die Energiewende rund 38.000 zusätzliche Arbeitsplätze.

  • Kompetenzwandel: Gefragt sind nicht nur Handwerk und Technik, sondern zunehmend IT-Skills, Systemdenken und Projektmanagement.

  • Personalnot: Der demografische Wandel und fehlender Nachwuchs verschärfen den Mangel an Fachkräften massiv.

  • Lösungen: Mehr Frauen in Tech-Berufen, gezielte Qualifizierung und eine neue Lernkultur in Unternehmen sind essenziell.

Die gute Nachricht vorweg: Die Energiewende vernichtet keine Jobs, sie schafft welche. Und zwar viele. Doch genau hier beginnt das Problem. Das Land Baden-Württemberg hat sich ambitionierte Ziele gesetzt – bis 2040 soll die Klimaneutralität erreicht sein. Ein detaillierter Blick in den Maschinenraum dieser Transformation zeigt: Die Technik ist da, das Geld oft auch – aber die Menschen fehlen.

Vom Kohleausstieg zum Jobaufbau: Wo die Stellen entstehen

Die Zahlen zeigen ein beeindruckendes Wachstum in dem Bundesland. In den Kernbereichen der Energiewende – Energiewirtschaft, Gebäudesanierung und Industrie – steigt die Zahl der Erwerbstätigen von rund 100.000 im Jahr 2022 auf etwa 138.000 im Jahr 2030 an. Ein Plus von fast 40.000 Menschen. Der Zuwachs verteilt sich dabei wie folgt:

  • Energiewirtschaft: Hier entstehen mit einem Zuwachs von rund 17.700 Stellen die meisten neuen Jobs (+82 %), getrieben vom Ausbau der Photovoltaik und der Windenergie.

  • Gebäudesektor: Durch die Sanierung von Gebäudehüllen und den Einbau klimafreundlicher Heizungen wie Wärmepumpen werden rund 15.000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt.

  • Industrie: Allein durch Energieeffizienzmaßnahmen entstehen knapp 900 neue Stellen, wobei das Potenzial durch Elektrifizierung und Prozessumstellungen noch deutlich größer ist.

»Entscheidend ist die Qualität der Arbeit – Tätigkeitsprofile, lernförderliche Arbeitsgestaltung und Qualifizierung sind die wesentlichen wichtigen Stichworte.«
Kai Burmeister, Vorsitzender DGB Baden-Württemberg, über die neuen Arbeitsanforderungen für dem Hintergrund der Transformation

Die doppelte Transformation: Blaumann trifft Digitalisierung

Es geht aber nicht nur um »mehr« Arbeit, sondern um »andere« Arbeit. Die Energiewende trifft auf die Digitalisierung – Fachleute sprechen von einer »doppelten Transformation«. Für die Beschäftigten bedeutet das: Der klassische Handwerksberuf verändert sich radikal.

  • Spezialisierung und Systemdenken: Technologien werden komplexer. Eine Wärmepumpe ist heute Teil eines vernetzten Smart-Home-Systems. Es braucht Spezialist*innen, die das Gesamtsystem verstehen.

  • IT-Kompetenz: Monteur*innen warten Anlagen per Tablet, Datenanalysen steuern die Netze. IT-Wissen wird zur Grundvoraussetzung – vom Büro bis zur Baustelle.

  • Prozess- und Soft-Skills: Weil alles vernetzter und dezentraler wird, müssen Beschäftigte besser kommunizieren, in Projekten arbeiten und flexibel auf Probleme reagieren. Die Arbeit wird eigenverantwortlicher.

Die Energiewende in Zahlen

  • +38.000

    So viele zusätzliche Arbeitsplätze entstehen bis 2030 in den untersuchten Sektoren in Baden-Württemberg.

  • 4,2 %

    beträgt der Frauenanteil in der Energietechnik in Baden-Württemberg – ein riesiges, ungenutztes Potenzial.

  • +82 %

    beträgt allein das Jobwachstum im Sektor Erneuerbare Energien (Strom/Fernwärme).

Das demografische Loch

Während der Bedarf an Arbeitskräften steigt, gehen die geburtenstarken Jahrgänge – die sogenannten Boomer – in Rente. Der Fachkräftemangel ist bereits jetzt ein massiver Engpass und wird sich verschärfen. In Baden-Württemberg ist die Situation teils noch angespannter als im Bundesdurchschnitt. Offene Stellen in der Energietechnik oder im Baubereich bleiben oft monatelang unbesetzt.

»Studienergebnisse zeigen, dass fehlende Fachkräfte schon jetzt zum Engpass für die Umsetzung der Energiewende geworden sind – in Baden-Württemberg stärker als in Deutschland insgesamt.«
Ralf Löckener über den zentralen Engpass bei der Transformation in Baden-Württemberg

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Um diesen Mangel zu beheben, müssen klare Handlungsfelder adressiert werden. Ein »Weiter so« in der Personalpolitik reicht nicht mehr aus.

  1. Frauenpower nutzen: In vielen energiewenderelevanten Berufen sind Frauen massiv unterrepräsentiert. In der Energietechnik oder im Hochbau liegen die Frauenanteile teils im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Hier liegt ein riesiges, ungenutztes Potenzial.

  2. Qualifizierung neu denken: Aus- und Weiterbildung müssen agiler werden. Es braucht modulare Lernangebote, die auch während der Arbeit funktionieren. Inhalte wie »Digitale Vernetzung« müssen viel schneller in die Lehrpläne.

  3. Zuwanderung gestalten: Ohne Fachkräfte aus dem Ausland wird die Rechnung nicht aufgehen. Hürden bei der Anerkennung von Abschlüssen und bürokratische Bremsen müssen weg.

  4. Attraktive Arbeit schaffen: Die Energiewende ist sinnstiftend – das motiviert viele. Aber die Arbeitsbedingungen müssen stimmen. Flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsschutz und eine moderne Unternehmenskultur sind entscheidend, um Leute zu halten.

Industrie: Chance statt Risiko

Baden-Württemberg ist ein Industrieland. Die Sorge, dass hohe Energiepreise die Produktion vertreiben, ist real. Doch es gibt auch eine andere Seite: Die Herstellung von Klimaschutzgütern – also Maschinen und Anlagen für die Energiewende – ist ein wachsender Markt. Der Umsatz mit diesen Gütern hat sich im Land von 2013 bis 2022 deutlich gesteigert. Wenn die heimische Industrie ihre Innovationskraft nutzt, kann sie zum Ausrüster der globalen Energiewende werden.

Die Energiewende in Baden-Württemberg ist ein Jobmotor, der aber zu stottern droht, wenn der »Treibstoff« Personal fehlt. Es braucht eine gemeinsame Kraftanstrengung von Politik, Unternehmen und Gewerkschaften, um Qualifizierung und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Transformation nicht am Personalmangel scheitert.

Fragen und Antworten zur Energiewende in Baden-Württemberg

Über die Methodik

Die Untersuchung kombiniert eine quantitative Modellierung der Beschäftigungseffekte (basierend auf Input-Output-Rechnungen und Szenarien bis 2030) mit einer qualitativen Erhebung. Dafür wurden über 50 Interviews mit Expert*innen aus Unternehmen, Betriebsräten, Verbänden und Gewerkschaften in Baden-Württemberg geführt, um die Veränderungen in den Arbeitsanforderungen und Unternehmensstrategien zu erfassen.

Über die Autor*innen

  • Ralf Löckener

    ist 2025 Diplom-Geograph und Geschäftsführender Gesellschafter bei Sustain Consult. Er berät und forscht zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung auf der Ebene von Unternehmen, Branchen und Regionen.

  • Philip Ulrich

    ist 2025 Diplom-Geograph bei der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS). Sein Schwerpunkt liegt auf der Analyse ökonomischer Zusammenhänge auf Bundesländer- und Regionenebene sowie den Wirkungen von Klimaschutzmaßnahmen.

  • Lisa Becker

    ist 2025 Volkswirtin bei der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) im Bereich Energie und Klima. Sie arbeitet am makroökonomischen Modellbau zur Untersuchung energiewirtschaftlicher Wirkungen.

  • Dr. Katharina Hembach-Stunden

    ist 2025 Volkswirtin bei der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS). Sie forscht zu den regionalökonomischen Effekten von Klimaschutzmaßnahmen, dem Klimawandel und dem Ausbau erneuerbarer Energien.

  • Dr. Jenny Sundmacher

    ist 2025 Wirtschaftswissenschaftlerin und leitet bei Sustain Consult den Bereich der Beratung kirchlicher Organisationen. Ihre Schwerpunkte sind Umweltökonomie und Systemmanagement.

  • Birgit Timmer

    ist 2025 Diplom-Ingenieurin der Raumplanung und Geschäftsführende Gesellschafterin der Sustain Consult. Sie leitet Beratungsprojekte zur Industrie- und regionalwirtschaftlichen Entwicklung.